«Ich kann nichts machen. Ich schwimme», sagte ein Lesereporter in einem der zahlreichen Videos, welche am Sonntagabend landesweit die Runde machten. Er war mit dem Auto unterwegs in Richtung Zürich und sah kurz nach der Ausfahrt Wil, wie sich auf der rechten Seite ein Wasserfall spektakulär auf die Autobahn ergoss und diese mit Wasser, Schlamm und Schutt überdeckte. Auch wenn die A1 ein paar Minuten später gesperrt wurde, war es eine gefährliche Situation für viele Autofahrer, die zu jenem Zeitpunkt unterwegs waren.

Nicht zum ersten Mal gab es an jener Stelle einen Wasserfall. Es ist gar so, dass eine Überflutung der Autobahn vorgesehen ist, wenn in der Region Starkregen für hohe Bachpegel sorgt. Fast auf den Tag genau 37 Monate ist es her, seit sich an besagter Stelle ein nahezu gleiches Szenario abgespielt hat. Sowohl am 14. Juni 2015 als auch an diesem Sonntagabend liess ein heftiges Sommergewitter den Krebsbach zügig anschwellen. Dieses in er Regel liebliche Gewässer entspringt in Rossrüti, fliesst in Wil grossteils unterirdisch durch die Stadt und tritt in der Nähe der «Larag» wieder an die Oberfläche. Führt der Krebsbach viel Wasser, bildet die Autobahn eine Art Damm. Denn unter dieser zwängt sich der Bach in einem Stollen (Düker) hindurch Richtung Rickenbach. Kann der Düker die Wassermassen nicht schlucken, wird das Wasser zuerst in einen Entlastungskanal (Westkanal) geleitet. Ist auch dieser voll, fliesst es oberirdisch ab und stürzt sich einen Abhang hinunter auf die A1.

Weniger schlimm als 2015
Laut dem Wetterdienst Meteocentrale war das Unwetter am Sonntag weniger schlimm als vor drei Jahren. Fielen dieses Mal in einer Stunde rund 50 Liter Wasser pro Quadratmeter, so waren es im Jahr 2015 gar 80 Liter pro Quadratmeter gewesen. Es drängt sich die Frage auf, warum nach dem Zwischenfall von 2015 keine Massnahmen ergriffen worden sind. Noch am Sonntagabend wurden erste Stimmen laut, gewisse Leute hätten ihre Aufgaben nicht gemacht.

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Blick in das "Vorzimmer" des Krebsbach-Dükers, der unter der Autobahn A1 hindurchführt. (Bild: Niklaus Jung)

Mit diesen Leuten sind in erster Linie die Vertreter des Thurgauer Wasserbauamts gemeint. Unter dessen Leitung werden Schutzmassnahmen vorbereitet. Involviert sind auch das Bundesamt für Strassen Astra, der Kanton St. Gallen und die Gemeinden Rickenbach, Wilen sowie die Stadt Wil. Ein Vorprojekt wurde vor wenigen Wochen Ende Juni der Öffentlichkeit vorgestellt (Hallowil.ch hat berichtet). Es sieht unter anderem vor, einen zweiten Düker unter der Autobahn zu errichten und das Profil des Krebsbachs zu erweitern. «Ein zweiter Düker hätte gereicht, um diese zweite Überflutung zu verhindern», sagt Klemens Müller vom Thurgauer Wasserbauamt.

Kostenteiler als Streitobjekt
Die Ausarbeitung hätte aber durchaus schneller gehen können. Allerdings entwickelte sich der Kostenteiler zu einem kernigen Zankapfel. «Über die Massnahmen als solches wurde man sich recht schnell einig. Mit dem Kostenteiler hatten wir aber grosse Probleme», sagt Müller. Mittlerweile ist eine Lösung gefunden, hinter der alle Organisationen stehen können. Die Gesamtkosten für alle Massnahmen belaufen sich auf 27,3 Millionen Franken. Das Astra und die beiden Kantone steuern rund 17 Millionen Franken bei. Auf Wilen entfallen 3,8 Millionen Franken, auf Rickenbach 2,64 Millionen und auf die Stadt Wil 3,61 Millionen. Auch Private haben sich – wenn auch in deutlich bescheidenerem Umfang – finanziell zu beteiligen.

Ein weiterer Punkt, warum es zu Verzögerungen kam: Per 1. Januar 2018 ist ein neues Wasserbau-Gesetz in Kraft getreten. Während zuvor für Bachkorrektionen die Gemeinden zuständig waren, kann nun auch der Kanton die Hauptverantwortung übernehmen, wenn alle Beteiligten einverstanden sind.

Hochwasserschutz-Projekt in der Kritik
Das weitere Vorgehen sieht nun wie folgt aus: Aktuell wird das Vorprojekt optimiert. In gut zwei Jahren soll ein bewilligungsfähiges Projekt vorliegen. Eine Umsetzung ist frühestens ab 2021 geplant. Da jedoch Einsprachen so gut wie sicher sind – bereits am öffentlichen Anlass Ende Juni gab es kritische Voten –, dürfte es weitere Verzögerungen geben. Womöglich gar um Jahre.

Eine Beschleunigung ist nicht möglich, auch wenn nun der Druck der Öffentlichkeit zunimmt. «Viele Leute haben die Möglichkeit, Einsprache zu erheben. Zudem müssen alle Massnahmen miteinander umgesetzt werden, da sie aneinanderhängen. Es ergibt keinen Sinn, den zweiten Düker für den Krebsbach zu bauen, wenn auf Rickenbacher Gebiet Massnahmen wegen Einsprachen blockiert sind», sagt Müller. Heisst im Klartext: Es ist nicht auszuschliessen, dass es früher oder später einen weiteren Wasserfall auf die Autobahn A1 geben wird.