In den Jahren um 1900 breitete sich in Mitteleuropa und in den USA eine Krankheit massiv aus. Um 1914 war sie eine der meistgestellten Diagnosen: Neurasthenie, zu deutsch: Nervenschwäche, im Volksmund auch als «elektrische Krankheit» bekannt. Laut Wikipedia war sie eine Modekrankheit.

Zu den Symptomen gehören häufige Kopfschmerzen, Schwindel, Ängstlichkeit, Sexualstörungen, Verdauungsprobleme, Verstimmungen, Atembeschwerden und Kreuzschmerzen. Die Krankheitszeichen überschneiden sich mit den Anzeichen einer Erschöpfungsdepression sowie eines Chronischen Erschöpfungssyndroms.


Mehr Tempo im Alltag

Das massive Ausbreiten der Neurasthenie wurde damals der erheblich veränderten Lebensweise durch die Fortschritte in der Technik zugeschrieben, sie führte zu einem beschleunigten Alltag. Viele Menschen waren damit überfordert, ihr Nervensystem schien darauf mit Überreizung zu reagieren.

Bereits früher, bei der Einführung der Eisenbahn in der Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts, rechnete man infolge des ungewohnten Reisetempos bei Fahrgästen mit Gehirnschäden. Bei Kühen wurde eine Störung der Milchproduktion und bei Hühnern eine Blockade beim Eierlegen befürchtet.

Grosser Lärm

Zur befürchteten Überreizung des menschlichen Nervensystems trugen auch neue Formen der Energienutzung bei, allen voran elektrischer Strom. Er brachte eine bisher ungewohnte Helligkeit in die Strasse und Räume und er brachte Maschinen zum Rattern, etwa mechanische Webstühle und Stickmaschinen. Um 1895 errichtet die St. Galler Firma Reichenbach & Co in Bahnhofsnähe von eine Fabrik mit Schifflistickmaschinen. Eine Buntweberei hatte in Wil bereits 1853 ihren Betreib aufgenommen. Für nicht daran gewöhnte Personen herrschte in einem Textil-Maschinensaal infernalischer Lärm.

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Im Südquartier errichtet die St. Galler Firma Reichenbach eine Fabrik mit Schifflistickmaschinen Foto: wilnet 

Elektrischer Strom wurde auch in der 1881 errichten Aktienbrauerei eingesetzt. Der markante Ziegelstein-Bau war ein Sinnbild für die damals gute Wirtschaftslage.

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Um die Jahrhundertwende wurde beim Bahnhof eine grosse Brauerei gebaut. Foto: wilnet 


Neues Licht

In die Haushaltungen wurden Gasleitungen verlegt. 1912 erhielten verschiedene Haushalte in Wil eine Gasbeleuchtung. Der Energieträger wurde bald auch zum Kochen und zur Heisswasser-Aufbereitung genutzt.

«Man kann lebhaft begreifen, wenn es den Einwohnern von Wil wie ein Wunder erschien, als die Stuben und die Werkstätten durch das blendend weisse Gaslicht erhellt wurden», schreibt der ehemalige Betriebsleiter Rudolf Bösch in einer Jubiläumspublikation zur Gasversorgung in Wil.

Die Strassen Wils wurden damals nachts nicht von Gasflammen erhellt, 1901 war eine erste elektrische Strassenbeleuchtung eingerichtet worden. Für Privathaushalte waren noch keine zweckmässigen Glühlampen erhältlich, so wurden in ihnen Gas als Lichtspender installiert.

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Die Vorführung von ersten Filmen war damals eine Sensation. 


Lebende Fotos

Die Forschung machte damals in der Chemie sowie im Ingenieurwesen grosse Fortschritte: Kühne Brückenkonstruktionen, Bahnhofshallen und Fabriken nahmen Gestalt an. Information rasten als Telegramme von Stadt zu Stadt und von Land zu Land. Bald konnte man auch per Telefon miteinander über Distanz sprechen.Das erste Telefonverzeichnis von Wil erschien 1891. 

Um die Jahrhundertwende stand im «Hotel Schwanen» ein Kinématograph der Compagnie Lumière im Einsatz und zeigte «Lebend Photographien». Die ersten Filmvorführungen verblüfften das Publikum.

Die ersten Autos knatterten damals durch die Strassen, am Himmel brummten erste Flugzeuge und schwebten Zeppelin-Luftschiffe. Auf den Seen dampften Schiffe, die Eisenbahn und Lastwagen beschleunigten den Warentransport. Und die neuen Autobusse erleichterten das Reisen. Postkutschen wurden ausgemustert. Die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten schien angebrochen – bis der Erste Weltkrieg die Aufbruchstimmung wie ein Ballon platzen liess.