Der Lenkungsausschuss mit den drei Regierungsmitgliedern Heidi Hanselmann, Benedikt Würth und Marc Mächler sowie mit Felix Sennhauser und Yvonne Biri vom Verwaltungsrat der Spitalverbunde hat es sich zur Aufgabe gemacht, in allen acht Wahlkreisen des Kantons mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten. Im Thurpark in Wattwil standen die «Lenker» einem übervollen Saal gegenüber. Das Bekenntnis zum Spitalstandort kam unmissverständlich zum Ausdruck.

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Grosses Interesse an der Zukunft des Spitals Wattwil. Der Thurpark-Saal war randvoll.


Spitalschliessungen unumgänglich

Zur Vorgeschichte: Ausgelöst hatte die Diskussion um Spitalschliessungen Felix Sennhauser, oberster Spitalfunktionär im Kanton St. Gallen. Der Verwaltungsratspräsident der Spitalverbunde hat die Alarmglocke geläutet und stationäre Betten nur noch an vier der neun St. Galler Standorte als finanzierbar prognostiziert und rasche Entscheide gefordert.

Spitalregion mit roten Zahlen

Für den Standort Wattwil hatte sich die Situation insofern noch zugespitzt, als dies zwei Tage vor der Einweihung des Neubaus des Bettentrakts erfolgt war. Und just auf den Tag eines hochkarätig dotierten Podiumsgesprächs im Pfalzkeller hatte der Verwaltungsrat der Spitalverbunde die Debatte erneut befeuert. Das im ersten Halbjahr 2018 angelaufene Defizit von 4 Millionen Franken in der Spitalregion Fürstenland-Toggenburg veranlasste ihn, die zweite Ausbauetappe des Spitals Wattwil zu sistieren. Nachgeschobene Erklärung: Das bedeute lediglich eine Denkpause und stelle noch keine Aufgabe der Ausbaupläne dar.

Zur Spitalregion Fürstenland-Toggenburg gehören die Spitäler Wil und Wattwil. Wil scheint aber auf der sicheren Seite zu sein.


Grosses Defizit absehbar

Gesundheitschefin Heidi Hanselmann zeigte auf, was der Eingriff des Bundesrates in die Vergütungsstruktur im Jahre 2012 zur Folge hat. Die Tarife der Spitäler seien nicht mehr kostendeckend. Ohne Korrekturen werde bis 2023 ein Defizit von über 70 Millionen Franken prognostiziert. Die Immobilien der Spitäler sind am 1. Januar vom Kanton an die Spitalverbunde übergegangen. Auf die Alarmsirene des Präsidenten der Spitalverbunde, Felix Sennhauser, hat die Regierung reagiert, einen Lenkungsausschuss eingesetzt und Projektaufträge erteilt.

Spitalschliessungen, führte Hedi Hanselmann aus, seien keine beschlossen. Sie würden ausschliesslich in die Kompetenz des Kantonsrates fallen. Bei einem Referendum hätten die Stimmbürger das letzte Wort.

Erste Einschränkungen angeordnet

Eine massive Einbusse an Einnahmen erleiden die Spitäler nach Aussage von Felix Sennhauser durch Entwicklungen im medizinischen Bereich. Immer mehr Behandlungen könnten ambulant erfolgen. Dadurch verringere sich die Zahl der Patienten und der Pflegetage. Für Wattwil habe sich in den letzten fünf Jahren ein Minus von 10 Prozent bei der Patientenzahl und von 20 Prozent bei den Pflegetagen ergeben. Bereits getroffene Massnahmen sind: Seit dem 1. April wird nachts nicht mehr operiert, seit dem 1. August auch sonntags nicht mehr. Und ab April 2019 werden dringliche Operationen nur noch in Wil ausgeführt.

Aus der Region Toggenburg entschieden sich nur 30 Prozent für das Spital Wattwil, 70 Prozent gingen in andere Spitäler, sagte Felix Sennhauser.


Ungewisse Zukunft

Die 2017 geschaffenen Spitalverbunde hätten nicht als Ziel, gewinnbringend zu arbeiten. Sie müssten aber die Rechnungen selber bezahlen, führte Finanzchef Benedikt Würth aus. Deshalb müssten die Unternehmen wirtschaftlich geführt werden und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung sicherstellen.

Von den 85 für den Ausbau von Wattwil bewilligten Millionen sind 50 verbaut. Bauchef Marc Mächler erklärte die vom Verwaltungsrat angeordnete Denkpause, die er als Unterbruch bezeichnete. Falls schliesslich mit geringfügigen Änderungen weitergebaut werde, falle dies in die Zuständigkeit des Verwaltungsrates, bei grösseren müsse die Regierung entscheiden, und für ein neues Projekt wäre der Kantonsrat zuständig.

Yvonne Biri zeigte Alternativen zu einem klassischen Spital auf. Möglich wären medizinische Gesundheitszentren, Tageskliniken oder Spezialbetriebe (geriatrische Rehabilitation, Schmerztherapie)

Die Meinungen waren gemacht

Nach der einstündigen Information durch die Mitglieder des Lenkungsausschusses wurde während einer weiteren Stunde der Unzufriedenheit und dem Unmut freien Lauf gelassen. Und jeder Einsatz für die Beibehaltung des Spitals Wattwil wurde mit Applaus unterstützt. Die Entgegnungen durch den Lenkungsausschuss dagegen lösten meist nur Kopfschütteln aus. «Wir gehen für unser Spital auf die Barrikaden», beteuerte eine Votantin.


«Wir sind keine Bürger zweiter Klasse»

Als erster Diskussionsredner kam der Wattwiler Gemeindepräsident Alois Gunzenreiner zu Wort. Unter grossem Applaus forderte er den Lenkungsausschuss auf, die Sorgen und Nöte der Bevölkerung ernst zu nehmen und zu reflektieren. Es gehe für Wattwil und das Toggenburg um die Gesundheitsversorgung und um Arbeitsplätze. Ein Kahlschlag werde nicht in Kauf genommen. Bereits hätten 5'500 Personen die Petition für den Erhalt des Spitals Wattwil unterzeichnet. Gunzenreiner bezweifelte, dass nur 30 Prozent der Toggenburger nach Wattwil ins Spital gingen. Den Verantwortlichen unterstellte er ein Führungsproblem.

Der Verwaltungsrat habe den Volksauftrag zu respektieren und den erteilten Auftrag auszuführen. Sein Verhalten vermittle eher den Eindruck, die Schliessung sei schon beschlossene Sache, als dass ergebnisoffen evaluiert werde: «Wir sind keine Bürger zweiter Klasse».

Notfallversorgung in Frage gestellt

Es äusserten sich unter anderen Kantonsräte und medizinische Fachleute. Alle Redner setzten sich für den Erhalt des Spitals ein. Man habe das Spital absichtlich herunterkommen lassen, lautete ein Vorwurf, und mit dem Baustopp habe man vollendete Tatsachen geschaffen und die Schliessung vorprogrammiert. Der Vizepräsident des Fördervereins bemängelte, dass man sich nur auf kantonsinterne Möglichkeiten und Vergleiche beschränkt habe. Aus der Ärzteschaft wurde bedauert, dass die Notfallversorgung heute schon erschwert und künftig verunmöglicht werde.