Der Wiler Chronist Carl Georg Jakob Sailer berichtet von einer jungen Frau aus dem Adelsgeschlecht Brunberg. Ihr Stammsitz soll zwischen Rickenbach und Littenheid gelegen haben. Nesa von Brunberg ging 1386 eine Liaison mit dem Ritter von Rätenberg aus Kirchberg ein.

Dieser hatte seine rechtmässige Gattin von seiner Burg vertrieben und lebte fortan mit Nesa. Da er sie als bereits Verehelichter nicht kirchlich heiraten durfte, gab er ihr stattdessen wertvolle Geschenke und ermöglichte ihr manches Vergnügen. Nesas Mutter ermahnte sie, nicht leichtsinnig in dieser Schande zu leben. Ihre Tochter ignorierte die Einwände und ritt provokativ in prachtvollen Gewändern am Elternhaus vorbei.

Letzter Wunsch missachtet

Der dauerhafte Kummer brachte die Mutter aufs Sterbebett. Sie sandte einen Boten, er solle die Tochter holen. Dieser traf auf einen Hirsch, der von einem Rudel Hunden sowie von Nesa und dem Ritter zu Pferd verfolgt wurde.

Sie hörten den Boten an, Nesa war unschlüssig, ob sie der Aufforderung folgen soll. «Bah, alte Weiber wollen alle Tage sterben, und streben doch nie», soll der Ritte gemäss Sailer geantwortet haben. Falls sie doch strebe, werde sie den Himmel wohl finden. Er trieb Nesa zum Weiterreiten an, damit ihnen der Hirsch nicht entwische.

Der Bote erzählte der Mutter von der Begegnung mit der Tochter und deren Liebhaber. Diese sprach ein Gebet für Nesa und starb.

Kreuzfahrer

Der verschwenderische Lebensstil liess den Ritter allmählich verarmen. Schliesslich schloss er sich als Krieger einem Kreuzzug nach Jerusalem an. Man hörte nie mehr etwas von ihm.

Nesa ihrerseits bestritt ihren Lebensunterhalt als Sängerin von Minneliedern auf Märkten und in Burgen. Diese Lieder hatte sie einst auf der Burg Rätenberg an der Seite ihres Ritters gehört. 

Ihre ärmliche Kleidung zeigte, dass das luxuriöse Leben Vergangenheit war. Schliesslich erkrankte sie schwer. Sie wollte vor ihrem Lebensende noch einmal ihr Elternhaus sehen und schleppte sich mit letzter Kraft in ihre Heimatregion.

Unheimliches in der Abenddämmerung

An jener Stelle, wo der Bote sie einst vergeblich ans Sterbebett ihre Mutter gerufen hatte, verschied sie. Weil sie damals die Tränen ihrer Mutter missachtet hatte, blieb ihrer Seele der Weg in den Himmel versperrt. Diese war nun an jene Stelle gebannt, an der Nesa verstorben war.

In der Abenddämmerung sahen Passanten jeweils eine unheimliche Frau mit tiefen Furchen im Gesicht und einem lodernden Blick unter einer Tanne sitzen.

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Die unheimliche Frau am Waldrand wies den falschen Weg. 

Wenn sie ortsunkundige Wanderer nach der richtigen Route nach Wolfikon und nach Kirchberg fragte, wies sie ihnen den falschen Weg. Dieser führte sie ins Verderben. Sie irrten stundenlang orientierungslos im Wald umher und holten sich Krankheiten oder erfroren.

Zum Schutz Kreuz schlagen

In der Region wusste man bald über das unheimliche Wesen Bescheid. Man wies die Kinder an, sie nicht anzusprechen, ihre Aufforderungen zu ignorieren und das Kreuz zu schlagen.

Eines abends kam in grosser Eile eine 18-Jährige, die die unheimliche Frau nach dem Weg nach Wolfikon fragte. Im selben Alter war Nesa damals gewesen, als sie sich mit dem Ritter einliess. 

Das Geistwesen wies der jungen Frau den falschen Weg. Diese bemerkte das Hohnlächeln im Gesicht der Frau unter der Tanne. Die 18-Jährige kniete nieder und bat innständig, ihr den richtigen Weg zu zeigen, ihre Mutter liege im Sterben und wolle ihr den letzten Segen spenden.

Da wandelte sich bei der unheimliche Frau der ehemals lodernde in einen milderen Blick. Sie wies der jungen Frau den korrekten Weg.

Seele wird erlöst

Durch das Mitleid mit der jungen Frau war Nesas Seele gereinigt und befreit. Sie hatte ihre eigene Missetat gesühnt. Sie konnte nun endlich ins Jenseits einkehren. Seither hat niemand mehr dieses sogenannte «Fetzfräulein» gesehen.