Bereits seit neun Jahren schon wird der Gemeindesaal Uzwil vier Mal im Jahr zur Theater-, Musical- oder Märchenbühne. Auch diesmal hat das Team von "Gas gibt Kultur" unter Federführung von Intendantin Susanne Wipf Fischer wieder grosse Namen nach Uzwil geholt. Das Kriminaltheater Berlin zeigte das Erfolgsstück "Fisch zu viert" und bereitete damit dem Saalpublikum einen vergnüglichen Abend. 


Verzwicktes Durcheinander

Eigentlich könnte die Geschichte in wenigen Sätzen abgehandelt werden. Da sind drei Schwestern, gutbetuchte Erbinnen eines Bier-Imperiums, welchen ihr Diener Rudolf in die Sommerresidenz gefolgt ist. Allerdings hustet dieser seit Jahren, es wird immer schlimmer, da muss etwas geschehen. Er möchte deshalb eine Weltreise machen. Doch wie ohne das nötige Kleingeld? Da erinnert er sich an das Versprechen, das ihm jede der drei Schwestern unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegeben hat. Bei ihrem Ableben soll er ein hübsches Sümmchen erben. Doch ob er so lange warten kann?

Geld wird zum Dreh- und Angelpunkt

Nach und nach hat Rudolf mit jeder der drei Schwestern so ein privates Stelldichein. Und von jeder versucht er nun, das versprochene Erbe schon vor deren Ableben zu bekommen. Doch Clementine hat noch nie selber Geld gehabt, Cäcilia möchte lieber geschmeichelt, ja sogar am hübschen Ohrläppchen gestreichelt werden und Charlotte, der Ältesten und zudem Verwalterin des väterlichen Bierbetriebs, kommt es gar nicht in den Sinn, schon vor ihrem Ableben Geld herauszurücken. Sie erklärt ihm zudem: „Die Brauereien in der Gegend wachsen eben schneller als der Durst.“


Dialoge prägen das Geschehen

Natürlich erwartet das Publikum eine abendfüllende Geschichte. Erst werden deshalb die einzelnen Beziehungsstränge etwas ausgebreitet. Der nun wirklich nicht als Adonis auftretende Diener Rudolf hat es über die Jahre verstanden, zu jeder der drei „Fräuleins“ eine mehr als nur freundschaftliche Basis aufzubauen. Vordergründig siezen ihn zwar alle. Doch im intimen Zweiergespräch wird zum Du gewechselt. Nach und nach kommen ihm die Schwestern aber auf die Schliche. Denn warum kennen auch die andern Schwestern den nur allein für sie komponierten Walzer? Das fragt sich bald jede der drei Damen. Und geht im Golf von Neapel die Sonne nun „blutrot“ oder eben „glutrot“ unter? Die Dialoge sind witzig und punktgenau. 

Natürlich muss einmal das ganze Lügengespinst auseinanderfallen. Langsam merken die Schwestern, dass sie nicht die einzigen in Rudolfs Universum sind. Streit und Sticheleien sind deshalb vorprogrammiert. Die Schwestern werfen sich auch gegenseitig die schmerzhaften Niederlagen in ihren jeweiligen Leben vor. Zu merken, dass man hintergangen wurde, kann ungeahnte Kräfte freisetzen. Und doch setzen sich die Schwestern irgendwann zusammen und beraten das weitere Vorgehen.

Mörderische Pläne

Charlotte liest genüsslich aus der „Heiligenstädter Zeitung“ vor, wobei da gar nichts heilig ist. Denn – genau wie heute – lösen gruselige, abscheuliche und verruchte Geschichten besonders wohlige Gefühle aus. Nun beginnt ein verstörendes „Brainstorming“, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, jemanden ins Jenseits zu befördern, ohne dass man selber als Schuldige erwischt wird. Vielleicht eine Konstruktion eines Blitzableiters? Der wurde doch – wir schreiben das Jahr 1838 – gerade eben erfunden. Oder dann doch lieber Arsen? 

Und so wird Rudolf verpflichtet, beim nächsten Gang in die Stadt Neuruppin doch bitte solches mitzubringen, da noch immer Ratten im Keller ihr Unwesen trieben. Auch wenn dieser bestreitet, in letzter Zeit je solche Tiere gesehen zu haben, muss er doch den Auftrag erfüllen. Damit beginnt eine spannende Verwicklungsgeschichte mit Puderzucker, Likör, Arsen und Missverständnissen aller Art.

Tödliche Kochkünste

Gruselig wird es, als Rudolf den Schwestern verrät, was es mit dem von ihnen so gerühmten Fischgericht wirklich auf sich hat. Beim Zuhören könnte sich einem der Magen wirklich umdrehen bei der Vorstellung, einen einwandfreien Hecht gefüllt mit einem zum Überlagern des ekligen Modergeruchs mit scharfen Gewürzen versehenen zweiten Fisch zu essen. Rudolf isst ja keinen Fisch – ihm kommt allerdings seine Freude an Hochprozentigem ebenfalls schlecht. Denn hat nicht Clementine bemerkt, dass das Fläschchen mit dem vermeintlichen Arsen leer war – dort war nur Puderzucker drin gewesen – und hat sich an das alte, noch mit Arsen gefüllte Fläschchen erinnert? 

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Rudolf erklärt sein merkwürdiges, todbringendes Fischgericht und scheint sich dabei sehr zu amüsieren. 

Ausgewiesene Hörspielsprecherinnen

Es stehen den ganzen Abend nur vier Personen auf der Bühne: Diener Rudolf Mossdenger mit den drei Schwestern Charlotte, Cäcilie und Clementine Heckendorf. Auch die Kulissen sind einfach gehalten und werden zwischen den einzelnen Szenen kurz im Halbdunkel umgestellt. Der Möblierung sieht man den Wohlstand an. Die Frauen tragen prunkvolle Seidenkleider, der Diener immerhin einen Dreiteiler mit Gilet. Auch die schönen Schuhe tragen zum Erscheinungsbild bei.

Dabei versteht man jedes Wort, sieht jede Hebung der Augenbrauen, hört jedes Hüsteln und spürt jede kleinste Gemeinheit. Matti Wien spielt den Diener, ist aber gleichzeitig auch Regisseur. Charlotte wird von Uta Schorn gespielt, Cäcilie von Cornelia Lippert und Nesthäkchen Clementine von Maria Jany. Die drei Frauen sind alle ausgewiesene Hörspielsprecherinnen, auch Matti Wien hat hier Erfahrung. Das merkt man ihrer sehr gut verständlichen Aussprache denn auch an.

Faszination des Abgründigen

Man kann sich fragen, wieso gerade Kriminalgeschichten auf viele Menschen so anziehend wirken. Vermutlich sind sie eine Art Ventil, mit welchem eigene Aggressionen abgebaut werden können. Nicht umsonst haben auch heute Zeitungen, die mit grossen Buchstaben solche Meldungen bringen, weniger Probleme mit der Abonnentenzahl. Und Sonntag für Sonntag bekommt der "Tatort" am Fernsehen einen prominenten Platz. Solange es die „Andern“ betrifft, scheinen kriminelle Machenschaften unterhaltend zu sein. Die Aufklärung eines Mordes, eines Überfalls oder sonst einer bösen Tat ruft ausserdem in vielen Menschen ein eigentliches Detektiv-Gen hervor. Und doch ist man froh, wenn im eigenen Umfeld alles den gewohnten Gang geht und man von solchen Vorfällen persönlich verschont wird.

Hinter den Kulissen

Wie immer hat auch ein Verein mitgeholfen, die Infrastruktur herzurichten. Diesmal war die Jugendmusik dafür zuständig. In der Pause können jeweils Getränke und Brötchen erworben werden. Auch das Gespräch unter Besucherinnen und Besuchern kommt so nicht zu kurz. Solche Anlässe sind immer auch Gelegenheiten zum gemeinsamen Austausch und damit Teil des gesellschaftlichen Zusammenhaltes in einer Region.