Offensichtlich hatten die wenigen Angaben auf dem Flugblatt viele überzeugt, denn es fanden sich erstaunlich viele Musikfans in der hiesigen Grubenmannkirche ein.

«tacchi alti»

«tacchi alti» bedeutet «highheels» oder auf Schweizerdeutsch «Stöcklischuhe». Wer am Konzert in den vorderen Reihen in der für ihre wunderbare Akustik bekannten Kirche sass, konnte solche Meisterwerke entdecken, stand doch die Flötistin Barbara-Gabriella Bossert während des ganzen Konzertes auf atemberaubend hohen Absätzen und spielte dennoch leichtfüssig auf ihrer Querflöte. Auch ihr aussergewöhnlich elegantes Brokatleid  fiel auf, erst noch von einem zipflig gestalteten Übermantel bedeckt, den sie später dann aber sorgfältig auszog. 

Bratschist Hannes Bärtschi trug zwar keine Highheels, wohl aber auf Hochglanz polierte Schuhe, mit denen er immer mal wieder auf ein mysteriöses Kästchen – eine Art grössere Musikkassette – tippte. Wieso denn das? Nach Konzertschluss enthüllte er das Geheimnis dieses «Dings». Damit blättere er sich durch die Noten auf seinem Tablet. Gespielt werde aber analog, beteuerte er, während die Flötistin schmunzelnd behauptete, der Mann tue nur so, er spiele gar nicht selber...

Harfe, ein königliches Instrument

Schon das Instrument an sich ist eine Augenweide. Wenn dann noch eine Könnerin wie Kathrin Bertschi darauf spielt, ist das Glück der Zuhörerschaft schon fast vollkommen. Man konnte da wirklich immer nur staunen, wie die Musikerin in jedem Moment die richtigen Seiten fand, blätterte sie sich doch trotz Grosseinsatz an den Saiten in jedem gespielten Stück ganz allein durch die papierne Partitur. Ihre Fingerkuppen müssen eine dicke Hornhaut haben, denn die Stränge scheinen doch recht stark zu sein. Mit ihren Fingern löste sie ganze Tonkaskaden aus, schloss diese elegant wieder ab und liess die Töne verklingen. Man ist nicht erstaunt, dass in der Bibel von Harfe spielenden Engeln die Rede ist. Das Instrument tönt einfach himmlisch, wenn man das Spielen darauf beherrscht.

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Allein schon der Instrumentenkopf der Harfe ist eine Augenweide. 


Totale Übereinstimmung

Es war – nebst dem Hörgenuss – eine wahre Freude, dem Trio beim Spielen zuzuschauen. Aufrecht und stolz die Flötenspielerin, etwas versteckt an ihrem unübersehbaren Instrument die Harfenistin und auf der linken Seite der Bratschist als eleganter Bogenführer und geschmeidiger Klangfüller, aber auch als Themensetzer. Nur ein kleines Heben einer Augenbraue, schon setzten alle Drei punktgenau ein. Auch jeder Schluss, teilweise ganz unterschiedlich gestaltet, war aus einem Guss. Die Musizierenden wechselten mit der Moderation ab. So konnte man sich noch besser in die jeweiligen Stimmungen einfinden. Das alles passierte ohne irgendwelches Stargehabe, sondern ganz bescheiden, immer der Sache der Musik dienend.

Naturnahe Klangwelten

Das Konzert eröffnete ein Märchen. Udine, Pflegetochter von armen Fischersleuten, lebt mit ihren Eltern in einem tiefen Wald an einem wunderschönen See. Es entspinnt sich eine tragische Liebesgeschichte mit mehr als nur zwei Beteiligten. Die Geschichte dazu wurde schon von verschiedenen Komponisten vertont, so auch von Carl Reinecke (1824 – 1910). Die Harfenistin Kathrin Bertschi hat das Werk für das Trio bearbeitet. In vier Sätzen wird da die ganze Naturidylle hörbar gemacht. Der Wald rauscht, ein Wasserfall stürzt in die Tiefe, durch die Harfe in perlenden Tonkaskaden symbolisiert, die Vögel jubilieren dank der Flötenstimme in den höchsten Tönen. Die Bratsche – im Programm als Viola bezeichnet – hält das Ganze zusammen. Manchmal hätte man sich auch beinahe fürchten können, wenn es wieder einmal düster oder auch schrill wurde. Diese Musik «erzählt» das ganze Geschehen in einer ganz eigenen Tonsprache

Das Publikum fand anfänglich nicht so recht heraus, wann denn das Märchen zu Ende sei. Und so kam es, dass nach jedem der vier Sätze geklatscht wurde, was das Trio aber ganz gelassen entgegennahm. Es spürte ja, wie sehr seine Darbietung fesselte. Aber auch französische Musik des eher unbekannten Komponisten Théodore Dubois kam zum Zug (1837 – 1924). Dieser hatte ein Terzetto für die instrumentale Besetzung des Trios komponiert.

Keltische Anklänge

Bratschist Hannes Bärtschi stellte die Komposition «Elegiac Trio» des englischen Komponisten Arnold Bax (1883 – 1953) vor. Dieser war ein äusserst produktiver Tonkünstler aus reichem Hause. Er schrieb unter vielen andern Werken auch dieses Trio für keltische Harfe, Flöte und Fidel als eine Hommage an Irland. Die Anweisungen sind alle in Englisch gehalten und geben die Art der Wiedergabe vor. So heisst es beispielsweise «smooth and flowing», was soviel wie «sanft und fliessend» bedeutet. Die Harmonien liessen weniger an ein irisches Pub denken als an ein Begräbnis. Bax hatte nämlich im Irlandaufstand von 1916 mehrere irische Freunde verloren. Die Trauer darüber war in diesem Stück gut hörbar. Auch diese Darbietung fand beim Oberuzwiler Publikum Gefallen.

Ballett-Suite «Jadis op. 297»von Caspar Diethelm

Der Luzerner Komponist Caspar Diethelm lebte von 1926 – 1997. Er war ein äussert produktiver Tonschöpfer. 1993 komponierte er eine Ballett-Suite namens «Jadis», was so viel wie «Es war einmal...» bedeutet. So ein Titel lässt natürlich ganz viel Gestaltungsraum. Fünf ganz unterschiedliche Sätze machen aus dieser Komposition ein Feuerwerk an unterschiedlichen Rhythmen und abwechslungsreichem Einsatz der Instrumente. Im ersten Satz setzt die Harfe nur gewisse Akzente, während die beiden anderen Instrumente durchgehend spielen. Der zweite Satz setzt da und dort Ausrufezeichen, dann wird es wieder lieblich, um im vierten Satz die Töne teilweise wie einen Wasserfall hinunterrauschen zu lassen. Abgeschlossen wird die Suite mit einem griechischen Tanz namens «Syrtos Kalamatianos».

Der Funke sprang beim Anhören der Suite denn bald auch auf das Publikum über. Es gab begeisterten Applaus. Mit einem schwungvollen Schlussstück liessen sich die Drei noch zu einer Zugabe bewegen, dann war Schluss. Das Trio hatte der Zuhörerschaft mit ihrer mit viel Herzblut und Charme vorgetragenen Musik ein grosses Geschenk gemacht.

Literatur für diese Besetzung ist rar

Flötistin Barbara-Gabriella Bossert plauderte etwas aus dem Nähkästchen. Notenmaterial für ihr Ensemble gebe es nicht wie Sand am Meer. Man müsse sich immer gut umschauen. Sie verriet, wie sie zu dieser Komposition  gekommen sei. Ihre Tochter lebt in Deutschland. Diese entdeckte eines Tages irgendwo handgeschriebene Noten des Komponisten Caspar Diethelm. Es gelang ihr, diese ihrer Mutter zuzusenden. Beim Erzählen sprühte die Musikerin vor Begeisterung. 

Allerdings sollten die Noten für das Ensemble gedruckt vorliegen. Die Tochter liess deshalb - auf eigene Kosten - diese Suite verlegen und stellte sie dem Trio zur Verfügung. Ziemlich genau 23 Jahre später wurde das Stück endlich uraufgeführt und mit viel Interesse aufgenommen, so auch in Oberuzwil. 

Wenig Technik vonnöten

Für dieses Konzert brauchte es keine Lastwagen voll «Equipment», es reichte eine blendfreie Beleuchtung durch Boris Knorpp und das bewundernswerte Können der drei Persönlichkeiten. Zwischen den einzelnen Kompositionen mussten die Instrumente jeweils gestimmt werden. Erstaunlich, an wie vielen Stimmwirbeln die Harfenistin drehen musste, bis alles wieder bis auf die letzte Schwingung stimmte. Auch die Bratsche brauchte jeweils ein Nachjustieren.

Nächster Anlass: Donnerstag, 9. Juni 2022 um 20:00 Uhr in der katholischen Unterkirche

«Oh-Psy, ein himmlisches Stück über das Jenseits» mit Alice Hauschild und Sybille Frick