Eigentlich müsste man solche Vorträge selber gehört haben, um die vielschichtige Thematik einigermassen zu verstehen. Hier ist nur ein kleiner Einblick möglich. Der Referent ist Psychotherapeut FSP, QM, zertifiziert in Notfallpsychologie. Er berichtete aus seinem erfahrungsreichen Alltag. Unter anderem kam er zum Einsatz im Lawinenwinter 1999 im Wallis, bei der Katastrophe in Gondo 2000, beim Anschlag auf das Zuger Parlament oder beim kürzlichen Absturz der Ju 52. Seine Faszination: Menschen in schwierigen Situationen helfen, sich  besser zu fühlen, ihr Leben wieder in gewohnte Bahnen zu lenken – wobei es auch Grenzen gibt.

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Edith Scherer von der Angehörigenberatung stellte einerseits den Referenten und andererseits die noch folgenden Kurse vor

Als erster Kanton hat St. Gallen ein Careteam gebildet. In der Folge wurde ein nationaler, koordinierter Sanitätsdienst aufgebaut, der den Psychologen die Arbeit erleichtert. Die Notfallpsychologie befasst sich mit der Situation von Menschen nach belastenden Ereignissen wie Naturkatastrophen, Unfällen, Gewalttaten, plötzlichem Verlust von Angehörigen und so weiter. Sie unterstützen aber auch Rettungsmannschaften, bei denen nach schwierigen Ereignissen Störung verhindert und möglichst schnell Normalität hergestellt werden soll.

Belastende Szenarien
Belastend sind vor allem Szenarien wie direkte Konfrontation mit traumatischem Ereignis, beharrliches Wiedererleben, anhaltende Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma verbunden sind, Symptome erhöhter Erregbarkeit, die länger als einen Monat dauert. Das Störungsbild beeinträchtig soziale, berufliche oder andere wichtige Funktionsbereiche. Jeder Mensch reagiert anders und hat ein unterschiedliches Belastungspotential, nicht alle brauchen jedoch eine psychologische Betreuung. Die Autonomie und der Wille der zu betreuenden Person wird respektiert.

Risikofaktoren – Frühwarnzeichen
Die Risikofaktoren sind unter anderem: ein schon früher kritisches Ereignis, Nah-Todeserlebnis, sexuelle Übergriffe in der Kindheit, früher Verlust von Eltern oder Bezugspersonen (Sicherheitsgefühl), Erwerbsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit, soziale Isolierung. Als Frühwarnzeichen gelten anhaltende Schlaflosigkeit, Alpträume, äussere und innere Unruhe, Bewusstseinsstörungen, Interesseverlust usw. Bei über 70% der Betroffenen kann man eine Normalisierung innerhalb von vier bis sechs Wochen erwarten. Beim Rest allerdings muss mit einem ungünstigen Verlauf gerechnet werden.

Posttraumatische Störungen bei Fachleuten
Auch bei Pflegefachpersonen und Einsatzkräften (Polizei, Feuerwehr, Rettungsassistenten) treten Posttraumatische Belastungsstörungen PTBS auf. Beispiele: schwer verletzte oder tote Kinder und Jugendliche, Opfer sind bekannt, Gefährdung der Retter, Anblick von Leichenteilen, Erfolglose Rettung, Parallelen zur eigenen Biografie und weitere Faktoren. 

Wer macht was?
Careteam und Caregiver bieten praktische und emotionale Unterstützung. Peer Support heisst Entlastungsgespräche unter Kollegen, also direkte emotionale Unterstützung vom Mitarbeitenden und eventuell ebenfalls Betroffenen (z.B. Lokführer, Polizisten, Chauffeure). Notfallpsychologische Intervention sind strukturierende Gespräche für Betroffene, ergänzende Hilfe zu Carteam, Cargivers und Peers sowie fachliche Verantwortung bei den verschiedenen Teams.

Fallbeispiele
Anhand von erlebten Situationen konnte der Referent den Zuhörenden seine Arbeit plastisch vor Augen führen. Da war der 7-jährige Bub, der auf die Strasse lief und von einem Lastwagen überfahren wurde. Die Aufmerksamkeit galt Eltern, Lehrern und Mitschülern, aber auch dem Chauffeur. Die Mutter wollte ihren Sohn unbedingt nochmals sehen, sie brauchte die Berührung zum Abschiednehmen, was ihr der Gerichtsmediziner ermöglichte. Auch die 23-jährige Frau, deren Partner nach zehnähriger Beziehung mit dem Töff tödlich verunglückte, verlor ihren Halt, schrie und tobte. Als Vater eines Sohnes ist Dr. Braun das Ereignis mit dem Buben sehr nahe gegangen. Hier, und auch an anderer Stelle musste er mit seinem Wissen und Können sich selber schützen, auch Psychologen sind verletzlich.

Sullenberger
Verschiedene weitere Fälle liessen die schwierige und hochsensible Aufgabe einigermassen erkennen. Dr. Braun präsentierte den beeindruckenden Film mit Live-Ton, wo der US-Pilot Chesley Sullenberger 2009 erfolgreich eine Notwasserung mit einem Airbus A-320 auf dem Hudson River durchführte – ohne Verletzte. Dort zeigte sich, mit wieviel Coolness man – nach jahrelangem Training - unter Umständen handeln kann.

Fazit des Referates
Jeder Mensch hat das Recht, bei einem schwerwiegenden Ereignis zu toben und zu brüllen oder total zu schweigen. Jeder Mensch hat aber auch das Recht auf fachliche Hilfe, um wieder in gewohnter Weise zu leben, obwohl das Ereignis immer präsent ist. Zwei Fragen aus dem Publikum: 1. Verarbeiten gläubige Menschen ein Ereignis besser? Antwort: Man hat das Gefühl, dass ein ehrlicher Glaube in solchen Situationen hilfreich sein kann. 2. Sind sich Angehörige von Menschen mit Risikoberufen oder -sportarten der Gefahr eher bewusst? Antwort: Eigentlich nicht, sie denken immer: ihm, ihr passiert schon nichts.