Weihnachten scheint ein stark von Traditionen geprägter Brauch. Diese sind allerdings weit weniger alt als man denken würde. 

Die Adventszeit ist ein Potpourri. Beispielweise ist der Weihnachtsmann ein kultureller Import und in der Deutschschweiz erst seit wenigen Jahren präsent.

Der gutmütig wirkende rotbackige Mann mit Vollbart im knallroten Gewand hat seine Ursprünge in einer Mischung des Heiligen Nikolaus in Verbindung mit den nordischen Gottheiten Wotan, Odin und Thor. Gemäss Mythologie rauschen diese in den Winternächten durch die Lüfte. Daher ist der Weihnachtmann in seiner zivilisierten Form mit einem Rentierschlitten unterwegs.

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In das Erscheinungsbild des Weihnachtsmanns sind Vorstellungen des nordischen Gottes Wotan eingeflossen. (Bild: wikipedia) 


Christbäume seit hundert Jahren

Auch die Christbäume beruhen nicht auf einer sehr alten Tradition. Die lichtergeschmückten Tannen stehen hierzulande erst seit rund 100 Jahren in den Stuben und auf den Plätzen. 

Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz, kam der Brauch im 19. Jahrhundert von Deutschland hierher. Anfänglich waren beleuchtete Nadelbäume zu Weihnachten lediglich in Kirchen, Schulen und Pfarrhäusern reformierter Städte zu sehen.

Den Adventskranz seinerseits hat sich in der Schweiz ab dem Zweiten Weltkrieg verbreitet, auch diese Tradition stammt Deutschland.

Und auch die Geschenke liegen auch nicht seit Jahrhunderten unter dem Weihnachtbaum. Um 1800 war der St. Nikolaus der einzige Gabenbringer, so ist es im Historischen Lexikon nachzulesen. In reformierten Gebieten übergab man sich am Neujahr Präsente und im Tessin am Dreikönigstag.

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Die finsteren Städten schauten in früheren Jahrhunderten Nachtwächter zum Rechten. (Themenbild von wikipedia) 


Finstere Wiler Nächte

Wenn heute ab der Dämmerung Schaufenster, Strassen und Hausfassaden von elektrischen Sternen und von Lichterketten erhellt werden, braucht es einige Fantasie, um sich das vorweihnächtliche Wil in früheren Jahrhunderten vorzustellen. 

Damals war es in der Stadt nach Sonnenuntergang weitgehend dunkel – und unheimlich. Turm- und Nachwächter schauten im Finstern zum Rechten. 

Gemäss der Historikerin Magdalen Bless-Grabher waren in manchen Dezembernächten junge Burschen in den Gassen unterwegs. Sie schrien, lärmten und treichelten mit Kuhglocken. 

Der frühere Wiler Ratsschreiber Gottfried Kessler seinerseits notierte 1916 in einem Bericht: «Etwa 8 Tage vor St. Nikolaus springen abends als «Chläuse» vermummte Knaben mit Schellengeklingel durch die Gassen.»

Wilde Kläuse

Diese «Chläuse» waren laut Bless-Grabher undefinierbar verkleidet. Solche «Chläuse» hätten mit dem Heiligen Bischof von Myra nichts als den Namen gemeinsam, schreibt die Historikerin. Auf den Bischof von Myra geht der Nikolausbrauch zurück. Sie bringt sie mit den «wüeschten Chläusen» am alten Sylvester in Urnäsch in Verbindung.

In einem Wiler Ratsprotokoll von 1776 wird gerügt, dass 60 dieser wilden «Chläuse» einen Tumult veranstaltet hätten.

Zuvor hatte sich der damalige Fürstabt über das unmanierliche Benehmen dieser Jugendlichen beschwert. Es kam gemäss Bless-Grabher immer wieder Klagen über das übermässig laute Schellen und den «krummen Gesang» dieser wilden Horden.

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In der Mythologie rauschte der Gott Thor mit seinem Wagen durch die Lüfte.  (Bild: wikipedia)  


Poltern in der Nacht

In alter Zeit wurde in Wil in der Vorweihnachtszeit auch der Brauch der Bochselnacht gepflegt. Laut Wikipedia wurden dieser Ritus auch in Süddeutschland und in verschiedenen Schweizer Gemeinden und Städten begangen. Dabei zogen junge Männer durch die Gassen und polterten an Türen und an Fensterläden. 

Das mittelhochdeutsche Verb «bochseln» bedeutet schlagen, klopfen, poltern. Es steht für Lärm erzeugen und Schabernack treiben. 

Diese Bräuche wurden früh verboten. Bless-Grabher vermutet, dass sie in Wil im 16. Jahrhundert untersagt wurden und danach möglicherweise im Treiben der «wilden Chläuse» aufgingen. 

Die lärmenden Bochselumzüge fanden in der Regel an einem Donnerstag statt, der Vegetationsgott Thor heisst in manchen Regionen auch Donar. Der Donnerstag erhielt von ihm seinen Namen.

Totenseelen

Volkskundler sehen die Ursprünge des lautstarken Treibens in der Vorweihnachtsnächten in römischen, keltischen und germanischen Riten. Nach den mythologischen Vorstellungen waren vor der Wintersonnenwende Dämonen sowie die Seelen der Ahnen unterwegs. Das Tor zur Unterwelt stand in dieser Phase des Jahres offen.

Nach altem Volksglauben war gemäss Bless-Grabher speziell in der Neujahrsnacht «das unheimliche, finstere Totenheer, auch Wildes Heer oder Wuotisheer genannt, besonders aktiv («Wuotisheer» leitet sich ab von «Wotansheer», also das Heer des altgermanischen Gottes Wotan oder Wodan.)»

Ursprünge des Schenkens 

Die Historikerin Bless-Grabher schreibt weiter: «Ähnlich wie die «Kläuse» symbolisierten wahrscheinlich auch die bochselnden Leute ursprünglich Totendämonen, die in den heiligen Nächten zu den Lebenden zurückkehrten und hier ihr Unwesen trieben.»

Gemäss ihren Schilderungen haben diese Dämonen gemäss alter Vorstellung nicht nur Unfug in Form von Lärm gemacht, sie haben auch Segen gebracht und die Menschen beschenkt: «Später wurden dann diese Bescherungsbräuche christlich umgedeutet und auf das Weihnachtsfest übertragen», so Bless-Grabher.