Vroni Krucker versteht die Welt nicht mehr. Zwar wurde auf dem Viehmarkt-Parkplatz an ein breites Parkfeld für Menschen im Rollstuhl gedacht und auch entsprechend gelb gekennzeichnet, doch bei der Bezahlung des Parktickets sind die Hürden hoch. Vor der Kasse nahe der Tonhalle hat es zwei Tritte, die sie ohne Hilfe nicht überwinden kann. Zudem sind die Schlitze für den Münzeinwurf so hoch oben angebracht, dass sie sich ordentlich strecken muss. «Nicht jeder kann selbständig zahlen», sagt die Korrespondentin von Hallowil.ch. Seit dem Alter von zehn Monaten leidet sie an der Kinderlähmung. Während es zuerst lange mit Stöcken ging, ist sie seit 15 Jahren auf den Rollstuhl angewiesen.

Nächste Station auf der Tour durch die Stadt ist der Hofplatz. Der ist für Menschen mit einer körperlichen Behinderung laut Krucker gut gelungen. Die Pflastersteine sind so eingesetzt, dass ihr Rollstuhl ruhig über sie gleitet. Einzig bei der Wasserrinne in der Mitte gilt es aufzupassen. Der Zugang zum historischen Zentrum Wils ist dank des Altstadt-Lifts gut möglich und zum Baronenhaus hat es eine Rampe. In diesem ist es dann aber ein Fortkommen ohne Hilfe nicht mehr möglich, da kein Transportlift besteht. So ist es für die kulturintressierte Journalistin zum Beispiel nicht möglich, die Baronenhaus-Konzerte zu besuchen. Dafür freut sie sich, Zugang zum Samstagsmarkt auf dem Hofplatz zu haben. Freuen würde sie sich, wenn es bei den Parkplätzen nahe der Stadtkirche auch einen für Menschen mit Behinderung hätte.

Rampe am Bahnhof ist zu steil

Der Zugang zur Stadtkirche ist dank einer Rampe gut möglich. Das zählt auch für die Kreuz- und die St.-Peter-Kirche. Anders sieht es im Wallfahrtsort Maria Dreibrunnen aus. «Man kommt mit dem Rollstuhl nicht alleine ins Gotteshaus. Für ältere Menschen ist der Zugang schwierig, da es viele Stufen hat. Eine Rampe gegen hinten wäre hilfreich», sagt die rüstige 75-Jährige.

Der Stadtrundgang führt zum Bahnhof. Dort bemängelt Krucker, dass der Parkplatz für Menschen mit Behinderung relativ weit hinten beim Güterschuppen liegt. «Ich brauche rund 20 Minuten, um im Avec-Shop ein Heftchen zu kaufen und ein Ticket zu lösen. Man könnte solche Parkplätze weiter vorne einrichten. Und zwar in der Nähe des «Panetariums.» Ungenügend gelöst ist aus ihrer Sicht auch der Aufgang zu den Zügen. Von der Hauptunterführung aus gibt es keinen Lift auf Gleis 2 und 3, wo die Züge Richtung Zürich fahren. Zwar hat es bei der West-Unterführung eine Rampe zu diesen Gleisen. «Doch diese ist zu steil. Alleine schafft man das nicht», sagt Krucker. Aus dem Leitbild der Stadt Wil geht hervor, dass die Steilheit der Rampen genau so geprüft werden soll wie der Einbau von Liften bei der Hauptunterführung. Positiv stuft Krucker die Situation beim Bahnhof der Frauenfeld-Wil-Bahn ein. Da dort unlängst die Perrons erhöht worden sind und Niederflurzüge verkehren, kann sie ohne fremde Hilfe ein- und aussteigen. Bei den meisten SBB-Fernverkehrszügen mit Halt in Wil sieht dies anders aus.

Kein Rollstuhlparkplatz beim Gesundheitszentrum

Aufgefallen ist Krucker auch, dass es ausgerechnet auf dem Parkplatz beim Friedtalweg kein Parkfeld für Menschen mit Behinderung hat. Dies ist bemerkenswert, weil sich direkt nebenan ein Gesundheitszentrum und die Praxis eine Orthopäden befindet. Es sind aber auch kleine Dinge, welche Kruckers Bewegungsfreiheit im Alltag einschränken. So zum Beispiel zu hohe Randsteine bei Fussgängerstreifen. «Das hat zur Folge, dass ich beim Überqueren der Strasse in der Mitte um 180 Grad drehen muss, da ich nur rückwärts auffahren kann. Würden die kleinen Räder vorne am Rollstuhl zuerst auf den Randstein treffen, fiele ich um», sagt Krucker.

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Rampe zu steil: Um am Bahnhof Gleis 2 zu erreichen, braucht Vroni Krucker Hilfe einer weiteren Person.

Eine positive Errungenschaft sind für die Seniorin die Einkaufswagen bei den Grossverteilern Migros und Coop. Diese können an den Rollstuhl angeklickt werden. Alles in allem habe sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert. Allerdings sieht Krucker noch Potenzial. So zum Beispiel betreffend gebührenfreie Rollstuhlparkplätze. «In Wil kann man als Behinderter nicht auf jedem Parkplatz gratis das Auto abstellen. In St. Gallen auch anderen Schweizer Städten ist das selbstverständlich.»

Auch behindertengerechtes Wohnen im Fokus

Vergangene Woche hat die Stadt Wil ihr Leitbild für den Umgang mit behinderten Menschen publik gemacht (Hallowil.ch hat berichtet). Dieses hat eine Kommission in den vergangenen Jahren erarbeitet. Sechs Themenfelder wurden definiert. Schon in den nächsten vier Jahren sollen die ersten Massnahmen umgesetzt werden. Abgesehen von der Situation am Bahnhof geht es vorwiegend um die möglichst grosse Bewegungsfreiheit im Verkehr und auch um behindertengerechtes und erschwingliches Wohnen.