Die ersten Vereinigungen für Blasmusik entstanden laut dem Historischen Lexikon der Schweiz als Folge der Besetzung der Schweiz durch die französischen Revolutionstruppen um 1798. Sie brachten einen neuen Musikstil ins Land, darunter auch die mitreissenden Marseillaise.

Zur Verbreitung der Blasmusik trug zusätzlich die Erfindung von Ventilen für Blechblasinstrumente um 1810 bei.

In den Anfangsjahren spielten die neugegründeten Formationen vor allem bearbeitete Werke für Orchester sowie Opern- und Operettenthemen. Der Grund war der Mangel an Kompositionen für Blechblasmusik. Ab 1900 wurden zunehmend mehr Stücke die speziell für diese Instrumente geschrieben.

Instrumentalunterricht

«Im 19. und 20. Jahrhundert waren die Musikvereine von grosser gesellschaftlicher Bedeutung, weil es für die einzige Möglichkeit waren, ein Instrument zu erlernen oder sich das Notenlesen anzueignen», heisst es im Historischen Lexikon weiter. «Die Instrumente wurden den Mitgliedern oft von Gemeinden oder privaten Gönnern zur Verfügung gestellt.» Mit der Einführung der Jugendmusikschulen ab 1970 nahm die Bedeutung von Blasmusikvereinen als Ausbildner für den musikalischen Nachwuchs ab.

Erste Blasmusik in Wil

Als 1862 die Eidgenössische Blasmusikgesellschaft gegründet wurde, entstanden im Land viele weitere Formationen. Zwei Jahr zuvor, im Januar 1860, schlossen sich in Wil 18 Männer zur «Metall-Harmonie» zusammen.

Die Angehörigen des neuen Wiler Blechmusik-Vereins schienen laut einer Jubiläumschrift sehr diszipliniert geprobt zu haben, bereits im Mai gaben sie in der Stadt ein Konzert unter freiem Himmel. Im Herbst desselben Jahres feierte der Schweizerische Studentenverein in Wil. Beim Abendessen und beim Umzug wurde er von der «Metall-Harmonie» klanglich begleitet.

Die Musikbegeisterung schien von kurzer Dauer, bereits im Gründungsjahr gaben einige Mitglieder ihren Austritt. Die verbliebenen Musikanten führten an der folgenden Fastnacht ein Theaterstück auf, um so die Vereinskasse aufzubessern. Das Publikumsinteresse war gross und der finanzielle Erfolg entsprechend. Er wurde von den Vereinsmitgliedern so ausgiebig gefeiert, so sehr dass die Einnahmen dafür aufgebraucht wurden.

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Begleitklänge für viele Anlässe

Doch es ergaben sich weitere Einnahmemöglichkeiten, die Wiler Formation wurde in verschiedene Gaststätten für Konzerte engagiert. Auch an Prozessionen, am Endschiessen, am Silvester, bei Beerdigungen, bei Empfängen und bei Umzügen lieferten sie die entsprechende klangliche Begleitung.

Trotz erfolgreichen Auftritten schwankte die Zahl der Mitwirkenden. Als 1864 lediglich noch vier Mitglieder dem Verein angehörten, wurde Ende Jahr dessen Auflösung beschlossen.

Bereits im folgenden Mai wagten zehn Instrumentalisten den Neustart; zwei Jahre später wurde erneut das Ende eingeläutet. Der Grund: Einige Mitglieder sangen zugleich im Männerchor Concordia, daher kam es bei den Probeterminen zu Überschneidungen.

Fusion

Im Sommer 1866 wurde der Verein im Hof von 35 Anwesenden als Fusion der «Blasmusikgesellschaft von Wyl» mit der «Musikgesellschaft Wylen-Rossrühti» erneut gegründet. Als statutarisches Ziel verfolgte sie die: «Hebung und Verschönerung des geselligen Lebens durch Musik.»

Die Schwierigkeiten der Vergangenheit blieben dem Verein erhalten: Mitgliederschwund, mangelhafte Teilnahme an den Proben sowie unzureichende Finanzmittel. Gleichwohl wurde die Musikformation immer wieder zu Auftritten eingeladen. Im Sommer 1877 hatte der Verein allerdings wieder nur ein Traktandum an seiner Versammlung: die Auflösung.

1892 gründeten einige Unentwegte die «Stadtmusik Wyl». Es wurden neue 16 Instrumente angeschafft, eine grössere Schar von Passivmitgliedern half bei der Finanzierung. Ab 1895 trat die Musikformation erstmals mit eigenen Uniformen und bald darauf mit einer eigenen Fahne auf. Am Musikfest im Wädenswil vom 14./15. Juni 1908 wurde sie stolz präsentiert. Der Musikverein errang im Wettbewerb den 4.Platz. In den Folgejahren trafen bei der Stadtmusik immer wieder Einladungen zu Aufritten vor Publikum ein, etwa auf dem Nollen oder auf einem Schiff auf dem Zürichsee.

Mit einer erfolgreichen Wettbewerbsteilnahme in Vorarlberg konnte sie 1921 ihren ersten Auslandsauftritt in der Chronik vermerken. Am 1. Kantonalen Musikfest in Wattwil vom 14./15. Juli 1928 errang die Stadtmusik Wil von allen Formationen die höchste Punktzahl.

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Solidarität für Arbeitslose

Dass es in der Musikvereinigung um mehr als lediglich gemeinsames Musizieren ging, zeigte sich im wirtschaftlichen Krisenjahr 1932, der Vorstand suchte für Mitglieder, die ihre Stelle verloren hatten, neue Arbeitsplätze.

Immer wieder erwies sich die Stadtmusik Wil als wichtiger Teil des städtischen Lebens in Wil, sie spielte nicht nur regelmässig an der Fastnacht auf, sie holte die Kinder nach der Schulreise vom Bahnhof ab, organisiert Unterhaltungsabende und wirkt an kirchlichen Anlässen mit. Sie wurde auch zum Aushängeschild der Stadt, dies belegen etwa sehr positive Rückmeldungen bei Auftritten beim seinerzeitigen Radio Beromünster.

Aufkommende Konkurrenz

Mit dem damals aufkommenden Radio ergab sich eine neue Auftrittsplattform, gleichzeitig aber auch eine neue Konkurrenz. Doch mit dem technischen Fortschritt rangen zunehmend mehr Mitbewerber um die Aufmerksamkeit des Publikums, namentlich Schallplatten, CDs und Musikplattformen im Internet.

Sie alle konnten die «Stadtharmonie Wil», wie sie sich mittlerweile nennt, nicht überflüssig machen, bis heute ist sie aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt nicht wegzudenken.

Gut zu wissen:

Das Thema neue Uniformen stellte sich bei der Stadtmusik Wil, der heutigen Stadtharmonie Wil, immer mal wieder. 1907 kommt es beispielweise zu langen Diskussionen, ob die neuen Uniformen bei einer Wiler oder bei einer auswärtigen Firma beschafft werden sollen. Schliesslich erhält die Firma Helbling aus Rapperswil den Zuschlag. Laut einer Jubiläumsschrift werden zur Finanzierung Lose verkauft.

Unter amtlicher Aufsicht findet im «Wilden Mann» die Losziehung statt. Preise im Wert von rund 330 Franken werden nicht abgeholt. So wird beschlossen, dem Kassier anstelle des üblichen Honorars einen Tisch mit sechs Sesseln im Wert von Fr. 70.- zu übergeben. Es war der dritte Preis der Verlosung. Die übrigen nicht abgeholten Wettbewerbsgewinne werden am nächsten Konzertabend zum Erwerb angeboten.

1949 sind neuen Uniformen ein weiteres Mal ein Thema. Am 12. November marschiert die Stadtharmonie in den bisherigen Uniformen durch die Stadt. Am Abend konzertiert sie in den neuen Tenues in der Tonhalle. 

Laut einem damaligen Zeitungsbericht erntete das Wiler Musikkoprs für seine neuen Uniformen Beifallsstürme. Die bisherigen Uniformen können dem Kantonalen Asyl Wil, heute Psychiatrie Nord, für Franken 25 pro Stück verkauft werden.

Hier finden Sie weitere Angaben zur Neuuniformierung der Stadtharmonie Wil