Auslöser war für den Zank war ein Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien im Jahr 1815. Er spie derart gewaltige Mengen an Asche in die Atmosphäre, dass das Sonnenlicht kaum bis zur Erde durchdringen konnte. In der Folge sprach man vom «Jahr ohne Sommer». Auf den Feldern kam es zu erheblichen Ernteausfällen.

In vielen Gemeinden hungerten die Menschen; die Wilerinnen und Wiler kamen vergleichsweise glimpflich davon. «Ein Hauptfaktor dafür, dass die Wiler Bürgerinnen und Bürger besser durch die Hungernot kam als andere, war der Markt», schreiben Oliver Schneider und Verena Rothenbühler in der 2020 erschienen neuen Wiler Stadtchronik. «Er war der wichtigste Pfeiler der städtischen Ökonomie und bot die Möglichkeit, trotz Krise in unmittelbarer Nähe Grundnahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen zu kaufen.»

Konkurrenz für Wil

Am 16. September 1817 holte der Flawiler Landjäger Rudolf Brühwyler den Wiler Kreisammann Rütti um halb vier Uhr morgens wegen eines Geheimauftrags aus dem Bett. Auf Anweisung der St. Galler Kantonsregierung sollte er überprüfen, ob der Kanton Thurgau tatsächlich ein Getreideausfuhrverbot erlassen hatte.

Rütti meldete in die Kantonshauptstadt, dass dieses Gerücht zutreffe. Die Thurgauer Regierung hatte Ausfuhrbeschränkungen für Getreide und Kartoffeln erlassen und Bestimmungen im Transit- und Zollbereich erlassen. Zudem informierte Rütti über die Pläne für einen neuen Wochenmarkt in Rickenbach. Durch diesen drohte dem Markt in Wil ernsthafte Konkurrenz

Verhandlungen zwischen den beiden Kantonsregierungen führten zu keiner Einigung.

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(Foto: wilnet) 


Erhebliche Einbussen

Als Gegenmassnahme verbot die St. Galler Regierung ab Februar 1818 ihren Bürgern den Verkauf von Vieh, Lebensmitteln und weiteren Produkten auf dem Rickenbacher Markt. Darauf ergriff der Thurgau Sanktionen. «Der lokale Marktstreit hatte sich endgültig zu einem Wirtschaftskrieg zwischen den beiden Kantonen hochgeschaukelt», schreiben Rothenbühler und Schneider.

In Wil machte man sich grosse Sorgen. Jede Woche gingen Wil durch den Markt in Rickenbach 500 Franken an Einnahmen verloren, pro Jahr betrage die Einbusse 26 000 Franken, klagten sie der St. Galler Regierung.

Im Frühjahr 1818 waren die schlimmsten Auswirkungen der Hungersnot überstanden, die Preise für Lebensmittel normalisierten sich wieder. «Beide Kantone waren nun bereit, über die Abschaffung der Handelssperren zu verhandeln», ist bei Rothenbühler und Schneider nachzulesen.

Zähe Verhandlungen

Am 4. August 1819 trafen sich hochrangige Vertreter der beiden Kantonsregierungen bei der Brücke in Oberbüren zu Verhandlungen. Das Ergebnis: Wil wurde als Marktort bestätigt, in Rickenbach wurden künftig nur noch einige wenige Jahrmärkte pro Jahr abgehalten. Als Gegenleistung musste Wil dem Thurgau währen 25 Jahren einen Teil seiner Einnahmen aus Zöllen und Gebühren abliefern. «Dieser Kompromiss beendete den beinahe zwei Jahre dauernden Wirtschaftsstreit, der durch die grosse Not der Jahre 1816/17 losgetreten worden waren und danach eine seltsame Eigendynamik angenommen hatte», schreiben Rothenbühler und Schneider.