Die Politikerin hatte schon am Tag vorher an der Toggenburger Tagung der FDP an einem Podium teilgenommen. Bei beiden Anlässen ging es um den Zusammenhalt der Gesellschaft und gerechte Verteilung von Rechten und Pflichten. Solche Auftritte gehören zum politischen Alltag einer gewählten Amtsperson.

Zum Glück hatte Schopenhauer unrecht!

Susanne Vincenz-Stauffacher begann ihr Referat mit einer bestürzenden Aussage des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788 – 1860). Dieser war seinerzeit noch gar nicht sicher, ob man Frauen überhaupt als Menschen bezeichnen könne. Seine Einsicht: «Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen die Weiber sich gerade dadurch, dass sie selbst kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit einem Worte, zeitlebens große Kinder sind: Eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, welcher der eigentliche Mensch ist.» Liest man diese Einschätzung, dann darf man erleichtert feststellen, dass sich seit damals doch viel für die Frauen im Lande verbessert hat.

Der Nobelpreisträger William Golding (1911 – 1993) überhöhte dagegen das Wesen der Frau mit: «Die Frauen wären dumm, so zu tun, als wären sie Männer. Sie sind Männern weit überlegen und waren es schon immer.» Doch wo stehen wir heute?

Engagiert für die Allgemeinheit

Susanne Vincenz-Stauffacher lag nie auf der faulen Haut. Auf ihrer Homepage kann ihr beruflicher Werdegang nachgelesen werden. Früh gründete sie nach einem Rechtsstudium an der HSG eine eigene Kanzlei, die sie weiterhin betreibt. Dabei fällt auf, dass es zudem verschiedene ehrenamtliche Tätigkeiten gibt, die in irgendeiner Form mit gesellschaftlichen Themen zu tun haben. Das Präsidium der Frauenzentrale St. Gallen von 2005 – 2011 brachte sie mit vielen Nöten gerade von Frauen in Kontakt.

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Das engagierte Referat von FDP-Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher begeisterte das Publikum. 

Nun bringt sie ihre Erfahrungen aus diesen Bereichen in der Politik ein, 2018 als frischgewählte Kantonsrätin, 2019 als FDPNationalrätin und seit 2020 Jahr auch als Präsidentin der FDP.Die Liberalen-Frauen Schweiz ein. Seit diesem Jahr ist sie auch Vorstandsmitglied von «alliance f», der politschen Stimme für die Frau. Dabei hat sie immer wieder Anfeindungen erlebt, abgerissene Wahlplakate und üble Sprüche wie «Hure» oder «Nutte» erleiden müssen, was ihre kreativen Töchter jedoch im ersten Fall in einen zwar etwas derben, aber durchaus zugkräftigen Slogan umsprayten. Jetzt hiess es plötzlich «Huere guet!» Man muss etwas aushalten, wenn man im rauen Wind der Öffentlichkeit steht, aber für die Nationalrätin überwiegen die positiven Aspekte bei Weitem.

Politische Prozesse brauchen Zeit

Nationalrätin Susanne Vincenz-Stauffacher sprach zu zu politischen Prozessen hinsichtlich Gleichstellung, gerechte Entlöhnung, familienfreundliche Arbeitsplätze und allgemeine Anliegen, die heute Familien umtreiben. Immer wieder kam sie auf den Umsetzungsprozess eines politisch bereits abgesegneten Geschäfts zu sprechen. Ihrer Meinung nach ist die Demokratie erst 1971 richtig in der Schweiz angekommen, als eine Mehrheit der Männer fand, die Frauen hätten das Stimmrecht nun endlich verdient. In diesem Zusammenhang wand die Politikerin all diesen Männern ein Kränzlein und fand, man dürfe diesen Männern ruhig dafür auch ein wenig dankbar sein. Allerdings dauerte es dann doch noch 20 Jahre - ! -, bis auch im letzten Kanton Frauen an der politischen Macht teilhaben konnten. Der äusserst erfolgreiche und bis nach Japan verkaufte Film «Die Göttliche Ordnung» der Regisseurin Petra Volpe zeigt diesen Lernprozess auf eindrückliche und teilweise richtig vergnügliche Weise auf.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Das grosse Thema heisst heute «Vereinbarkeit von Familie und Beruf», manchmal kommt noch die Komponente «Politik» dazu. Die Frauen sind vielfach gut ausgebildet, möchten vielleicht auch Karriere machen. Doch mit dem ersten Kind kommen die Hürden, die nicht immer leicht zu überhüpfen sind. Vielerorts fehlen noch immer familienfreundliche Betreuungsangebote. Und nicht alle haben Grosseltern, die einen Teil der Betreuung übernehmen, wobei es auch hier vor allem die Grossmütter sind, die oft ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der jungen Familien zurückstecken und einen Teil ihrer Zeit für den Nachwuchs einsetzen. Auch die Nationalrätin selber durfte von so einer Hilfe profitieren.

Susanne Vincenz-Stauffacher, Jahrgang 1967, machte klar, dass ihre Generation – und auch sie selber – vermutlich diesen Dienst kaum mehr so bedingungslos anbieten würde, da unterdessen viele bei der Familiengründung ihrer Kinder selber noch im Berufsleben stünden oder andere Prioritäten für ihr Leben hätten. Doch könnten heute familienfreundliche Tagesstrukturen und gute Kindertagesstätten bei der Suche nach qualifiziertem Personal den Ausschlag geben.

Gemischte Teams sind produktiver

Aus vielen Studien geht klar hervor, dass gemischte Teams einer Firma Mehrwert bringen. Unterschiedliche Lebenserfahrungen, andere Denkmuster und verschiedenartige Herangehensweise an Probleme helfen bei der Lösungssuche. Auch der ökonomische Erfolg solcher Firmen sei erwiesenermassen besser.

Teilzeitarbeit - ein Karrierekiller?

Noch immer herrscht die Meinung vor, Verantwortung könne nicht geteilt werden. Die Referentin erzählte von einem Politiker, der fand, ein Mann müsse in einer höheren Position mehr als 100 Prozent «liefern», da könne man nicht einfach Teilzeit arbeiten. Ergänzend dazu berichtete sie, dass besagter Herr zwar ein politisches Amt ausgeübt, auch ein eigenes Büro betrieben habe, aber kaum je mehr als 50 Prozent anwesend gewesen sei – also auch eine Art Teilzeittätigkeit. Männer in hohen Positionen haben allerdings noch immer vielfach eine Frau, die ihnen den Rücken freihält, damit sie Karriere machen, politisieren oder auch mal sich eine Auszeit nehmen können. Umgekehrt hapert es da vielerorts noch ziemlich. Ihr guter Rat deshalb: «Augen auf bei der Partnerwahl!» Denn die Bedürfnisse von Frau und Mann in einer Partnerschaft müssen immer wieder neu ausdiskutiert werden. Wobei die Referentin betonte, dass sowohl arbeitstätige Familienfrauen wie Vollzeitmütter gleichwertige Modelle seien, wenn sie in gegenseitigem Einverständnis ausdiskutiert worden seien.

Kleiner Rückblick auf die letzten 50 Jahre

1971 bekamen die Frauen also endlich das Stimm- und Wahlrecht. Danach mussten immer wieder Gesetze geändert werden, um den neuen Gegebenheiten Rechnung zu tragen. 1981 wurde das Gleichstellungsgesetz in der Bundesverfassung verankert. Im Artikel 8 wurden gleiche Rechte und Pflichten für Mann und Frau festgeschrieben. Aber mit der Umsetzung haperte es auch hier ziemlich. Bis zur gesetzgeberischen Ausformulierung dauerte es noch weitere 15 Jahre.

1981 wurde ein Entwurf für ein neues Eherecht vorgelegt, allerdings mit ziemlichen Nebengeräuschen bis hin zu einem rechtsbürgerlichen Referendum.1985 wurde der Gesetzesartikel jedoch vom Stimmvolk mit 54,7 Prozent angenommen. Hochmotivierte Frauen trugen mit 61 Prozent zu diesem Ergebnis bei. Die Männer hätten die Vorlage dagegen mit 52 Prozent abgelehnt. Doch nun sollte die gleichwertige Partnerschaft zur Regel werden. Bis dahin hatte der Mann, sofern er das wollte, der Frau eine ausserhäusliche Tätigkeit glatt verbieten können. 1988 trat das Gesetz schliesslich in Kraft.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit

Ein auch heute noch schwelendes Problem ist die Lohndifferenz von Männer- und Frauenlöhnen. Wenn auch ein Teil der Differenz mit weniger qualifizierter Arbeit oder kleineren Pensen begründet werden kann, bleibt doch ein Drittel ungeklärt. Es liegt aber auch an Frauen, für sich einzustehen und einen guten Lohn zu fordern. Susanne Vincenz-Stauffacher bezog sich auf eine Studie, die Unterschiede der Vorgehensweise in Einstellungsgesprächen von Männern und Frauen aufzeigte. Wenn es zehn Punkte gebe, welche eine Firma von einer einzustellenden Arbeitskraft verlange, dann erfülle eine Frau oft neun davon, nur ein Punkt sei etwas schwächer. Sie aber schaue vor allem auf diesen einen Schwachpunkt und «verkaufe» sich deshalb schlechter, was sich natürlich auch im Lohn niederschlage. Der typische Mann erfülle vielleicht nur einen Punkt von diesen zehn, könne diesen aber derart aufplustern, dass die neun nicht erfüllten aus dem Blickfeld gerieten. Das sind natürlich nur allgemeine Aussagen, aber ein Körnchen Wahrheit liegt bestimmt darin. Das hatte in Flawil auch schon eine andere Diskussionsrunde festgestellt und Frauen dazu aufgerufen, ruhig auch etwas bluffen zu lernen.

Die Arbeit geht weiterhin nicht aus

Es braucht in Zukunft viel mehr Teilzeitstellen für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Das Steuerrecht muss angepasst werden. Es geht noch immer von der traditionellen Rollenteilung aus. Stossend ist vor allem die sogenannte «Heiratsstrafe», weil die beiden Einkommen bei Ehepaaren bis jetzt zusammengezählt werden, was das Einkommen in eine höhere Progression treibt und so zu einer höheren Steuerrechnung führt. Die Individualsteuer würde der Bundesverfassung entsprechen. Eine entsprechende Initiative ist auf dem Weg, aufgegleist von den FDP-Frauen.

Ein weiterer grosser Brocken ist die Sanierung der AHV und die Angleichung des Rentenalters von Mann und Frau, mit entsprechenden Ausgleichsmodalitäten. Frauen haben wegen Mutterschaft oft eine Lücke in ihrem AHV-Konto, das schlägt sich auch in der Rente nieder.

Mit einem Ausspruch der legendären amerikanischen Schauspielerin Katherine Hepburn beendete Susanne Vincenz-Stauffacher ihr spannendes Referat. «Frauen von heute warten nicht auf Wunder! Sie inszenieren diese selber!» Mit grossem Applaus verdankte das Publikum die spannenden Ausführungen.

Und noch dies...

In der anschliessenden Diskussion, welche Doris Hoby leitete, wurden die Gründe für Absagen von Frauen angesprochen, welche für ein politisches Amt angefragt werden. Es wird ja leider immer schwieriger, Leute für solche zu finden. Nicht wenige finden sich nicht qualifiziert genug, oder sie sehen nicht, wie sie das samt Familie und oft auch Beruf unter einen Hut bringen können. Oder sie möchten sich nicht Anfeindungen aussetzen, wie sie gerade Politikerinnen immer wieder erfahren müssen. Und manche sehen auch die Notwendigkeit nicht ein. Es gibt aber auch Männer, die sagen: «Frag doch meine Frau!» und sich dann bei den Haushaltspflichten einbringen. Die eben abgehaltene Frauensession hat Susanne Vincenz-Stauffacher als farbig erlebt, aber da waren viele Frauen mit keinerlei politischer Erfahrung, was den Forderungskatalog zuhanden des Parlaments vielleicht etwas überladen werden liess.

Museumsleiter Urs Schärli bedankte sich zum Schluss bei allen Mithelfenden – um die dreissig Personen! – hinter den Kulissen und lud zum Abschieds-Apéro im Zelt ein. Die Ausstellung im Museum wird nun wieder geschlossen.