Herr Mosimann, wie ist die Region Wil aktuell als Wirtschaftsstandort positioniert?

Die Region boomt, insbesondere im historischen Kontext und im kantonalen Vergleich. Im nationalen oder gar internationalen Vergleich sind die Ostschweizer Brötchen aber nach wie vor bescheiden. Und unsere «Hefe» liegt hauptsächlich in der Nähe zum Wirtschaftsraum Zürich. Die Region profitiert vom Verdrängungseffekt. Entsprechend wichtig ist die gute Verkehrsanbindung nach Zürich, welche bereits heute stark belastet ist.

Wie steht Wil im Vergleich zu Mitbewerbern da?

Das Feld der Mitbewerber ist breit und sehr heterogen. Wir laufen zwar nicht am Schluss des Feldes, aber befinden uns leider auch nicht in der Spitzengruppe und können um den Sieg nicht mitmischen. Es ist wie mit dem FC Wil, Ziel muss es sein, dass wir uns im Mittelfeld etablieren und sporadisch auch gegen einen der Grossen einmal einen Sieg verzeichnen können. Dies bedingt, dass wir uns auf unsere Stärken konzentrieren und taktisch klug agieren.

Post inside

Marcel Mosimann ist eidg. dipl. Immobilientreuhänder und Schätzungsexperte SEK/SVIT (Foto: zVg) 

Gibt es Verbesserungsbedarf, ist die Region genügend innovativ? 

Verbesserungsbedarf gibt es doch immer und etwas mehr Kreativität schadet sicher auch nicht. Als Koch würde ich etwas mehr Selbstvertrauen, eine Prise Stolz und etwas Exotisches für eine unerwartete Geschmacksnote beimischen. Mut wird oftmals durch starre Regeln gehemmt, entsprechend sollten wir darauf achten, dass wir möglichst gute Rahmenbedingungen haben und uns nicht regional zusätzlich einschränken.

Wie sehen die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven für die Region aus?

Die Zukunft können wir alle gemeinsam mitgestalten. Sind wir bereit unseren Beitrag zu leisten und die Ärmel hochzukrempeln - diese sollten schon längst oben sein! - und sind wir uns auch nicht zu schade eine Extrameile zu laufen, so sehe ich für uns alle eine positive Zukunft.

Hat die Region besondere Vorzüge, sozusagen Alleinstellungsmerkmale?

Die Welt ist zusammengerückt und die Schweiz ein Dorf. Eine Besonderheit, welche uns den Erfolg im Schlaf beschert haben wir leider oder Gott sei Dank nicht. Wir haben aber selber die Möglichkeit ein positives Umfeld zu schaffen. Dazu sind eine optimistische Grundhaltung und eine Machermentalität wichtige Voraussetzungen. Neid und Missgunst, sowie Ängste und eine Überregulierung behindern das Wachstum. Freuen wir uns doch an jedem erfolgreichen Unternehmen und sind dankbar für jeden guten Steuerzahler.

Post inside
Marcel Mosimann: «Für die Region Wil ist es wichtig, dass der Entwicklungsschwerpunkt Wil-West zeitnah verfügbar wird.» (Foto: Adrian Zeller)

Für die Region Wil ist es wichtig, dass der Entwicklungsschwerpunkt Wil-West zeitnah verfügbar wird. Dadurch schaffen wir auch für die nächste Generation die Möglichkeit von einem künftigen Wachstum zu profitieren. Auch hier gilt es festzuhalten, dass dieses Gebiet national oder international gesehen Ostschweizer Dimensionen aufweist. Es ist für die Region wohlproportioniert und verträglich. Natürlich wird es nicht nur Gewinner hervorbringen und der eine oder andere wird negativ davon betroffen sein. Wie war das aber damals bei der Eisenbahn oder der Autobahn? Trotzdem waren beide Grossprojekte für die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend und wären heute nicht mehr wegzudenken.

Post inside
Marcel Mosimann:  «Ich für mich sehe eine sehr hohe Lebensqualität in der Region Wil.» (Foto: Stadt Wil) 

Wie fällt die Lebensqualität in der Region Wil aus?

Dazu würde es wohl auch eine Statistik geben...Aber das muss jeder für sich selber entscheiden. Die Lebensqualität wird durch Freunde, Bekannt, die Arbeit, die Gastronomie und Freizeitgestaltung und vieles mehr geprägt. Auch die politische Mitwirkung kann das Umfeld und somit die eigene Lebensqualität beeinflussen. Ich für mich sehe eine sehr hohe Lebensqualität in der Region Wil!

Wie steht es um die Steuerbelastung im Vergleich zu anderen Regionen?

Während dem sich in den meisten Zürcher Gemeinden sowie in praktisch allen Gemeinden in den Kantonen Thurgau und Appenzell Ausserrhoden die Steuerbelastung gesunken ist, hat sich die Steuerbelastung in praktisch allen St. Galler Gemeinden erhöht. Insgesamt präsentiert sich die mittlere Steuerbelastung über alle Einkommensklassen hinweg, sowohl bei Familien wie auch bei Ledigen, im Kanton St. Gallen, vergleichsweise hoch. 

Im Rahmen der STAF (Steuerreform und AHV-Finanzierung; Anm. d. Red.) wurde mitunter der Gewinnsteuersatz im Kanton St. Gallen von 3.75 auf 2.8 % gesenkt, was letztlich in einer effektiven Steuerbelastung von 14.5 % resultiert. Während der Kanton St. Gallen bezüglich Gewinnsteuersatz bei juristischen Personen vor der STAF im Mittelfeld (14. Platz) rangierte, dürfte er nach Umsetzung der STAF, trotz dieser Senkung in den hinteren Bereich (19. Platz) und zu den eher unattraktiven Kantonen gehören.

Post inside
Marcel Mosimann: «Freuen wir uns doch an jedem erfolgreichen Unternehmen und sind dankbar für jeden guten Steuerzahler.» (Foto: Stadt Wil) 

Wie gesund und attraktiv ist der Immobilienmarkt in der Region?

Die tiefen Zinsen und der damit verbundene Wohneigentumsboom haben zu beträchtlichen nominalen Wertzuwächsen geführt. Von 2000 bis zu Beginn des laufenden Jahres erhöhten sich die Preise für Einfamilienhäuser schweizweit nominal um rund 87 %. Im Kanton St. Gallen fiel die Preisentwicklung für den gleichen Zeitraum mit rund 80.5 % weniger dynamisch aus.

Preise für Eigentumswohnungen haben zwischen 2000 und dem ersten Quartal 2020 schweizweit um rund 127 % zugelegt. Im Vergleich dazu fiel das Preiswachstum im Kanton St. Gallen mit einem Plus von rund 109 % ebenfalls hoch, jedoch unterdurchschnittlich aus.

Urteilen Sie selber, ob dies nun gesund ist oder auch schon im Fieberbereich liegt. Die hohe Nachfrage, insbesondere nach Einfamilienhäusern, zeigt, dass Immobilien auf jeden Fall immer noch als attraktiv erachtet wird.