Ein erster bekannter intensiver Kontakt der Wilerinnen und Wiler mit den Franzosen spielte sich im Jahr 1634 ab: Damals tauchte Herzog Henri de Rohan mit 14 000 Soldaten vor der Stadt auf. Von diesem Ereignis berichtet der Wiler historisch interessierte Geistliche Karl Steiger. Er hat in verschiedenen Publikationen über Ereignisse in der Wiler Geschichte geschrieben.

Post inside
Herzog Henri de Rohan traf mit 14 000 Soldaten in Wil ein. 


Schützen in Position

Im Auftrag des französischen Königs war Rohan mit seiner Truppe nach Graubünden unterwegs. Der Heerführer wollte mit einem Gefolge von 30 Reitern in der Stadt übernachten. Doch es drängten weit mehr berittene Militärangehörige durch das Stadttor, als vereinbart. Dies löste bei der Bevölkerung Angst aus und es kam zu Tumulten. Die Wiler Musketiere postierten sich ihrerseits vor dem damaligen Rathaus.

Sprachverwirrung

Der französische Befehlshaber erklärte dem damaligen äbtischen Statthalter den Bruch der Vereinbarung mit Verständigungsschwierigkeiten. Seine Truppen bestünden aus Angehörigen aus verschiedenen Ländern, wegen der sprachlichen Unterschiede komme es öfters zu Missverständnissen. Schliesslich zog der Herzog mit seien Gefolge ab und nahm in Rickenbach Quartier.

Wiler Söldner

Wie Steiger erwähnt, waren zuvor etliche Wiler Söldner von de Rohan kommandiert worden. Er war somit in der Stadt kein Unbekannter. Dass Wiler für Frankreich - und auch für andere Länder - in die Schlacht zogen, war damals keine Seltenheit.

Post inside
Französische Truppen 

Laut dem Wiler Chronisten Karl Ehrat betätigte sich der 1629 geborene Fidel von Thurn auch als Soldatenwerber für den damaligen französischen König. Der gebürtige Wiler war ein einflussreicher Beamter der Fürstabtei.

Stoffe aus Wil

Eine weitere Verbindung zu Frankreich bildet der Tuchhandel. Um 1700 nahmen laut Ehrat die Wiler Marx Anton Müller und Hans Georg Kienberger in Lyon Wohnsitz, um dort Leinwand mit Herkunft Wil zu verkaufen. Allerdings erwiesen sie sich nicht als geschickte Kaufleute, ihre Unkosten überschritten die Einnahmen. Zudem machen sie kaum Anstalten, die französische Sprache zu erlenen. Dies brachte ihnen den Tadel des Wiler Rates ein.

Post inside
Der  französische Tuchhändler Joseph Marin Morel hinterliess bis heute sichtbare Spuren in Wil. Bild: wilnet

Eine weitere Verbindung war Marin Joseph Morel (1733-1820),der Tuchhändler aus Savoyen liess sich in Wil nieder. Er errichte in der Altstadt ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus, das heute als Sitz der Stadtverwaltung dient.

Erste Fabrik

Auf dem Hofberg liess sich der vermögende Kaufmann für sich und seine für seine Familie ein Sommerhaus einrichten. Aus ihm wurde das spätere Restaurant Ölberg. Um 1795 errichtete er am Friedtalweg ein stattliches Wohn- und Geschäftshaus, in dem heute das Röntgeninstitut untergebracht ist. Um 1819 entstand dort mit einer mechanischen Spinnerei der erste Fabrikbetrieb von Wil. Bis heute sind über dem Eingang die Initialen des damaligen Bauherrn zu erkennen.

Post inside
Das Monogramm am Türsturz erinnert an den Erbauer des Gebäudes am Friedtalweg: Joseph Marin Morel. Die Liegenschaft wurde als erste Fabrik in Wil genutzt. 


Flüchtlinge

Als im Zuge der Französischen Revolution von 1789 die allgemeinen Menschen – und Bürgerrechte proklamiert wurden, machten sich in Wil die Auswirkungen der revolutionären Umtriebe in Frankreich unmittelbar bemerkbar. Eine Gruppe Nonnen, zwei Benediktinerpater, zwei Kapuzinerpater sowie sechs weitere Geistliche aus dem westlichen Nachbarland fanden in Wil Asyl.

Am 19. Mai 1796 verschied Abt Beda Angehrn; neuer und zugleich letzter Fürstabt wurde Pankraz Vorster, dessen Mutter war die französische Gräfin Anna Maria Rosa Berni.

Machtklüngel

In Wil gärte es infolge revolutionärer Umtriebe in Frankreich. Ein Wortführer war der Sattlermeister Stephan Sailer. Er scharte Wiler um sich, die mit den herrschen den politischen Verhältnissen in der Stadt unzufrieden waren. Die Stadt wurde von einigen wenigen Familien dominiert, viele Amtsgeschäfte waren wenig transparent. Sailer wurde von den Schriften des elsässischen Advokaten Jean-Françoise Reubell, der in der französischen Revolution eine führende Rolle spielte, inspiriert.

Im Januar 1798 rückte die französische Armee Richtung Bern vor. Dies war das Fanal zum Sturz der bisherigen Ordnung in der Eidgenossenschaft. Abt Pankraz Vorster floh nach Wien.

Neue Freiheit

Am 12. Mai 1798 kamen mittags 16 französische Husare und ein Offizier in Wil an. Am Mai 1798 rückte der aus dem Elsass stammende französische General Lauer mit seinen Truppen in Wil ein. Unter anderem wünschte er die katholische Kirche zu besichtigen. Gemäss dem Geschichtsautor Kurt Steiger liess das Stichwort «katholisch» die Wiler aufhorchen. Französische Truppen standen im Ruf, kirchliche Wertgegenstände zu entwenden.

Eiligst versteckte man die wertvollen Kultgegenstände der St. Nikolauskirche. Die in Gold und Silber gefasste Reliquie des Heiligen Pankratius konnte nicht so leicht entfernt werden. Damals war sie laut Steiger hinter einem Altarblatt versteckt, das nur zu bestimmten Anlässen geöffnet wurde. Um den französischen Offizier von genauerer Prüfung des Altarblattes abzuhalten, setzte sich der damalige Stadtschreiber Fidelis Müller an die Orgel und begann zu spielen. Das Ablenkungsmanöver war erfolgreich. Gleichentags zogen die französischen Truppen weiter nach St. Gallen.

Post inside
Die Schriften des französischen Advokaten Jean-Françoise Reubell brachten revolutionäres Gedankengut nach Wil. 

Aus Freude über die neuen Verhältnisse im Land errichteten Stephan Sailer und seine Anhänger in der Stadt zwei Freiheitsbäume mit der Aufschrift «Freiheit, Gleichheit». Und sie steckten sich Kokarden nach französischem Vorbild an den Hut.

Verwundete in Wil

Ab September 1798 machten immer wieder grössere französische Truppenkontingente in der Stadt und in der Umgebung Station. Sie waren Richtung Bodensee und Rheintal unterwegs. Zum Teil legten sie auch auf dem Rückweg in Wil einen Halt ein. Der Hof wurde zum Teil als Truppenlazarett genutzt.

Post inside
200 Angehörige der Bourbaki-Armee wurden vorübergehend in Wil aufgenommen. Foto: wilnet

1871 war Frankreich abermals in Wil wiederum präsent: Während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71 drängte das deutsche Militär die französische Ostarmee unter dem Kommando von General Bourbaki in den Jura ab. Am 1. Februar überschritten 87 000 erschöpfte und demoralisierte Soldaten die Grenze zur Schweiz. Sie wurden auf verschiedene Gemeinden verteilt. 200 französische Armeeangehörige wurden Wil zugeteilt und im Kornhaus am Fuss des Hofberges einquartiert und von der Stadtbevölkerung versorgt.