Kürzlich publizierte die Suchtberatungsstelle Region Wil die Zahlen zu ihrer Tätigkeit im vergangenen Jahr. Bald feiert die Stelle ihr 25 Jahre-Jubiläum. Seit Beginn ist Stellenleiter Hermann Gander dabei. Infowilplus hat mit ihm über die Entwicklung seiner Tätigkeit während eines Vierteljahrhunderts gesprochen. „Manche Klienten sagen gegen Ende der Behandlungsdauer, dieser begleitete Veränderungsprozess sei etwas vom Besten, was ihnen im Leben passiert sei“, erzählt Hermann Gander und ergänzt: „Diese Aussage ist kein Ausnahmefall, wir hören sie öfters.“

Wenn sie allerdings zum ersten Mal in die Räume in der Wiler Altstadt kommen, sind viele alles andere als begeistert. Manche schimpfen gemäss Hermann Gander über die Amtsstelle, die sie zu einer Suchtberatung verknurrt hat.

Verschiedene Zuweiser
Rund ein Drittel der Klienten wird vom Strassenverkehrsamt zugewiesen. Viele weitere Ratsuchende kommen freiwillig, wie der Stellenleiter betont. Auch Jugendanwaltschaften, Sozialämter oder Arbeitgeber empfehlen manchen Klienten eine Behandlung.

Nachdem einige der Zugewiesenen zuvor von der Polizei mit erheblichen Mengen Alkohol und/oder Drogen am Steuer erwischt wurden, erhalten sie ihren Führerausweis nur dann zurück, wenn sie ihre Suchtmittelfreiheit mit Haarproben und Urinuntersuchungen sowie einer regelmässigen Behandlung durch Suchtfachleute belegen.

Willkommensgefühl vermitteln
Gemäss Hermann Gander täten er und sein Team viel dafür, dass die Klienten einer Behandlung ihrer Sucht gegenüber positiv eingestellt sind. „Nur Menschen, die offen sind, sind auch für Veränderungen bereit.“

Die Klienten werden im Gebäude der ehemaligen Altstadt-Post routinemässig mit der Frage nach einem Kaffee oder Mineralwasser empfangen. Damit solle ein positiver Auftakt für das anschliessende Gespräch geleistet werden. „Wir wollen die Schwelle für Menschen, die zu uns zu kommen so niedrig wie möglich halten“, so der Stellenleiter.

Trotz Leiden lachen
Der Erfolg von der Arbeit mit Suchtkranken hänge wesentlich davon ab, ob es gelinge, mit ihnen eine positive Arbeitsbeziehung aufzubauen, erklärt der Fachmann. Er erwähnt Studien, die seine eigenen langjährigen Erfahrungen in der Praxis bestätigen.

„Manche wünschen sich, dass wir sie hypnotisieren, in ihrem Gehirn gewissermassen einen Schalter umlegen, damit sie das Verlangen nach legalen oder illegalen Substanzen endgültig los sind. Ganz so einfach geht es leider nicht“ erzählt Hermann Gander in seinem geräumigen Büro mit Blick auf die Marktgasse. Ehemals standen darin Regale voller Bücher der Stadtbibliothek. Die gemütliche Sitzecke und das gedämpfte Licht vermitteln eine behagliche Atmosphäre. „Mein Ziel ist es, dass jeder Klient wenigstens ein Mal pro Sitzung lacht.“

Eine Standpauke für ihren Missbrauch von abhängig machenden Stoffen wird ihnen nicht gehalten: „Sie wissen, dass zu viel und regelmässiger Konsum von Suchtmitteln nichts Positives ist, und wir wissen es auch. Weshalb soll man über etwas reden, das ohnehin beiden klar ist?“

Notbremse
Geredet wird vielmehr darüber, wie die Klienten ihr Leben wieder in den Griff kriegen und es in positivere Bahnen lenken können. Oft verlieren Menschen mit Suchtproblemen die Kontrolle über ihren Alltag. Es entsteht ein heimtückischer Teufelskreis: Wegen ihrer finanziellen Misere, ihren Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft greifen sie zu oft zur Flasche oder zu Drogen.

Dadurch mehren sich die Probleme zusätzlich, und diese Menschen greifen noch öfter zu betäubenden Substanzen. Allein finden sie aus dieser Misere kaum mehr heraus. Öfters stoppt die Polizei, eine Behörde, der Vermieter oder der Arbeitgeber den Weg ins Elend.

Gut qualifiziert
Bei den Gesprächen zwischen Betroffenen und Beratern geht es nicht nur um lebenspraktische Themen, wie etwa Schuldensanierung und Lösung von Konflikten in der Partnerschaft, es sollen dem Suchtkranken auch psychologische Instrumente in die Hand gegeben werden, um missliche Situationen auf eine andere Art als mit dem Griff zur Flasche oder zum Joint zu begegnen. Dazu habe er eine breite Ausbildung, sagt der 59-Jährige, der in seiner Freizeit gerne joggt. Und er bilde sich fortwährend weiter. Die Klienten sollen in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden, damit sie künftig möglichst zu keinen vermeintlichen Hilfsmitteln mit fatalen Auswirkungen greifen müssen.

Eigene Arbeit reflektieren
Hermann Gander besucht regelmässig eine Supervision, in der er mit einer entsprechend ausgebildeten Fachperson die Entwicklungsprozesse von Klienten bespricht. Dies speziell auch dann, wenn Schwierigkeiten auftreten. „Es kann durchaus sein, dass es dazu einen erheblichen Anteil bei mir gibt, in dem ich beispielsweise eigene Vorstellungen oder Erwartungen auf den Klienten projiziere, die ihm gar nicht entsprechen. Durch jeden Klienten entwickle ich mich auch selber weiter.“

Verzerrte Berichterstattung
Während seinen 24 Berufsjahren hat der Experte deutliche Veränderungen bei den Ratsuchenden erlebt. „In der Anfangszeit war Heroin ein grosses Thema.“ Mittlerweile haben Beratungen im Zusammenhang mit Cannabis, Kokain und Alkohol zugenommen. „Dabei spielt auch eine Rolle, dass mit `Via Sicura` die entsprechenden Gesetze verschärft wurden.“

Wie er anfügt, decken sich seine Erfahrungen längst nicht immer mit den Schlagzeilen in den Medien. „Beispielsweise wurde oft über den Ecstasy-Boom geschrieben. Bei uns meldeten sich aber nur wenig Konsumierende. Diese Droge macht mit der Zeit depressiv, dadurch hören die entsprechenden Personen von selber auf, weil eine Depression keinen Spass macht.“

Arbeitsqualität wird überprüft
Seit Jahren werden die Fachstelle und sein Team regelmässig von Experten unter die Lupe genommen und auf ihr Qualitätsniveau überprüft und zertifiziert. Nicht ohne Stolz erzählt Herman Gander, dass auf seiner Stellen mehr als die vom Kanton vorgegebenen Instrumente zur Qualitätssicherung eingesetzt werden. Er will sicher sein, dass die Klienten weiterhin nach einer Behandlung feststellen: „Sie gehört mit zum Besten, was mir im Leben passiert ist.“

Auslöser Platzspitz
Anlass für die Gründung der Suchberatungsstelle Wil war das damals in allen nationalen und einigen internationalen Medien präsente Bild des Elendes auf dem Zürcher Platzspitz. Im Stadt Sankt Galler Schellenacker waren die Zustände etwas weniger schlimm, aber ebenfalls desolat. Abhilfe war dringend nötig. Der St. Galler Kantonsrat fällte einen Beschluss zur Gründung von regionalen Suchtfachstellen.

Von der Stadt Wil und den umliegenden Gemeinden wurde 28. April 1994 im
Restaurant "zum Wilden Mann“ ein Zweckverein ins Leben gerufen, der bis heute die Trägerschaft bildet. Als erster Präsident wählten die Mitgliedgemeinden den kürzlich verstorbenen Thomas Bühler, damals Ressortvorsteher Freizeit und Sport im Stadtrat Wil.