Nach mittelalterlichen Vorstellungen motivierten finstere Mächte die Menschen zu verwerflichen Taten. Der Verbrecher galt als ein von einem Dämon besessener Mensch, der dadurch an der Aussage der Wahrheit gehindert werde, schreibt der Wiler Chronist Karl Ehrat. «Durch die Folterung verliess der Satan seinen Besitz, was nunmehr ermöglichte, dass der Angeklagte seine Tat bekennen konnte.» Deshalb hatten Richter und Henker die Pflicht, mit allen Mitteln zu versuchen, den Dämon auszutreiben, um zur Wahrheit zu gelangen.

Tod vermeiden

Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz hatte der Scharfrichter darauf zu achten, dass das Folteropfer an den Qualen nicht starb. Ausnahmen waren Hexen, wenn sie während der Tortur ihr Leben aushauchten, galt dies als Beleg für ihre Verbindung zu finsteren Mächten.

Auch in Wil mussten manche Menschen schwere Qualen erdulden. Ehrat erwähnt das Beispiel des Konrad Conz, der im 14.Jahrhundert einen Mord begangen haben soll. Ausserdem wurde ihm Diebstahl sowie Ketzerei vorgeworfen. Als Strafe zerschlug ihm der Scharfrichter Arme, Beine und den Rücken und flochten ihn auf ein Rad. Dieses wurde in die Höhe gezogen. Danach wurde der malträtierte Conz im Feuer getötet.

Heilkundige Henker

Die Tätigkeit der Scharfrichter galt als unehrenhaft. Daher waren sie vom bürgerlichen Stadtleben ausgeschlossen, sie durften beispielweise nicht an Trinkrunden mit Handwerksleuten teilnehmen. Und sie und ihre Nachkommen durften nur unter ihresgleichen heiraten.

Obwohl ihnen die gesellschaftliche Anerkennung verwehrt blieb, galten sie zum Teil als heilkundig, weil sie sich zum Ausführen der verschiedenen Folterpraktiken anatomische Kenntnisse aneignen mussten. Gemäss dem Historischen Lexikon wurden sie als Zauberkundige angesehen, weil sie Zugang zu Henkerstricken und zu Knochen von Hingerichteten hatten. Diese galten als magische Abwehrmittel gegen finstere Mächte.

Anklage gegen Tiere

Auch wenn dies heute befremdend wirkt, beschäftigt sich die mittelalterliche Justiz auch mit Tieren. Wie man durch entsprechende Aufzeichnungen weiss, wurden etwa 1596 in Marseille über zwei Delfine Gericht gehalten. Was ihnen vorgeworfen wurde, ist nicht bekannt.

Besonders häufig mussten Schweine vor den Richtern erscheinen, beispielsweise sind aus Frankreich 200 Fälle bekannt. Der Grund dafür ist ihre Nähe im Alltag zu den Menschen sowie ihre Gefrässigkeit und ihr Rottenverhalten. Schweine galten früher als eine Art Abfallentsorger.

Auf der Suche nach Nahrung streiften sie durch die Gassen. Dabei kamen immer wieder Kleinkinder und vereinzelt auch Erwachsene zu Tode. Davon berichtet ein gewisser E.P. Evens, der 1906 ein Buch über Tiere im Gerichtssaal publizierte.

Schlechtes Vorbild

1457 stand in der Waadtländer Gemeinde Savigny eine Sau mit ihren sechs Ferkeln vor Gericht. Ihnen wurde die Tötung eines fünfjährigen Knaben vorgeworfen. Wegen ihres jugendlichen Alters wurden die Ferkel freigesprochen, sie seien durch das schlechte Vorbild ihrer Mutter verführt worden. Diese selber konnte dem Todesurteil nicht entweichen.

Nicht immer wurde im Mittelalter die Tötungsabsicht den Tieren selber zugeschrieben, man glaubte an ihre Besessenheit durch diabolische Mächte. Als einer der Belege dafür wurde ein Schwein gewertet, das an einem fleischlosen Karfreitag ein Baby gefressen hatte.

Aufgehängte Kadaver

Nicht nur Nutztiere konnten Juristenfutter werden, auch Holzwürmern, Insekten, Schnecken, Ratten und anderen Schädlingen wurde der Prozess gemacht. Unter Androhung der Exkommunikation wurden sie aufgefordert, von ihrem schädlichen Tun abzulassen.

Zu den Frevlern zählten auch Wölfe, die immer wieder beim Vieh Schaden anrichteten. Konnte diese Raubtiere gefangen genommen oder erlegt werden, wurden sie an Bäumen oder an Galgen aufgehängt, und zwar so, dass sie ihren Artgenossen als Abschreckung dienen sollten. Laut Chronist Ehrat hängt der Flurnamen «Wolfgalgen» mit dieser Praxis zusammen. Wie er vermutet, wurde davon der Name der Wolfhaldenstrasse in Wil abgleitet.

Werwolf

Insgesamt sind im deutschsprachigen Raum Ortsbezeichnungen, die auf Wolfbeseitigung hindeuten weit verbreitet. Vor ihrer Tötung wurden sie in der «Wolfsgrub» oder im «Wolfskaul», damit wird ein Loch oder eine Grube bezeichnet, in die Falle gelockt. Auch der Name der Appenzeller Gemeinde Wolfhalden könnte auf das einstige Zurschaustellen von toten Wölfen hindeuten.

Im Mittelalter wurde der Wolf nicht nur als Raubtier bewertet, auch bestimmte Menschen konnten ihre Gestalt annehmen und sich in dämonische Werwölfe verwandeln.