Pater Georges Aboud gehört dem Basilianer-Salvatorianer-Orden an und betreute in der grössten Pfarrei der syrischen Hauptstadt rund 15'000 Gläubige und amtete zudem als Oberrichter des Patriarchates. Er gehört der melkitisch griechisch-katholischen Kirche an, die mit Rom uniert ist. Seit rund einem Jahr wirkt er in Deutschland, wo er sich als Seelsorger auch um Christen aus dem Nahen Osten kümmert.

Herr Aboud, warum referieren Sie in der Schweiz?

Kirche in Not engagiert sich in erster Linie für die Christen, die unter Verfolgung leiden, oder in schweren Lebensverhältnissen leben. Da die Christen in Syrien eine Minderheit sind und im Krieg besonders betroffen waren, ist es wichtig, die Menschheit stets über deren aktuellen Notstand zu informieren. In bestimmten Zeiten des Krieges litt ein grosser Teil der Christen unterder  Verfolgung von extremistische Gruppen, etwa dem IS. Zurzeit befinden sich die Christen in Syrien, wie auch das ganze syrische Volk, in Lebensnot. Dazu zitiere ich einige Absätze aus dem Bericht, meines Mitbruders Dr. Pater Joseph Lajin, der immer noch in Damaskus tätig ist: "Die Leute finden in der Lockdownzeit der Corona Pandemie keine Ressourcen. In grosser Not befinden sich insbesondere kinderreiche Familien und Familien, deren Kinder wegen Arbeitslosigkeit, kein Einkommen aufweisen können."

Und was wir über Strom wissen, können wir auch verbreiten auf mehrere notwendige Dinge und Lebensbedürfnisse, wie zum Beispiel Erdöl, Gas oder Benzin. Alles wird nach der „Intelligenten Karte“ eingeschränkt, und wer diese Karte nicht besitzt muss sich helfen, der freie Markt bietet mit höheren Preisen was man braucht. Die Warteschlangen bilden sich so unter anderem vor den Bäckereien und vor den Läden.

Darüber werde ich in der Schweiz referieren und die Not des syrischen Volk kundtun.

Hat man Syrien (weltweit) schon etwas vergessen?

Ja, leider. Es scheint, dass die Lage von Syrien in den Hintergrund gelagert wurde, da die Welt andere wichtige Probleme und Konflikte beschäftigen. Daher ist die Lösung für Syrien in weite Ferne gerückt. Eine baldige Lösung zu finden ist zurzeit unvorstellbar. Die Grossmächte wollen oder folgen nur ihren Interessen. Leider wird nicht mehr der Mensch geachtet, nur das politische und wirtschaftliche Interesse ist vorhanden. Wer gewinnt die Überhand über die Ressourcen und wer besitzt die Macht in der Region; nur das zählt, schade.

Was erhoffen Sie sich mit ihren Auftritten unter anderem in der Schweiz?

Was ich mir mit meinen Auftritten in der Schweiz erhoffe? Erstmal, dass die Leute das syrische Volk in seiner Not nicht vergessen und dass sie auch nicht vergessen, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist. Der Aufbau noch nicht begonnen hat und dass man immer noch Druck ausüben soll, dass eine politische Lösung für Syrien gesucht und gefunden wird.  Wir müssen helfen, damit die Leute nicht weiterhin das Land verlassen und dass wir die Menschen dort infolge Hunger und Mangel am Nötigsten sterben lassen.

Reisen Sie alleine von Ort zu Ort?

Der Besuch in der Schweiz erfolgt auf die Einladung von der Hilfsorganisation „Kirche in Not“. Sie kümmert sich um das Programm, die Übernachtung, die Besuche und um die ganze Reise. Die Informationsbeauftragte, Lucia Wicki-Rensch, begleitet mich, oder an ihrer Stelle ein anderes Mitglied der Organisation.

Waren Sie schon einmal in der Schweiz?

Schon über 15 mal war ich dank der Organisation "Kirche in Not" in der Schweiz. Wir arbeiten schon seit 2012 zusammen, also seit Ausbruch des Krieges in Syrien. Meistens war ich im deutschsprachigen Raum zu Besuch, einige wenige male aber auch in der französischen und italienischen Schweiz.

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Pater Georges Aboud


Ein Drittel weniger Christen

In Syrien sind der Schmerz und der Tod noch allgegenwärtig. Obwohl der Krieg, der seit 2011 das Land verwüstet, kaum noch in den Nachrichten erwähnt wird, sind die Menschen weiterhin mit den Zerstörungen, mit dem Mangel an Lebens- und Arzneimitteln sowie mit der humanitären Not konfrontiert. Die Christen in Syrien haben im Krieg sehr gelitten. Als religiöse Minderheit in einem mehrheitlich muslimischen Land waren und sind sie ein leichtes Ziel, ein Sündenbock für dschihadistische Gruppen wie der IS oder Al Qaida. Laut den Angaben der Ortskirche ist die Zahl der Christen in den letzten Jahren von 2,5 Mio. auf aktuell etwa 700.000 zurückgegangen.

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Eine Nahrungsabgabe im Kriegsgebiet


Der Jugend eine Perspektive bieten

Auch in Homs, der drittgrössten Stadt Syriens nach Damaskus und Aleppo, gibt es nach wie vor Christen. Sie leben überwiegend in der Altstadt, dem ältesten Stadtviertel, das zu Füssen der alten Zitadelle liegt. Dort leben auch Christen, von denen einige hundert nun wieder studieren. Einer von ihnen ist Pascal Napki, der Wirtschaft studiert und regelmässig die Botschaften des Heiligen Vaters aus Rom verfolgt: „Ich kenne Papst Franziskus nicht persönlich. Aber aus seinen Worten und Taten sehe ich, dass er ein demütiger Mensch ist. Immer wenn wir ihn hören, denken wir, dass in Syrien Hoffnung auf Frieden besteht. Es bewegt mich besonders, wenn er um Gebete für unser Land bittet.“ Bei Pascal steht Halil, ein Pharmaziestudent, der über die Frage: „Was erwarte ich von der Kirche?“ einige Sekunden nachdenkt, und dann antwortet: „Dass sie uns versteht, dass sie uns ermuntert, und uns die Gelegenheit gibt, auch an uns selbst zu glauben. Ich weiss, dass dies nicht einfach ist. Aber das bedeutet zusammen den Weg zu gehen, einander zu vertrauen und einander zu stützen."

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Aleppo besteht grösstenteils nur aus Ruinen - Zeichen des Krieges

Als Antwort auf die weiterhin dramatische Situation der Christen in Syrien unterstützt „Kirche in Not (ACN)“ mit einem zusätzlichen Nothilfeprogramm 20 550 christliche Familien unterschiedlicher Konfessionen. Gerade in dieser Zeit, in der auch das Coronavirus wütet, ist diese Form der Hilfe äusserst wichtig. Daneben werden über 100 weitere Projekte im Land finanziert.

Stichwort: griechisch-katholische Melkiten

Die melkitische griechisch-katholische Kirche hat sich im 18. Jahrhundert von der Griechisch-Orthodoxen Kirche in Antiochien gelöst und unter Papst Benedikt XIII. (1724-1730) die Einheit mit Rom erlangt. Seit 1848 ist der Sitz des Patriarchen in Damaskus (damals im Osmanischen Reich gelegen).

Die Gottesdienste der Melkiten werden in arabischer Sprache im byzantinischen Ritus gefeiert. Die Kirche hat rund 1.3 Mio. Mitglieder, vorwiegend in Syrien (250 000 Gläubige), Libanon und Israel sowie in den USA. In Frankreich leben rund 30 000 griechisch-melkitische Katholiken, was auch daher rühren mag, dass Syrien und der Libanon nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches im 20. Jahrhundert zeitweise unter französische Verwaltung standen.

Allein im Jahr 2019 unterstützte «Kirche in Not (ACN)» Projekte in Syrien mit über CHF 8.2 Mio.

Pater Georges Aboud freut sich auf seine Besuche in der Schweiz und hofft auf zahlreiche Begegnungen.