Die Tage von Susanne Hartmann als Wiler Stadtpräsidentin sind gezählt. Da sie per 1. Juni im St. Galler Regierungsrat das Baudepartement übernimmt und die Ersatzwahl in Wil für das Stadtpräsidium erst am 27. September im Rahmen der Gesamterneuerungswahlen erfolgt, übernimmt Vize-Stadtpräsident Daniel Meili das Amt interimistisch. Doch wie waren die siebeneinhalb Jahre als Stadtpräsidentin für Susanne Hartmann selbst?

hallowil.ch: Susanne Hartmann, wenn man in zehn Jahren auf Ihr Wirken als Wiler Stadtpräsidentin zurückblickt, was wird dann noch in Erinnerung sein?
Ich hoffe einiges. Wir haben eine neue Gemeindeordnung, welche ich im partizipativen Verfahren erarbeiten liess. Wir haben unsere Pensionskasse kostengünstig ausgegliedert und trotzdem sehr gute Konditionen für unsere Mitarbeitenden erreicht. Die dritte Bauetappe für den Hof zu Wil ist aufgegleist. Wir haben im Nachgang zur Fusion 80 Reglemente überarbeitet. Wir haben eine neue Stadtgeschichte, deren Vernissage wegen Corona auf August verschoben werden musste. Wir haben das Personalreglement neu erstellt. Wir haben die Integrationsarbeit etabliert und einen Quartiertreffpunkt im Lindenhof erstellt. Wir haben nach über 30 Jahren der Einheitsgemeinde die Schulbuchhaltung in die städtische Buchhaltung integriert. Wir haben die monatliche Sprechstunde, den jährlichen Unternehmer- und den Kulturapéro eingeführt. Und so weiter.

hallowil.ch: Wenn Sie auf die siebeneinhalb Jahre zurückblicken: Was war Ihr persönliches Highlight?
Wir haben als eine der ersten Gemeinden im Kanton St.Gallen im Jahr 2013 mit einem partizipativen Verfahren gearbeitet. Da hatten wir eine Vorreiterrolle. Und es hat funktioniert. Die Gemeindeordnung wurde von 80 Prozent der Wilerinnen und Wiler angenommen.

hallowil.ch: In welchen Punkten wären Sie gerne weitergekommen?
Bei der Kathi-Frage sowie bei den Entlastungsstrassen Nord-Bronschhofen und Ost-Grünaustrasse. Die Stadt und das Kathi wären auf einem guten Weg gewesen, doch dann wurden uns durch ein Stadtparlamentsmitglied wieder Steine in den Weg gelegt.

hallowil.ch: Auch weitere grosse Projekte wie das Verkehrsproblem oder der Bahnhofplatz sind nicht entscheidend vorwärtsgekommen. Der Vollknoten am Bahnhof Wil ist zerfallen. Warum?
Diese Projekte liegen in erster Linie in der Verantwortung des Departements Bau, Umwelt und Verkehr. Der Stadtrat hat hier so gut wie möglich vorwärts gearbeitet. Zudem kann man Verkehrsprobleme leider auch nicht von heute auf morgen lösen. Dies musste ich lernen. Aufgrund der Bemühungen des Stadtrats in der vorhergehenden Legislatur 2013 – 2016 wird Wil ab 2035 wieder ein Vollknoten sein.

hallowil.ch: Sie waren die erste Stadtpräsidentin in der Geschichte des Kantons St. Gallen. Welchen Einfluss hatte dies?
Ich wurde überall wohlwollend aufgenommen. Doch das wäre wohl auch der Fall gewesen, wenn ich die zweite Stadtpräsidentin des Kantons St. Gallen gewesen wäre.

hallowil.ch: Böse Zungen behaupten, der Stadt Wil fehle eine Vision und sie sei eine graue Maus.
Das nehme ich im Kanton und in der Schweiz ganz anders war. Zudem hätte ich gern meine Vision «Smarte Stadt im Grünen» umgesetzt, was das Profil sicher nochmals schärfen würde und hoffentlich auch noch schärft.

hallowil.ch: Wenn Sie sich nochmals ins Jahr 2012 zurückbeamen könnten, was würden Sie anders machen?
Es gibt immer das eine oder andere, was man anders oder besser machen könnte. Im Grundsatz bin ich aber zufrieden.

hallowil.ch: Man hat nie viel Persönliches über Sie erfahren. Warum?
Ich bin keine Politikerin «à la Trump». Ich arbeite lieber seriös und zuverlässig im Hintergrund. Und ich denke auch nicht, dass es die Bevölkerung interessiert, wenn ich mit meinem Mann in unserem Haus oder im Garten für irgendwas posiere.

hallowil.ch: Was nehmen Sie persönlich mit aus der Corona-Krise?
Grosse Dankbarkeit, dass wir es in der Schweiz, in Wil so gut haben und über die nötigen Ressourcen verfügen, damit wir diese Krise gut meistern werden. Ich hoffe auch, dass sich wieder mehr Menschen auf das Wesentliche besinnen: Gesundheit, Glück mit Familie und Freunden, eine Arbeit zu haben und dergleichen.

hallowil.ch: Sie «überspringen» den Kantonsrat. Welchen Einfluss hat dies auf die Regierungsrats-Tätigkeit?
Ich bin gleichzeitig als Regierungsrätin und Kantonsrätin gewählt worden, habe aber letzteres Amt nicht angetreten. Spass beiseite. Ich bin schon seit Jahren im Kanton gut vernetzt – sei es auf Legislativ- oder auf Exekutivebene.

hallowil.ch: Was geben Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin im Wiler Stadtpräsidium mit auf den Weg?
Wenn er oder sie mich fragen würde: Unbedingt im direkten Kontakt mit Wilerinnen und Wilern bleiben und sich mit ihnen austauschen, ihnen zuhören und sie ernst nehmen.

Neben Susanne Hartmann tritt am 31. Mai auch Münchwilens Gemeindepräsident Guido Grütter ab und wird per 1. Juni durch Nadja Stricker ersetzt. Gerne hätte hallowil.ch auch ein Abschiedsinterview mit Grütter geführt. Doch dieser lehnte ab.