Der Kantonsrat hat im Dezember 2021 eine neue Spitalstrategie beschlossen. Diese sieht die Schliessung des Spitals Flawil per Mitte 2021 vor. Konkret werden der Notfall am 4. Juni 2021 geschlossen, das stationäre Angebot per 18. Juni 2021 und das ambulante Angebot per 25. Juni 2021 aufgehoben.

Abbruch und Neubau

Die Nachfolgelösung der Solviva bedingt den Abbruch eines Grossteils des heutigen Spitalgebäudes. Dieses wurde letztmals in den 1990er-Jahren erneuert und ist für die geplante Neuausrichtung nicht mehr geeignet. Eine Ausnahme bildet der heutige Trakt C, der unter anderem die Küche und das Restaurant umfasst. Dieser Trakt wird vom Kanton an das Wohn- und Pflegeheim Flawil (WPH) übertragen und dient als Reserve für die spätere Erweiterung des WPH. Die restlichen Gebäude werden durch die Solviva abgebrochen. Anschliessend wird der Neubau des Kompetenzzentrums für Gesundheit, Therapie und spezialisierte Langzeitpflege errichtet. Die Vorarbeiten für das Bauprojekt haben bereits begonnen. Zurzeit wird eine Vorprojektstudie mit der Baubehörde der Gemeinde besprochen. Die Studie bildet die Grundlage für vertiefte Gespräche mit den beteiligten Partnerinnen und Partnern. Nach heutiger Planung ist im Frühling 2022 mit der Baueingabe zu rechnen und im Herbst 2022 mit dem Start des Abbruchs. Die anschliessende Bauphase dauert rund eineinhalb Jahre, so dass das neue Zentrum im Sommer 2024 den Betrieb aufnehmen kann. Solviva rechnet mit einem Investitionsvolumen zwischen 32 und 35 Millionen Franken.

Medizinische und pflegerische Nachfolgeangebote

Das neue Kompetenzzentrum für Gesundheit, Therapie und spezialisierte Langzeitpflege bietet aus heutiger Sicht folgende Angebote:

Solviva

Solviva plant die Realisierung eines Angebots von rund 70 Betten für die spezialisierte Langzeitpflege von Personen mit weitergehenden, komplexen Pflege- und Betreuungsbe- dürfnissen. Das Pflegeangebot richtet sich an Patientinnen und Patienten aus der ganzen Schweiz und grenzt sich klar ab von den Pflegeleistungen, welche das angrenzende Wohn- und Pflegeheim Flawil (WPH) und die regionalen Alters- und Pflegeheime erbringen. Solvi- va führt derzeit ausserdem intensive Verhandlungen mit einer schweizweit tätigen Organi- sation, die im Bereich Hirn-Schädel-Verletzungen tätig ist und im neuen Kompetenzzent- rum ein spezielles Pflegeangebot aufbauen will.

Schweizer Paraplegiker Zentrum Nottwil

Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum Nottwil (SPZ) plant in Flawil den dritten SPZ-Aussenstandort – neben Bellinzona und Lausanne – für die ambulante Betreuung von querschnittgelähmten Personen sowie von Personen mit komplexen neurologischen Erkrankungen. Das vorgesehene Angebot kombiniert Leistungen des SPZ sowie der weiteren Gesellschaften der Schweizer Paraplegiker-Gruppe. Der Fokus liegt auf der wohnortnahen ambulanten Beratung und Behandlung von spezifischen paraplegiologischen Fragestellungen, der Therapie und des Coachings im Rahmen der lebenslangen Betreuung und Begleitung von Menschen mit Querschnittlähmung. Vorgesehen sind in Flawil ferner weitergehende diagnostische und therapeutische Leistungen durch Ärztinnen und Ärzte und eines Therapieteams des SPZ in Flawil.

Kantonsspital St.Gallen

Das Kantonsspital St.Gallen (KSSG) beabsichtigt – in Absprache mit der niedergelassenen Ärzteschaft –, im geplanten Neubau weiterhin ambulante Dienstleistungen für die Bevölkerung der Region Flawil anzubieten. Im Vordergrund der aktuellen Abklärungen stehen spezialärztliche Sprechstunden und Behandlungen in den Bereichen Orthopädie, Allgemein- und Viszeralchirurgie, Urologie, Kardiologie und Gastroenterologie sowie ambulante Schmerztherapie in Zusammenarbeit mit dem SPZ.

Weitere medizinische und paramedizinische Anbieter

Im Kompetenzzentrum für Gesundheit, Therapie und spezialisierte Langzeitpflege sollen weitere spezialärztliche Praxen sowie paramedizinische Angebote (insbesondere Physio- therapie, Ergotherapie und Logopädie) Platz finden. Es laufen bereits Gespräche mit interessierten regionalen Leistungserbringern und möglichen weiteren Mietern.

Notfallversorgung

Die Notfallversorgung für die Region Flawil wird ab Anfang Juni 2021 auf die neue Situation ausgerichtet. Die niedergelassene Ärzteschaft hat ihre Organisation angepasst und wird in diesem Bereich neu mit dem Spital Wil zusammenarbeiten. Ein rund um die Uhr geöffnetes Notfallzentrum am Standort Flawil erachtet die Ärzteschaft aufgrund der Nähe zu den Notfallspitälern St.Gallen und Wil als nicht notwendig. Der hausärztliche Notfalldienst kann die Notfallversorgung zusammen mit dem Rettungsdienst wie bisher sicherstellen. Neu ist, dass ab 1. Juni 2021 Anrufe auf die hausärztliche Notfallnummer nach 23 Uhr ans Spital Wil umgeleitet werden. Dort ist die interne Übernahme der anfallenden Notfallanrufe durch die Dienstequipen der Notfallstation sichergestellt. Schwere Notfälle gelangen via die Notrufnummer 144 und den ausrückenden Rettungsdienst direkt ins nächstgelegene geeignete Akutspital.

Palliative Care

Die stationären Angebote Palliative Care und Schmerztherapie werden Ende Juni 2021 nach St.Gallen verlegt. Infolge des Neubauvorhabens ist der ursprünglich für eine fünfjährige Übergangsfrist geplante Weiterbetrieb nicht im vorhergesehenen Ausmass möglich.

Mitarbeitende können nach St.Gallen wechseln

Alle Mitarbeitenden des Spitals Flawil haben die Möglichkeit erhalten, an den Standort St.Gallen zu wechseln. Die heute gemeinsam vom Spital und dem Wohn- und Pflegeheim Flawil betriebene Küche wird durch das WPH übernommen. Ein Teil des Küchenpersonals (rund zehn Mitarbeitende) wird deshalb durch das WPH weiterbeschäftigt.

Ein weinendes und ein lachendes Auge

In einem Kommentar zur heute verschickten Mitteilung schreibt Flawils Gemeindepräsident Elmar Metzger: 

"Während fast 130 Jahren wurden im Spital Flawil Menschen geboren, gepflegt oder in ihrer letzten Lebensphase liebevoll begleitet. Es tut weh, dass dies nun zu Ende geht. Der Gemeinderat kämpfte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Verlust der ehemals rund 250 Arbeitsplätze. Doch dem Rat wurde im Verlauf der Diskussion schnell klar, dass der Blick nach vorne gerichtet werden muss. Er forderte am Standort Flawil von Anfang an neue medizinische Angebote, Dienstleistungen und Kompetenzen. Der Gemeinderat klopfte dabei auch bei der Solviva AG an und liess sich von ihrem Angebot überzeugen. Dieses ergänzt das bestehende Wohn- und Pflegeheim optimal. Und Solviva hält Wort. Sie kommen, um zu bleiben und wollen in Flawil zwischen 32 und 35 Millionen Franken investieren. 70 Betten für die spezialisierte Langzeitpflege sollen entstehen. Die Zahl der Arbeitsplätze im neuen Kompetenzzentrum wird mittelfristig mit denen des heutigen Spitals vergleichbar sein. Der Gemeinderat freut sich auf das Zukunftsprojekt und heisst die Solviva AG, das Schweizer Paraplegiker- Zentrum und alle weiteren interessierten Gesundheitsdienstleister in Flawil herzlich willkommen."

Die SP macht sich Sorgen

Schnell reagiert hat die SP. Bei ihr löst die Mitteilung aus dem Gesundheitsdepartement mit Blick auf die Spitalkapazitäten für die kommenden Jahre Sorgen aus. 

In ihrer Mitteilung schreibt die Partei: Das Spital Rorschach ist bereits geschlossen. Mit der Schliessung des Spitals Flawil in zwei Monaten gehen weitere 75 Betten verloren. Die SP befürchtet, dass damit eine Versorgungslücke entsteht. Das Kantonsspital steht noch mitten in der Sanierungs- und Ausbauphase und die zusätzlichen Bettenkapazitäten stehen noch nicht bereit. Auch ein Erweiterungsbau in Wil ist noch nicht realisiert. Wohin sollen die Patientinnen verlegt werden, wenn am KSSG kein Platz mehr ist? Diese Frage stellt sich grundsätzlich, diese Frage stellt sich aber auch deshalb, weil die Hospitalisationen von Patienten mit Covid-19 in den vergangenen Tagen wieder angestiegen sind und die Öffnungsschritte befürchten lassen, dass ein weiterer Anstieg folgt.