«Was auf den ersten Blick verlockend tönt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als nicht zu Ende gedachte Verlegenheitslösung», schreibt die Flawiler Ratskanzlei in der aktuellen «Flade»-Ausgabe, dem Informationsblatt der Gemeinden Flawil und Degersheim. Damit spricht sie die Pläne der St. Galler Regierung für die Zukunft der Spitäler im Kanton St. Gallen an. Denn erst letzten Herbst schickte diese ihre Pläne in die Vernehmlassung. Bereits damals nahm der Flawiler Gemeinderat dazu ausführlich Stellung: Er habe damals erklärt, dass die vorgeschlagene «4 plus 5»-Strategie  – vier Spitäler werden gestärkt und fünf Spitäler werden auf Gesundheits- und Notfallzentren reduziert – von vorneherein zum Scheitern verurteilt sei und sich als untaugliche und nicht gangbare «4 plus 0»-Strategie entpuppe. «Wie befürchtet ist die Regierung nicht auf die Kritik der fünf, von einem drastischen Abbau betroffenen Standorte eingegangen», heisst es im aktuellen Informationsblatt. Die Hausärzte wären die wichtigsten Partner eines ambulanten Gesundheits- und Notfallzentrums. «Doch die Hausärzte der Region wollen die nebulösen Vorstellungen der Regierung nicht mittragen», so die Ratskanzlei. Bei einer Umwandlung des heutigen Spitals in ein Regionales Gesundheits- und Notfallzentrum würden in Flawil über 200 Arbeitsplätze verloren gehen. «Ein unnötiges volkswirtschaftliches Desaster», fügt die Ratskanzlei weiter an.

Die Botschaft der Regierung sehe vor, dass am Spitalstandort Flawil ein Regionales Gesundheits- und Notfallzentrum (GNZ) aufgebaut werden soll. Dieses würde ein ambulantes Leistungsangebot mit einem gut erreichbaren und klar erkennbaren Notfallangebot kombinieren. Bei Bedarf und in Abstimmung mit dem Notfalldienst der niedergelassenen Ärzteschaft könnte das Notfallangebot auf einen 7-Tage- und 24-Stunden-Betrieb ausgedehnt sowie mit einem kleinen Bettenangebot für stationäre Kurzaufenthalte von in der Regel höchstens 24 Stunden ergänzt werden.

«Regierung hat keinen Plan»

«Die Regierung hat zudem keinen Plan, was mit ihrer überwiegend leerstehenden Spitalliegenschaft geschehen würde», so die Ratskanzlei. Selbst in Corona-Zeiten habe in St.Gallen niemand bemerkt, dass sich unter dem Spital eine grosse geschützte Operationsstelle (GOPS) befindet. Und niemand habe davon Notiz genommen, dass die von der Gemeinde Flawil mitfinanzierte und zur Schliessung vorgesehene Spitalküche auch die Mahlzeiten des angebauten Wohn- und Pflegeheims liefern müsse.

Bessere Lösungen?

Der Flawiler Gemeinderat stellt sich nicht partout gegen Veränderungen: «Im Gegensatz zu anderen Spitalstandorten bot er von Anfang an Hand für allfällige neue medizinische Angebote, Dienstleistungen und Kompetenzen.» Der Rat legte sich ins Zeug und präsentierte der Regierung des Kantons St.Gallen drei fundierte Vorschläge zur Weiternutzung des Spitals: Erstens, auf Empfehlung eines renommierten Gesundheitsökonomen, die Schaffung einer Spezialklinik des Kantonsspitals am Standort Flawil. «Obwohl dezentrale Strukturen, wie die jüngste Krise wieder zeigt, durchaus Vorteile haben, wurde dieses Szenario nur ungenügend geprüft und abgelehnt», heisst es von Seiten der Ratskanzlei.

Zweitens, der Verkauf der Spitalliegenschaft an die Privatklinikgruppe Swiss Medical Network für einen zweistelligen Millionenbetrag oder an die Berit Klinik AG. «Die Regierung lehnt diesen Vorschlag ab, weil das Kantonsspital und die Spitalverbunde offensichtlich den Wettbewerb, den Fortschritt und die Innovation von privaten Unternehmen fürchten», heisst es weiter. Beide Käufer wären bereit gewesen, das heutige Spital zu übernehmen und mit Arbeitsplatzgarantien in die eine oder andere Richtung weiterzuentwickeln. Dies habe seinen Grund: Das Spital Flawil sei mit seiner intakten Infrastruktur heute noch eines der modernsten Spitäler im Kanton St.Gallen. «Beide Privatkliniken sind immer noch an Verhandlungen für eine Übernahme des Spitals Flawils interessiert», informiert die Ratskanzlei.

Drittens, die Schaffung eines sogenannten «Med Plus»-Spitals als gemeinsamer Vorschlag der St.Galler Spitalkonferenz. Ein solches Spital mit einer stationären Grundversorgung der allgemeinen und inneren Medizin wäre aus Sicht des Gemeinderats für den Kanton St.Gallen eine medizinisch und ökonomisch sinnvolle Ergänzung zum Zentrumsspital in St.Gallen gewesen und hätte die regional unterschiedlichen Bedürfnisse unseres Kantons berücksichtigt. «Leider wurde auch dieser Vorschlag nur ungenügend geprüft und aus Kostengründen abgelehnt», erklärt die Ratskanzlei.

Der Gemeinderat gibt nicht auf

In den vergangenen Monaten hat der Gemeinderat zusammen mit der Solviva AG einen vierten Lösungsvorschlag entworfen: Die Solviva AG ist ein Schweizer Familienunternehmen, das im Bereich der Spezialpflege schweizweit neue Akzente setzt. Sie will zusammen mit Partnern am Spitalstandort Flawil ein Gesundheits-, Notfall- und Therapiezentrum aufbauen, in die Liegenschaft investieren und eine bedeutende Anzahl Arbeitsplätze erhalten.

«Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) in Nottwil will Flawil zur Ostschweizer Aussenstelle für die ambulante Versorgung von Menschen mit einer Querschnittlähmung machen», führt die Ratskanzlei weiter aus. Das vorgeschlagene Leistungsspektrum umfasse vor allem die Durchführung der Jahreskontrollen im Rahmen der lebenslangen Betreuung und Begleitung von Menschen mit Querschnittlähmung. Daneben seien weitergehende therapeutische oder diagnostische Massnahmen im ambulanten Bereich vorgesehen. «Dazu sollen kurzzeitstationäre Aufenthalte möglich sein, für querschnittgelähmte Personen, die vorübergehend oder periodisch therapeutische Behandlung benötigen oder bei denen das Betreuungsumfeld beziehungsweise die Angehörigen vorübergehend entlastet werden müssen», wird weiter erklärt.

Und was macht die Solviva AG?

Die Solviva AG will zusammen mit den Hausärzten der Region «ein auf das Bedürfnis der Bevölkerung abgestimmtes Gesundheits- und Notfallzentrum aufbauen und betreiben». Es solle eine Integrierte Notfallpraxis mit 24-Stunden-Anlaufstelle geben. Ausserdem solle in Zusammenarbeit mit dem Kantonsspital und den Hausärzten ein spezialärztliches Sprechstundenangebot entstehen, das durch therapeutische Dienste ergänzt werde. Schliesslich würde die Solviva AG verschiedene Angebote der Spezial- und Übergangspflege sowie Passarelle-Betten führen. «Mittelfristig will die Solviva AG rund 60 der heute bestehenden 75 Spitalbetten erhalten».

Nun ist der Kantonsrat am Zug

«Der Gemeinderat hat der vorberatenden Spitalkommission und dem Lenkungsausschuss den Vorschlag der Solviva AG zur Zukunft des Spitalstandorts Flawil am 1. Juli vorgestellt», informiert die Ratskanzlei. Der Gemeinderat pocht mit Nachdruck darauf, dass seine Bemühungen für eine Zukunft des Spitalstandorts Flawil akzeptiert werden. «Der Gemeinderat fordert vom Kantonsrat mit Vehemenz den Erhalt zahlreicher Arbeitsplätze am Standort Flawil.» Ausserdem fordere er die Rückgabe der Spitalliegenschaft an die Gemeinde Flawil zum seinerzeitigen Verkaufspreis von null Franken. «Mit der Ansiedlung des Schweizer Paraplegiker-Zentrums und des Weaningcenters in Flawil entsteht ein Mehrwert für die ganze Ostschweiz», meint die Flawiler Ratskanzlei, «Oder soll eine grosse Liegenschaft des Kantons auf viele Jahre hinaus einfach leer stehen?» (pd)