Um der Coronavirus-Pandemie entgegenzutreten, hat der Bund in der letzten Woche verschiedene verschärfte Massnahmen erlassen, welche die Ausbreitung des Virus verlangsamen oder ganz aufhalten sollen. Diese Vorschriften beeinflussen nun den Arbeitsalltag in der ganzen Schweiz massiv – vor allem negativ.

Herr Dörig, in der aktuellen Corona-Krise ist es für Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht immer einfach, positiv zu denken, oder?

Anton Dörig: Ja, das ist ganz natürlich – jedoch möglich wäre es. Es ist aber nicht immer sinnvoll zu positiv zu denken. Auch der Pessimist (in uns) soll Mal zu Wort kommen dürfen. Dies ganz im Sinne eines Perspektivenwechsels. Denn gerade in der Arbeitswelt ist es auch entscheidend, nicht immer alles blauäugig zu sehen. In Krisen-Situationen kann eine Portion Schwarzmalerei bezüglich der nötigen Zielerreichung durchaus auch präventiv wirken. Denn wie wir in der aktuellen Corona-Krise sehen, ist in der Arbeitswelt nicht immer alles von einer positiven Entwicklung geprägt. Umso wichtiger ist es, dass man eine Situation so betrachtet und beurteilt, wie sie im Grunde eben ist. 

Man sollte in der aktuellen Situation möglichst realistisch sein …

Anton Dörig: … genau. Folgende Fragen sind hier entscheidend: Welche Informationen bekomme ich? Auf wessen Informationen baue ich mein Wissen und Handeln auf? Hier möchte ich das Thema Fake-News ansprechen. Gerade in der Zeit der Online-Medien, die mit ihren Nachrichten immer schneller werden, ist es schwierig, nicht sofort auf jede Meldung aufzuspringen. Damit nicht falsche Nachrichten viral gehen, braucht es vor allem einen realistischen Überblick auf die ganze Situation oder Lage. Es ist wichtig, dass die Zahlen, Daten und Fakten gesammelt werden und einen passenden Bezug haben: Hier redet wir über mögliche Best-Case-Szenarien und Worst-Case-Szenarien, die eintreffen können. Mit einer solchen gesunden Vorgehensweise ist man dann auch nicht zwingend negativ eingestellt.

Viele Schweizer Betriebe haben jetzt Angst, den Mitarbeitern keinen Lohn mehr zahlen zu können und damit Kündigungen aussprechen zu müssen. Wie können Unternehmer da einen kühlen Kopf bewahren?

Anton Dörig: Das ist eine der grössten Herausforderungen überhaupt. Es kommt zu schwierigen Situationen und ausserordentlichen Lagen, wenn man einen finanziellen Engpass hat. Fehlt der finanzielle Puffer, kommt es bei vielen Geschäftsführern und Unternehmern zu einer Torschlusspanik. Der aufkommende Tunnelblick schadet der dringend benötigten Weitsicht. Das wiederum hat einen negativen Einfluss auf die Entscheidungs- und Handlungskompetenz in allen Bereichen. Manager und Führungskräfte sind vor allem in Krisen gefordert. Eine ganze Belegschaft während einer solchen Zeit zu begleiten und vor allem zu führen, bedingt, dass die Kommunikation der aktuellen Situation angepasst wird.

Was heisst das?

Anton Dörig: Es ist enorm wichtig, zuerst mit dem engsten Führungskreis offen und transparent zu diskutieren. In einem zweiten Schritt ist es bedeutend, mit allen Mitarbeitern zu reden. Das alles muss geschehen, bevor die relevanten Informationen an die Medien gelangen. Dann kann man auch eher einen kühlen Kopf bewahren. Dieser Informationsfluss muss aber permanent während der ganzen Krise stattfinden. Nehmen wir die aktuelle Corona-Krise: Sobald der Bundesrat über neue getroffene oder verschärfte Massnahmen informiert, werden diese Informationen extrem schnell von den Medien verarbeitet und publiziert. Dieser ständige Informationsfluss wirft bei der Bevölkerung viele Fragen auf, weil eben alle von dieser ausserordentlichen Lage betroffen sind. Denn jeder – nicht nur Arbeitnehmer und -geber, sondern die ganze Bevölkerung – hat im Moment einen negativen Bezug zu diesem Thema. Jeder weiss, dass nun in allen Bereichen Sofortmassnahmen ergriffen werden müssen. Kommen wir zum zentralen Punkt: Unternehmen, die sich in der Vergangenheit mit dem sogenannten Business Continuity Management (BCM),  sprich geschäftliches Kontinuitätsmanagement, auseinandergesetzt haben, sind heute klar im Vorteil. Diese haben ihre Planung griffbereit und wissen ganz genau, was nach einem Notfall oder während einer Krise zu tun ist. Betriebe, die sich vorher keine Gedanken über ein Risiko-Management oder eben das BCM gemacht haben, müssen sich jetzt schleunigst hinter die Bücher setzen, passende Massnahmen ergreifen und auch die vom Bund vorgegebenen Beschlüsse umsetzen. Dabei müssen sie sich zwingend folgende Fragen stellen: Welches sind unsere kritischen Geschäftsprozesse? Worauf legen wir das Schwergewicht unserer Handlungen in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten? Unternehmen müssen in einer Krise vor allem verhindern, zu klein zu denken und betriebsblind zu sein. Ein professioneller Blick von aussen kann hier sehr wohl für Klarheit sorgen.

Gerade weil jetzt sowohl Unternehmer als auch Arbeitnehmer Klarheit brauchen.

Anton Dörig: Hier würde ich etwas unkonventionell an die Sache herangehen. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung habe ich ein Führungs-Modell entwickelt, das hier das BCM und das Notfall-Krisenmanagement ideal ergänzt. Wenn es darum geht Klarheit zu bekommen, ist es wichtig die richtige Präsenz und Essenz in der Führung wirken zu lassen. Und hier kommt mein Modell «Präsenzielle Führung» zum Zug: Unternehmer, Führungskräfte und Manager müssen Menschen, in diesem Fall sind das die eigenen Mitarbeiter, für ihr Vorhaben gewinnen, damit sie diese erfolgreich und sicher zum Ziel führen können. Das bedeutet, dass jetzt Führungsqualität gefragt ist und in der aktuellen Krise, die eigene Präsenz gezeigt werden muss. Aber auch die Essenz der eigenen Mission muss auf allen Ebenen im Unternehmen eindringlich vermittelt werden. Und nur so sorgen Manager und Geschäftsführer für Klarheit in ausserordentlichen Lagen. Zusätzlich kommt auch das Thema Leidenschaft ins Spiel – so frage ich Unternehmer, die ich jeweils auch ausserhalb von Krisen berate: Für was sind Sie damals angetreten? Wofür steht Ihr Unternehmen im Kern? Worin liegt das Herzblut Ihrer Tätigkeit? Und was brauchen Sie nun dringend, um betrieblich überleben zu können? Denn das ist der Ursprung eines jeden Unternehmens. All diese Fragen und Punkte müssen in Einklang mit dem aktuellen Überlebenstrieb gebracht werden. Unternehmen müssen sich gerade jetzt überlegen, wie das Ganze nicht zu arg in Schieflage gerät und zum Scheitern verurteilt ist. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sofortmassnahmen ergriffen und umgesetzt werden. Deshalb appelliere ich an alle Unternehmer: Sie müssen jetzt emotional bei Ihren Mitarbeitern sein – wenn möglich vor Ort oder auch online.

Wie bleiben alle – gerade in einer Krise – motiviert?

Anton Dörig: Zuerst eine Gegenfrage: Um was geht es bei einer Krise wie der aktuellen Corona-Krise? Es geht in erster Linie um das nackte Überleben. Wobei man ganz klar sagen muss – obwohl so ziemlich jeder Wirtschaftssektor von dieser betroffen ist, ist nicht in jedem Unternehmen, die gleiche Dringlichkeit vorhanden. In jeder Krise sind zu den gängigen Fragen zusätzlich drei Dinge bedeutend: Klarheit, Leidenschaft und Umsetzung. Ohne das Tun im Untenehmen überlebt heute kein Prozess, kein Produkt und keine Dienstleistung mehr. Ohne Klarheit, wissen die Mitarbeiter nicht, warum sie gerade jetzt, wozu was machen und wohin sie gehen sollen. Dann kommt noch das Thema Leidenschaft hinzu: Jemand der seiner Arbeit nicht mit Leidenschaft nachgeht, wird niemals die gleiche Leistung erbringen, wie jemand, der leidenschaftlich oder im Minimum begeisternd dafür einsteht.

Aber was bedeutet die Leidenschaft in der aktuellen Corona-Krise?

Anton Dörig: Ganz einfach: Jeder Mitarbeiter soll zurzeit dort eingesetzt werden, wo seine Stärken liegen. Das erfordert, dass Mitarbeiter nun über die eigene Funktion hinausschauen sollen. Führungskräfte und Manager müssen sich genau überlegen, welcher Mitarbeiter, was erledigen kann. Sich alle Stärken der Mitarbeiter zu Nutzen machen. Denn jeder Mensch hat für irgendetwas eine leidenschaftliche Begeisterung. Und jetzt kann jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer aufstehen und für seinen Arbeitgeber einstehen. Sobald ein Mitarbeiter merkt, dass er und seine Leistung geschätzt werden, ist er automatisch motivierter. Wenn ein Unternehmer seinen Betrieb aufbauen und erfolgreich führen will, dann muss er Sinn, Zweck und Wertschätzung vermitteln. Gerade in der aktuellen Krise, in der Unternehmer auf ihre Mitarbeiter angewiesen sind, müssen sie dies nochmals aufzeigen können. Und gleichzeitig auch ein gewisses Verständnis für ihre Sorgen entgegenbringen. Nur so können Unternehmen dieser Krise sogar noch einen Sinn abgewinnen.

Wie nutzt man eine Krise auch als Chance?

Anton Dörig: Mir ist sehr wohl bewusst, dass es zurzeit schweizweit genug Unternehmen gibt, die bereits am Existenzminimum sind. Diese Betriebe stehen kurz vor dem Aus und wissen nicht, wie sie in nächster Zeit ihre Rechnungen bezahlen sollen. Andere wiederum sind noch nicht so stark betroffen. Nun denn, die finanzielle Unterstützung des Bundes und der Banken ist das eine – das andere ist die eigene Kreativität zu nutzen und den nötigen Perspektivenwechsel vorzunehmen. Zu den ganzen Massnahmen des BCM und des Notfall-und Krisenmanagements gilt es langfristig: Menschen zu gewinnen, erfolgreich und sicher zum Ziel zu führen, durch Klarheit, Leidenschaft und Umsetzung. Führung verlangt Präsenz und Essenz auf allen Stufen des Managements – mit Sicherheit. 

Weitere Informationen rund um die Themen Unternehmensführung und Unternehmenssicherheit gibt es unter: www.anton-doerig.ch