Für eine Mehrheit in der Fraktion der Grünen Prowil ist es «ein Armutszeugnis für die Wiler Politik, dass die bereits vor 20 Jahren angekündigte Reform der Oberstufenstruktur noch nimmer nicht umgesetzt wurde». Noch immer sind auf politischer Ebene die Meinungen nicht gemacht, ob die Mädchen-Oberstufe St. Katharina weiterhin Bestand haben soll – und wenn ja, in welcher Form.

Bei der Sitzung des Stadtparlaments diesen Donnerstag geht es nun darum, ob der Vorschlag des Stadtrates, das Kathi abzuschaffen, mehrheitsfähig ist. Doch der Gegenwind wird stärker. Seit vergangener Woche ist bekannt, dass sich die Bildungskommission, welche aus allen grossen Parteien bestehet, diesen Antrag grossmehrheitlich (4:3-Stimmen) zurückweisen möchte. Nun bringt sich die Fraktion der «Grünen Prowil» mit einem eigenen Rückweisungs-Antrag in Position. Dieser ist eine Art Mittelweg zwischen der Idee des Stadtrates und jener Idee der Bildungskommission, welch die Grünen als «Gegenvorschlag» sehen.

Neuer Vertrag in sechs Monaten ausarbeiten

Konkret fordern die Grünen, dass das Kathi weiterhin Bestand hat und die Anzahl Oberstufen-Standorte bei vier verbleiben. Das Kathi soll künftig eine vollwertige Sekundar- und Realschule sein, an welcher Mädchen und Knaben in ausgeglichener Anzahl unterreichtet werden. Die Schulhauszuteilung würde durch die Stadt Wil erfolgen. Geführt würden maximal zwölf Klassen. Die Stadt müsste keinen zusätzlichen Schulraum zur Verfügung stellen. Laut diesem Vorschlag geniessen die städtischen Oberstufen das gleiche Mass an Autonomie und Gestaltungsfreiheiten wie die Schule St. Katharina. Die Stadt Wil nähme mit mindestens zwei Vertretern Einsitz in den Stiftungsrat St. Katharina. Die Schulleitung des Kathi wäre wiederum in der städtischen Schulleitungskommission vertreten. Zu guter Letzt würde sich die Stadt Wil ein Nutzungsrecht an den Räumen der Schule St. Katharina sichern. Dies für den Fall, dass die Stiftung den Leistungsauftrag der Stadt nicht mehr erfüllen kann oder will.

Um dies zu erreichen, fordern die Grünen Prowil, dass der Oberstufenvertrag an den Stadtrat zurückgewiesen wird mit dem Auftrag, eine Oberstufenstruktur mit den oben erwähnten Punkten auszuarbeiten – und zwar innerhalb von sechs Monaten. «Der Rückweisungsantrag der Bildungskommission ist nicht durchdacht und zeugt von fehlendem politischem Verantwortungsbewusstsein. Er ist einseitig darauf angelegt, die Forderungen der Stiftung Schule St. Katharina zu verwirklichen. Die städtischen Interessen werden weitgehend ausser Acht gelassen», schreiben die Grünen in einer Mitteilung. Nur eine Kompromisslösung, welche auf einen Interessenausgleich abziele, habe eine Chance, in nützlicher Frist realisiert zu werden. Ansonsten drohe der Schwebezustand für «mindestens zehn weitere Jahre». Die daraus resultierenden Unsicherheiten könnten den gesamten Bildungsplatz «nachhaltig beeinträchtigen».

hallowil.ch wird am Donnerstag mit einem Liveticker von der Parlamentssitzung berichten.

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Bildungskommission stellt Rückweisungs-Antrag: (19.8.)

Schon lange wird in Wil darüber debattiert, ob das Kathi abgeschafft werden soll oder nicht. Der Stadtrat hat sich für das so genannte Schulmodell D ausgesprochen. Demnach bleiben die drei öffentlichen Oberstufen Lindenhof, Sonnenhof und Bronschhofen bestehen. Am Kathi findet hingegen keine Beschulung mehr stat. Die bestehenden Schulhäuser müssten ausgebaut werden, um genügend Schulraum zu haben.

Die Exekutive sieht in diesem Modell weniger Risiken als beim «Modell B», bei welchem das Kathi weiterhin bestünde, dafür der Sonnenhof zu einer Primarschule umfunktioniert würde. «Das Modell D entspricht der Praxis, dass der öffentliche Schulträger die Beschulung aller Kinder im Volksschulalter selbst sicherstellt», schreibt der Stadtrat. Zudem würde der Volksschulgedanke der Koeduktion – also der geschlechterdurchmischten Beschulung – und der gemeinsamen Beschulung unter einem Dach vollumfänglich gelebt.

So argumentiert die vorberatende Kommission

Kommende Woche am Donnerstag (29. August) kommt dieses Geschäft ins Stadtparlament. Diskussionen wird es bereits bei der Frage geben, ob überhaupt auf das Traktandum eingetreten wird. Die vorberatende Kommission, welche aus Mitgliedern aller Fraktionen besteht und die Thematik an nicht weniger als zehn Sitzungen beraten hat, spricht sich für Nicht-Eintreten aus. Allerdings mit nur gerade 4:3-Stimmen. Dies lässt erwarten, dass es auch im Parlament eine enge Kiste wird.

Geht es nach der vorberatenden Kommission, geht das Geschäft zurück an den Stadtrat und dieser erzielt mit dem Stiftungsrat der Schule St. Katharina eine Einigung über die Beschulung von Oberstufenschülerinnen und Oberstufenschüler. Das Modell B soll neu ausgearbeitet werden, um innerhalb eines halben Jahres dem Stadtparlament einen neuen Bericht vorzulegen. «Ziel soll es sein, die Vielfalt der Wiler Oberstufen zu bewahren», schreibt die vorberatende Kommission unter dem Vorsitz von Bildungskommissionspräsident Daniel Geber (FDP). Die Beantwortung der Kathi-Frage würde sich somit weiter verzögern.

Kathi müsste Risiken mittragen

Die vorberatende Kommission nennt acht Eckpunkte, die erfüllt sein müssen. Erstens: Die Schule St. Katharina wird unter der Trägerschaft der Stiftung geführt. Zweitens: In der Schule St. Katharina sollen pro Jahrgang mindestens eine Sekundar- und eine Real-Mädchenklasse sowie 1 Sekundar- und 1 Real-Knabenklasse beschult werden. Dies erfolgt in zwei Schulhäusern seedukativ, also geschlechtergetrennt. Drittens: Für die Knaben wird, zumindest während der Pilotphase, in der Nähe der Schule St. Katharina von der Stadt Wil Schulraum zur Verfügung gestellt. Viertens: Wahlpflichtfächer und Wahlfächer werden nach Möglichkeit koeduktiv geführt.

Zudem soll Fünftes mit einer geeigneten Form für die Schulzuteilung grösstmögliche Planungssicherheit geschaffen werden. Sechstens: Das Pilotprojekt dauert sechs Jahre. Siebtens: Die Stiftung St. Katharina wird verpflichtet, sich ab dem vierten Jahr in angemessenem Rahmen am Risiko zu beteiligen. Heisst konkret: Sie beteiligt sich ab jenem Zeitpunkt an den zu definierenden Mehrkosten, sollte es solche geben. Und Achtens: Nach vier Jahren wird der aktuelle Stand des Pilotprojektes analysiert. Bei einer positiven Entwicklung soll dem Parlament in der Folge ein dauerhaftes Schulmodell mit der Schule St. Katharina vorgelegt werden. Bei Scheitern des Pilotprojekts verpflichten sich die Parteien zu Neuverhandlungen.