Im Jahr 1669 wurde das „Steckliträge“ erstmals in einem Protokoll der Stadtschützen erwähnt. Schon damals bildete der Umzug den Auftakt zum Endschiessen. Der farbenfrohe Umzug, an dem sich jeweils auch die Wiler Trachtengruppe beteiligt, lockte vor dem Beginn der Wiler Herbst-Schulferien eine stattliche Menschenschar in die für einmal richtig belebte Altstadt.

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Jeweils vor den Herbstferien präsentieren sich die Stadtschützen in der Innenstadt der Wiler Bevölkerung.

Startschuss aus dem Langgewehr
Gestartet wurde das „Steckliträge“ mit einem Schwarzpulver-Knall aus einem historischen Langgewehr. Eine grosse Zahl von Kindergärtlern und Primarschülern in Begleitung ihrer Lehrkräfte und Eltern sowie Grosseltern vermittelte auf dem Rundgang vom Hofplatz zur Oberen Bahnhofstrasse und zurück auf den Goldenen Boden ein buntes Bild. Mitgeführt wurden Fähnchen und kleine Päcklein, welche als symbolische Gaben an einem Stecken befestigt werden.

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Der zottelige Wiler Bär war vor und während des Umzugs omnipräsent.

Der Einladung zum Mitmarschieren im Tatzelwurm waren in diesem Jahr auch Stadtpräsidentin Susanne Hartmann, Parlamentspräsident Luc Kauf und Jutta Röösli als Schulratspräsidentin und Stadträtin gefolgt.

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Die Bäckergesellen mit ihren Butterbrezeln

Fester Bestandteil des Umzugs waren die von der Cevi Wil gestellten Bäckergesellen mit den frischen Butterbrezeln, der feuerrote „Schybenzeiger“, die beiden bunten Pajasse und der zottelige Wiler Bär, der den Kindern Malbüchlein und Farbstifte schenkte und ein beliebtes Fotomotiv ist.

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Bei den Wiler Stadtschützen steht der Nachwuchs bereit.

Wehrhafte „Schiessgesellen“
Über die Entstehung des „Steckliträge“ ist recht wenig bekannt. Zu mittelalterlichen Zeiten musste sich auch das Städtchen Wil immer wieder gegen den Ansturm kriegerischer Horden wehren. Nebst gut gesicherten Stadttoren und Stadtmauern verliess sich die Bevölkerung nicht zuletzt auf die „Schiessgesellen der Stadt“, die Vorgänger der heutigen Stadtschützen. Diese „Schiessgesellen“ genossen ein hohes Ansehen. Deshalb liessen es sich die Obrigkeit und die Gewerbetreibenden nicht nehmen, den Schützen zum Endschiessen allerhand Gaben zukommen zu lassen. Die Wiler Schulkinder trugen die an Steckli gebundenen Gaben schon damals durch die Stadt.

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In dieser Kinderschar wurde fleissig gebastelt.

Auch die häufigen und regelmässigen Vergabungen im 15. und 16. Jahrhundert von Wein und Hosen durch den Schultheiss und die Räte im Vorfeld des Endschiessens können als Vorläufer dieses alten Brauches betrachtet werden.

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Ein „Steckliträge“ ohne Stadtharmonie Wil ist undenkbar.

Interessant ist, dass einst beim Sammeln der Gaben für das Absenden nach dem Endschiessen nicht nur eine Liste mit den Spendern geführt wurde, sondern dass auch jene Personen, von denen eine Absage kam, namentlich erwähnt wurden.

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Auch die Stadttambouren sind ein fester Bestandteil des Umzugs.

Ab 1874 gehörten die Wiler Kadetten, gebildet aus den Knaben der Realschule, ebenfalls zum Umzug, bis diese Form des militärischen Vorunterrichts in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts aufgehoben wurde.

Süssmost und Brezeln
Der Umzug endet traditionellerweise auf dem Goldenen Boden, wo die Stadtharmonie und die Stadttambouren Jung und Alt mit einem Platzkonzert erfreuen. Für ihre Teilnahme werden die vielen Kinder und Erwachsenen jedes Jahr mit Süssmost und Brezeln belohnt.

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Schulratspräsidentin Jutta Röösli, Parlamentspräsident Luc Kauf, Stadtpräsidentin Susanne Hartmann und Dani Bischof, Präsident der Stadtschützen (v.l.)

Mit der Pflege dieses alten Brauchs wird zwischen den Stadtschützen und der Jugend der Stadt eine Brücke geschlagen. Der Anlass der Stadtschützen, deren Geschichte bis ins Jahr 1420 zurück reicht, endete für die beteiligten Vereine im Gewölbekeller des Hofs zu Wil.

Gelebte Traditionen erhalten Stadt lebendig
Dani Bischof, der neue Präsident der Stadtschützen, stellte beim abschliessenden Umtrunk die Frage, ob dieser Umzug denn noch zeitgemäss sei. Er beantwortete die Frage gleich selber, nämlich mit einem klaren Ja: „Gelebte Traditionen wie das „Steckliträge“ halten unsere Stadt lebendig. Traditionen vermitteln den Bewohnern ein Gefühl von Geborgenheit und rufen alte Erinnerungen wach“. Bischof dankte ganz besonders der mitmarschierenden Jugend. An ihr liege es, diese Traditionen an die nachfolgende Generation weiter zu geben.

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Nach dem Umzug herrschte auf dem Hofplatz ein buntes Treiben.

Bischof wies darauf hin, dass im kommenden Jahr ein Jubiläum gefeiert werden könne. Dann blicke das „Steckliträge“ auf sein 350-jähriges Bestehen zurück. Ein Jahr später werden die Wiler Stadtschützen mit verschiedenen Aktivitäten das 600-jährige Jubiläum ihres Vereins begehen.