Neophyten. Eigentlich ein furchtbares Wort. Zu Deutsch etwa «neue Pflanzen». Per Definition Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 beabsichtigt oder unbeabsichtigt nach Europa gelangten. Die meisten dieser Arten verschwinden schnell wieder oder fügen sich problemlos in die Pflanzenwelt ein. Einige aber verbreiten sich stark und setzen sich hartnäckig durch. Sie verhalten sich invasiv und werden zum Problem. Wie geht Uzwil damit um?

Standardprozedere

Im Bereich Bau der Uzwiler Verwaltung ist Besim Osmani der «Mister Neophyten». Er erklärt den Standardablauf. «Im Frühjahr prüft die Gärtnergruppe des Werkhofs im Gemeindegebiet, wo Neophyten wachsen. Jede Fundstelle melden sie mir. Ist sie in privatem Grund, schreiben wir die Grundeigentümerin oder den Grundeigentümer an, machen auf das Problem aufmerksam und bitten, die Neophyten zu bekämpfen. Die Grundeigentümer sind verantwortlich dafür. Meist handeln die Privaten eigenverantwortlich und die Nachkontrollen zeigen, dass sie erfolgreich waren. Wenn nicht, werden sie nochmals darauf aufmerksam gemacht und wird im Dialog versucht, zu überzeugen. Zwangsmassnahmen kann die Gemeinde bei der Neophytenbekämpfung nicht anwenden, die gesetzliche Ermächtigung dazu fehlt.» 

Und er schildert einen besonders gravierenden Fall, bei dem ein Grundeigentümer nicht kooperativ war. Bereits letztes Jahr wurde in einem Waldgebiet ein grosser Bestand an drüsigem Springkraut festgestellt, der Grundeigentümer darauf hingewiesen. Er wollte aber keine Massnahmen ergreifen. Alles gute Zureden, aller Dialog nützte nichts. Die Gemeinde selber kann nicht einfach auf privatem Grund aktiv werden. Dieses Jahr nun hat sich der Bestand fast explosionsartig auf benachbarte Grundstücke ausgeweitet.

Auf Gemeindeeigentum

Und wie läuft es, wenn auf Grundstücken der Gemeinde Neophyten festgestellt werden? Dazu Besim Osmani: «Das kommt oft vor, weil viele Strassenränder und Bachufer der Gemeinde gehören, sie sind besonders anfällig auf Neophyten. Stellen wir bei unseren Kontrollen Bestände fest, startet im Mai die Bekämpfung des Knöterichs an Gewässern, im Juni diejenige von Berufkraut und anderen Neophyten. Die Arbeiten dauern mit Unterbrüchen bis im Herbst. Seit 2020 beauftragen wir mit dieser aufwändigen Handarbeit das Buecherwäldli, seine Mitarbeitenden machen einen super Job.» 

Mehr als 400 Stunden wurden so im vergangenen Jahr für die Bekämpfung der Neophyten in Gemeindegrundstücken geleistet. Unterstütz wird das Buecherwäldli dabei vom Werkhof. Seine Mitarbeiter führen die ausgerissenen Neophyten zur Entsorgung ab. Damit ist die Arbeit aber nicht abgeschlossen. Der Kanton will den Überblick über die Neophytenbekämpfung in den Gemeinden. Besim Osmani trägt dazu alle Bestände und Bekämpfungsaktionen in einem geografischen Informationssystem ein und rechnet mit dem Kanton über die Einsätze ab. Und im nächsten Frühjahr geht die Geschichte von vorne los. Besim Osmani: «Nun, nach mehrjährigem und intensivem Einsatz stellen sich erste Erfolge ein. Ich bin zuversichtlicher als auch schon, dass wir die Neophyten in Schach halten können. Es braucht aber auch weiterhin ein grosses Engagement aller.»

Was tun?

Und was soll man tun, wenn man irgendwo Neophyten feststellt? Dazu Besim Osmani: «Melden Sie das dem Eigentümer oder der Eigentümerin des Grundstücks. Nützt das nichts, melden Sies bitte mir. Wir arbeiten diese Meldungen genau gleich ab wie die Feststellungen unseres Werkhofs, wenn er Bestände feststellt.» Stellt man in seinem Grundstück Neophyten fest, muss man sie bekämpfen. Besim Osmani empfiehlt dringend, auch einen Blick auf begrünte Flachdächer zu werfen, weil sich das Berufkraut dort pudelwohl fühlt. Fürs Entsorgen von Neophyten gilt: Sie sollen nicht im heimischen Garten kompostiert werden. Die Samen – oder auch Pflanzenteile – können überleben. In Uzwil können Neophyten der Grünabfuhr mitgegeben werden. Die Verarbeitungstemperaturen in der Kompogasanlage überleben sie nicht. 

Alternativ steht der Entsorgungsweg via Kehricht offen. So geräumte Flächen im Garten können beispielsweise mit vielfältigen einheimischen Wildpflanzen bereichert werden. Gute Gärtnereien oder Naturorganisationen kennen sich damit aus. Und wichtig ist, nach jeder Bekämpfung die Flächen mehrmals nachzukontrollieren und das auch im folgenden Jahr zu tun. Je nach Art können unterirdische Pflanzenteile wieder ausschlagen oder Samen nach mehreren Jahren keimen.

Tiere verschwinden

Der Japanische oder Asiatische Staudenknöterich etwa überwuchert ganze Bach- und Flussufer. Sein dichter Schatten führt dazu, dass die natürliche Ufervegetation und die Tiere im Gewässerbereich verschwinden. Zudem destabilisieren die unterirdischen Ausläufer die Uferbefestigungen. Erhöhter Gewässerunterhalt ist die Folge. An verschiedenen Orten entlang der Uze ist er eine echte Plage. Im Frühjahr schlagen die unterirdischen Triebe aus wie Spargelsprossen, sie wachsen in kurzer Zeit mehrere Meter hoch. Die Pflanzen müssen mit den unterirdischen Ausläufern ausgerissen und entsorgt werden. Mähen führt nicht zum Erfolg, im Gegenteil fördert es den Wiederaustrieb. Entlang von Gewässern ist bei der Bekämpfung Vorsicht geboten. Gelangen selbst kleine Pflanzenteile ins Wasser, verbreitet sich die Pflanze dadurch stromabwärts über weite Strecken.

Eroberung im Nu

Das einjährige Berufkraut gleicht einem hochwachsenden und verzweigten Gänseblümchen oder der Kamille. Es fühlt sich an mageren Standorten wohl. Strassenränder, Böschungen, Bahnareale, Magerwiesen erobert es im Nu. Es tritt aber auch auf begrünten Flachdächern auf, und in Privatgärten. Oft haben Leute dort Freude an der «schönen» Pflanze. Die ein- oder zweijährigen Pflanzen blühen von Juni bis Oktober. Sie vermehren sich via Flugsamen. Wie bekämpfen? Die Pflanzen müssen mit den Wurzeln ausgerissen oder ausgestochen und entsorgt werden. Mähen kann nur dann zum Erfolg führen, wenn es konsequent und über Jahre vor der Samenreife erfolgt. Einmaliges Mähen verschlimmert die Situation. Denn: Die Pflanzen sind clever. Sie werden mehrjährig, wenn sie durch Zurückschneiden am Blühen gehindert werden.

Das drüsige Springkraut wächst auf feuchten bis nassen Böden an Ufern, in Riedgebieten und Waldlichtungen und erreicht dort Wuchshöhen von zwei Metern. Es blüht ab Juli bis zum ersten Frost und breitet sich hauptsächlich über Samen aus. Berührt man die Samenkapsel, werden die reifen Samen weit aus der aufspringenden Frucht geschleudert. Daher sein Name. Diese aussergewöhnliche Vermehrungsart macht die Pflanze überaus erfolgreich wenns darum geht, sich auszudehnen. Aus wenigen Pflanzen können in ein bis zwei Jahren riesige Bestände werden. Die Pflanzen müssen vor der Samenreife ausgerissen und entsorgt werden. Grosse Bestände müssen vor der Samenreife mehrmals möglichst tief gemäht werden.

Nebst diesen drei gibt es eine grosse Zahl weiterer problematischer Neophyten wie Ambrosie, Riesen-Bärenklau, Schmalblättriges Greiskraut oder Kreuzkraut, Amerikanische Goldruten, Sommerflieder, Essigbaum, Götterbaum, Kirschlorbeer oder Robinie.

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