Carl Wolf trat in einer fast ausverkauften Klosterbibliothek auf. Das ist aus zweierlei Gründen erwähnenswert. Zum einen, weil die Kultur in den letzten zwei Jahren einen schweren Stand hatte, zum anderen deshalb, weil der Pianist auf eine Gage verzichtete. Vielmehr war das Konzert ein Dankeschön des Künstlers ans Kloster Fischingen, da er hier noch vor der Pandemie eine CD einspielen durfte. Schön, so eine Geste der Solidarität.

Leider schon zu Ende

Schön war auch, dass Carl Wolf sich ganz auf Werke von Komponisten beschränkte, für die das Klavier eines der zentralsten Instrumente war. Eines vorweg: es wurde ein aussergewöhnlicher Klavierabend, der einen zum Träumen veranlasste. Wolf begann mit Frédéric Chopins Nocturnes op. 27. Hochsensibel sein Spiel bei diesem unvergleichlichen Duo-Werk, entfaltete sich doch unter seinen Fingern eine musikalische Erzählung, in der sich einem – binnen einer knappen Viertelstunde – alle nur denkbaren menschlichen Gefühle offenbarten. Tiefer Schmerz, verzehrende Leidenschaft und ganz zarte, fast nur hingehauchte Träume, hielten bei Wolfs transparenten Vortrag, der einen das dichte Nebeneinander von klagendem Moll und pastösem Dur als wunderbare musikalische Einheit erleben liess, das Auditorium in seinem Bann. Von Felix Mendelsohn-Bartholdy trug Wolf «Präludium und Fuge in e-Moll, op 35 Nr. 1» vor und schaffte es fast spielerisch leicht, den barocken Geist des Stückes und die zugleich unverkennbar romantische Ausschmückung dermassen spannungsvoll und technisch brillant vorzutragen, dass man am Ende sich gewünscht hätte, dass das Stück noch weitergegangen wäre.

An die Grenzen gestossen

Den Höhepunkt des Abends bildete das dritte und letzte Stück, nämlich Franz Schuberts grosse, vorletzte Klaviersonate in A-Dur, die Wolf – er sagte zu jedem Werk ein paar erläuternde Worte – als «Werk eines dem Tode Geweihten» ankündigte. Tatsächlich ist das Werk zwei Monate vor Schuberts Tod im Jahr 1828 entstanden, und wie Wolf den langsamen Satz spielte, in dem die Musik an ihre Grenzen stösst und über sie hinaus verweist, liess einen innerlich wahrhaftig erschauern. Da war es nur gut, dass Schubert das Werk nicht so enden liess, sondern mit einem heiteren Schluss Wolf (und selbstredend auch allen anderen Pianistinnen und Pianisten dieser Welt) die Möglichkeit gab, versöhnliche Klänge am Ende eines überaus imposanten Konzertabends anzustimmen, der durch zwei Zugaben – darunter eine jazzige Version von Mozarts «Rondo alla Turca» - ausklang.

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Carl Wolf


Abwechslungsreiches Programm

Auch dieses Jahr wartet die Kultur im Kloster Fischingen mit einem abwechslungsreichen Programm auf, bei dem Liebhaber klassischer Musik auf ihre Kosten kommen. Hier ein Blick auf die Konzerte im ersten Halbjahr 2022. Am 20. Februar tritt der Tenebrae-Chor in der Klosterkirche mit Chorperlen aus der russisch-orthodoxen Liturgie auf. Am 18. März gastiert das Belenus Quartett mit Werken von Beethoven und Mendelsohn in der Bibliothek. Am Ostersonntag, den 17. April spielt das Thurgauer Kammerorchester Werke von Mozart, Haydn und Borodin, derweil am 12. Mai das StradivariQuartett mit einem ganz Johannes Brahms gewidmeten Konzert aufwartet. Abgeschlossen wird das erste Semester mit dem Gastspiel des Duo Wooden Waves, das mit der interessanten Kombination Harfe/Marimba eher selten Gehörtes zur Aufführung bringen wird.