«Lange Zeit war die Sonne der Inbegriff für vornehme Gastlichkeit. Aber seit es diese Limonande gibt, pfui, die kann man nicht trinken, denn die ist dreimal dünner als Brunnenwasser» wetterte vor über hundert Jahren ein Sonne-Gast. Der verstorbene Freizeit-Geschichtsforscher Willi Olbrich zitiert diesen in seinem Buch über die Wiler Gastronomiegeschichte.

1891 übernahm der damalige Wirt der Sonne zusätzlich ein Limonadengeschäft. Offenkundig konnten sich nicht alle Gäste für die zuckerhaltigen Getränke begeistern, wie dies obiges Zitat vermuten lässt.

Hoher Alkoholkonsum

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war hierzulande gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz der Konsum von Spirituosen weit verbreitet. Grund dafür war die liberalisierte staatliche Kontrolle über die Herstellung von Branntwein. In der Folge brannten viele Bauern billigen Schnaps. Dadurch verbreitete sich die Alkoholkrankheit stark. Als Reaktion darauf bildeten sich mitgliederstarke Abstinenzbewegungen, die der sozialen Verelendung durch Alkohol entgegenwirken wollten.

Missachtete Vorschriften

In jenen Jahren wirtete Franz Anton Sailer in der Sonne. Er war Abkömmling eines Wiler Bürgergeschlechts, das sich als äbtische Beamte einen Namen gemacht hatte. Laut Olbrich fanden die Behörden nicht immer Wohlgefallen an ihm: Er liess die Liegenschaft 1862 durch einen Neubau ersetzen und dabei unerlaubterweise eine Stiege anbringen, was eine Strafe nach sich zog. 1865 musste er sich vor dem Gemeinderat verantworten, weil er bis um 23 Uhr Gäste bedient hatte.

Lokals für Vereine 

Ab 1866 hiess der neue Gastwirt in der Sonne Franz Josef Peterli. Er kombinierte das Gastlokal mit einer Bäckerei. 

In jenen Jahren wohnten rund 2000 Personen in Wil. Das Gasthaus Sonne entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt. Beispielsweise hielt dort die Theatergesellschaft (heute Musiktheater) ihre Mitgliederversammlung ab. Dort kamen zudem die Mitglieder der Musikgesellschaft (heute Stadtharmonie) sowie der Wiler Artilleristen zusammen.

Während die Wiler Ortsbürger die Fastnacht in der Tonhalle feierten, begingen sie die Einwohner ohne Wiler Bürgerrecht, die Schamauchen, in der Sonne. Am Aschermittwoch trafen sich Bürger und Schamauchen in der Sonne zum traditionellen Stockfisch essen.

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Altstadt-Ansicht von Karl Peterli (Foto: zVg) 


Kraftprotz

In jenen Jahren lockten die Wiler Gaststätten das Publikum mit unterschiedlichen Attraktionen. Im Schwert in der Altstadt war etwa die «Kolossaldame Pauline Berg» mit 416 Pfund Lebendgewicht zu sehen, im Pfauen gab es einen konservierten Walfisch zu bestaunen, im Adler trat ein Gedankenleser auf und im Schwanen gastierten Velo-Akrobaten. In der Sonne trafen die Gäste auf den stärksten Mann der Welt. Der aus New York angereiste, bot jeder Person Fr. 1000.- die ihm in der Kraft gleichkam.

Als besonders originelle Werbung lud Wirt Franz Josef Peterli am 19. März 1874 sämtliche Träger des Vornamen Josef zur gemeinsamen Feier des Namenstags in die Sonne ein.

Billard

Als 1886 Franz Josef Peterlis Sohn Alfred die Gastwirtschaft übernahm, richtete er einen Billardtisch ein. Er stand bis zum Ende der Ära Peterli, 1972, in der Sonne.

Ein Abkömmling der Wirtefamilie ist Karl Peterli (1897-1975), der als Kunstmaler zahlreiche Winkel und Ansichten von Wil bildnerisch festgehalten hat. Ein besonders bekanntes Beispiel seines Schaffens ist der Torbogen bei der St. Nikolauskirche.

Wiler Forum

Sein Sohn Gabriel schildert in einer Publikation das Verhältnis von Vater Karl zur Gastwirtschaft. Diese wurde nach dem Tod des Vaters von seiner Mutter geführt, Sohn Karl hielt sich als Erwachsener oft dort auf.

Vereine und Wirtschaften waren damals die Treffpunkte der Wiler Männer. Gemäss Gabriel Peterli stand in der Sonne der «lange Tisch – beinahe ein Art öffentliches Forum». An den drei zusammengeschobenen Tischen konnten bis zu zwanzig Personen sitzen. Dort nahmen Kaufleute, Akademiker, Reallehrer und Lokalhistoriker Platz. Am Tisch sass oft auch sein Vater, der gelegentlich Lokalgäste auf dem Skizzenblock festhielt.