Frau Bosshart, am vergangenen Montag war Tag der Frau, glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Aus meiner Sicht sehe ich keinen Verbesserungsbedarf. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich als Frau eine schlechtere Ausgangslage in der Gesellschaft habe als die Männer. Vielleicht ist das im Kulturbereich auch angenehmer und fortschrittlicher als in anderen Bereichen. Jedenfalls geniesse ich es, dass es in meinem Umfeld auf die Qualität ankommt und nicht auf das Geschlecht. Ich glaube aber auch, dass es für Frauen wichtig ist, sachlich zu bleiben, wenn man einmal scheitert. Es ist zu einfach, bei einem gescheiterten Projekt zu argumentieren, es sei gescheitert, weil man als Frau nicht die gleichen Chancen wie ein Mann hatte.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich Frau diskriminiert gefühlt haben?

Zum Glück nicht. Schon als Kind genoss ich eine Erziehung, in der ich als Mädchen genau gleich erzogen wurde wie die Jungs. Als leidenschaftliche Fussballspielerin führte ich zum Beispiel die gemischte Fussballmannschaft als Kapitän an den Schüler-Grümpelturnieren an. Es war nicht wichtig, ob männlich oder weiblich, sondern die Anzahl Tore waren es, auf die es ankam. So war es in meinem Leben zum Glück immer. Auch in Orchestern und Kammermusikformationen ist es wichtig, dass man menschlich zusammenpasst und das Geschlecht spielt da keine Rolle. Ob Mann oder Frau – wichtig ist, was man denkt und wer man ist.

Engagieren Sie sich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Nein. Wenn ich aber mitansehen muss, wie jemand am Arbeitsplatz, hinter und auf der Bühne oder in der Freizeit ungerecht behandelt wird, setze ich mich für diese Personen ein. Gerechtigkeit und Ehrlichkeit sind für mich sehr wichtig. Da spielt mir das Geschlecht keine Rolle. Ich bin der Meinung, dass Männer genauso wie Frauen schlecht behandelt werden können und dann auf Unterstützung angewiesen sind. Insofern engagiere ich mich für die Gerechtigkeit der Frauen genauso wie für die der Männer.

Zur Person:

Marietta Bosshart ist in Wil aufgewachsen und lebt heute in Wil. Sie studierte an der Zürcher Hochschule der Künste Oboe und schloss zwei Masterstudien, Master of Arts in Music Performance und Master of Arts in Music Pedagogy mit Auszeichnung ab. Die junge Oboistin wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet und erhielt 2014 den Kulturförderpreis der Stadt Wil. Heute konzertiert Marietta Bosshart mit Orchestern und Kammermusikformationen, tritt solistisch auf und unterrichtet an Musikschulen, sowie an den Kantonsschulen Wil und Wattwil. Seit 2019 leitet sie die Musikschule Oberuzwil Jonschwil in einer Co-Schulleitung und engagiert sich in der Kulturkommission der Stadt Wil.