Im Januar dieses Jahres fing P.H. (Name der Redaktion bekannt) in Mörschwil bei Swisswindows an. Mehrfach hatte er zuvor nachgefragt, wie es um die Finanzen des Unternehmens stehe. Immerhin hatte der Wiler Wind davon bekommen, dass im Mai des vergangenen Jahres ein Hackerangriff der Firma zugesetzt hatte. Die Antwort, die er erhielt: «Die finanzielle Lage sei stabil.» Nach einem halben Tag Probearbeit hatte er die Stelle – und kündigte dem alten Arbeitgeber.

Doch schon bald nahm das Übel in Mörschwil seinen Lauf. Im Februar meldeten sich immer mehr Lieferanten wegen ausstehender Zahlungen, die zuerst getätigt werden mussten, bevor sie wieder Material an die Swisswindows liefern würden. Auf Nachfragen von P.H. reagierten die Arbeitskollegen stets gleich: Solche Engpässe seien immer mal wieder vorgekommen, es werde schon irgendwie weitergehen.

Das Konkursamt als neuer Arbeitgeber

Alles normal also. Das änderte sich am Morgen des 25. Februars, ein Dienstag. Wegen einer alltäglichen Angelegenheit versuchten P.H. und ein paar Kollegen die Geschäftsleitung zu erreichen. Doch das ging an diesem Tag nicht. Schliesslich erfuhren P.H. und seine Arbeitskollegen, dass sich das Kader schon den ganzen Tag in einem Sitzungszimmer eingeschlossen hatte. Auch per Mobiltelefon war niemand aus der Geschäftsleitung zu erreichen. Noch am gleichen Tag erhielten alle Mitarbeiter eine Mail mit dem Inhalt: «Obligatorische Mitarbeiterinformation am nächsten Tag.»

Als es soweit war, trat der CEO vor die versammelte Belegschaft mit der Nachricht, dass die Swisswindows an diesem dem 26. Februar die Bilanz niedergelegt habe. Die Februarlöhne könnten nicht ausbezahlt werden, die Firma sei Konkurs. Gemäss den Aussagen des CEOs traf der finanziell miserable Februar die Firma mehr oder weniger aus heiterem Himmel; Der Vorjahresabschluss habe noch gut ausgesehen. Als sich einige Mitarbeiter erhoben und fragten, ob sie dann überhaupt noch weiterarbeiten müssten, habe der CEO geantwortet: «Ihr Arbeitgeber ist jetzt das Konkursamt.» Jemand anderes wollte wissen, warum niemand vom Konkursamt und vom Arbeitsamt anwesend sei, wie das bei grossen Kündigungen üblich ist. Die hätten keine Zeit, war die Antwort. Damit war die Information vorbei.

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Seit dem 26. Februar wird hier in Mörschwil nicht mehr gearbeitet.


Hilflosigkeit und Wut

Er und ein paar Mitarbeiter hätten daraufhin beim Konkursamt angerufen, um zu erfahren, wie es nun für sie weitergehen würde. Eine konkrete Antwort hätten sie nicht bekommen. Der Mitarbeiter des Konkursamts habe erst nachfragen müssen, ob die Firma Swisswindows wirklich Konkurs angemeldet habe. Am Ende hiesse es, sie sollten sich bei der Regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) melden.

P.H. berichtet von Szenen der Hilflosigkeit und der Wut in den Stunden nach der Hiobsbotschaft. Viele seien zu ihm gekommen, weil sie Rat suchten, wie sie ihren Vermietern klar machen sollten, dass sie die nächsten Mieten wahrscheinlich nicht bezahlen können. Lieferanten seien zum Standort der Firma in Müllheim gekommen, um unbezahltes Material aus den Hallen von Swisswindows zu holen. Es kamen auch Kunden, um die bereits produzierten und bezahlten Fenster abzutransportieren.

Es brodelt

Am nächsten Morgen kamen Vertreter der Gewerkschaft Unia in die Firma. «Am Donnerstag brodelten die Emotionen», beschreibt P.H. Die Szenen vom Mittwoch wiederholten sich, dauernd seinen Lieferanten und Kunden vorgefahren, um ihnen zustehende Ware abzuholen.

Für 14.15 Uhr war am Donnerstag eine Information des Konkursamts in Mörschwil angesetzt. Nun wurde den Mitarbeitern von Swisswindows mitgeteilt, dass sie seit dem 26. Februar offiziell arbeitslos seien und dass sie den Lohn einfordern müssten. Als sich am Abend die teilweise langjährigen Arbeitskollegen voneinander verabschiedeten, flossen Tränen, so P.H.

Viele Fragezeichen

Zurück bleiben bei P.H. viele offene Fragen. Wusste der CEO, dass die Firma in die Insolvenz geht? Warum wurde noch Personal eigestellt und gar abgeworben? Welchen Einfluss hat der Hackerangriff auf den Konkurs? Und vor allem: Wer war der ominöse Geldgeber, den der CEO zur Seite hatte, aber nicht bekannt gegeben wollte? «Am schlimmsten finde ich, dass die Firma Swisswindows Subunternehmer hatte, welche die Fenster montierten. Bei denen wurden fünf- oder sechsstellige Beträge nicht bezahlt. Das sind Zwei- bis Zehn-Mann-Betriebe, die wegen des Konkurses von Swisswindows ebenfalls die Bilanz hinterlegen müssen. Es werden weitere 150 Personen auf der Strasse stehen», sagt P.H.