Am 13. Juni 2021 hat die Stimmbevölkerung den «Nachtrag zum Kantonsratsbeschluss über die Erneuerung und Erweiterung des Spitals Wattwil» angenommen und damit die Weiterentwicklung der Strategie der St.Galler Spitalverbunde insgesamt gutgeheissen. Das ursprüngliche Bauvorhaben am Spital Wattwil wird nicht weitergeführt. Die Regierung des Kantons St.Gallen hatte als Nachfolgelösung geplant, den Standort zusammen mit dem Schweizer KMU Solviva und weiteren Organisationen in ein Kompetenzzentrum für Gesundheit, Notfall und spezialisierte Pflege (GNP) umzuwandeln. Solviva hätte am Standort in Wattwil rund 40 Betten für die spezialisierte Langzeitpflege für ein überregionales beziehungsweise kantonsübergreifendes Einzugsgebiet betrieben. Das Angebot hätte sich zum einen an Personen mit Langzeitbeatmung, Para- oder Tetraplegie oder Muskelerkrankungen gerichtet, die dauerhaft medizinische Behandlungspflege benötigen. In Ergänzung hätte die Spitalregion Fürstenland Toggenburg gemeinsam mit der niedergelassenen Ärzteschaft ein 24h-Notfallfallzentrum mit zusätzlich vier bis sechs Betten betrieben. Geplant waren zudem medizinische und therapeutische Angebote weiterer Anbieter.

Region Toggenburg stand hinter dem Projekt

Weiter heisst es in der Mitteilung des Kantons St. Gallen, mit dem GNP hätte die Regierung eine Lösung für die Region Toggenburg erarbeitet, hinter der die Präsidentinnen und Präsidenten der Gemeinden des Toggenburgs und die Mehrheit der niedergelassenen Ärzteschaft standen. Es wären spezialisierte Arbeitsplätze und die lokale Wertschöpfung in der Region Toggenburg geblieben. Gleichzeitig wäre die 2/3 Spitalimmobilie mit einem Investitionsvolumen von 20 Millionen Franken ausgebaut und vollständig weitergenutzt worden.

«Fehlende Unterstützung der Standortgemeinde»

Die Regierung des Kantons St.Gallen, der Gemeinderat Wattwil und Solviva haben im Anschluss an die Volksabstimmung mehrere Gespräche geführt. Laut Mitteilung des Kantons habe die Regierung dem Gemeinderat Wattwil dabei angeboten, dass der Kanton das Grundstück des Spitals an die Gemeinde Wattwil rückübertragen würde. Die Gemeinde wiederum hätte das Spitalgebäude im Gegenzug im Baurecht an Solviva übergeben müssen. Der Gemeinderat Wattwil habe sich mit dieser Lösung nicht einverstanden erklären können. Für Solviva wiederum gehöre das Eigentum der Liegenschaft zur Unternehmensstrategie und wird als Erfolgsfaktor für Pflegezentren mit darauf abgestimmten weiteren Gesundheitsleistungen gesehen. Ein Projekt dieser Grössenordnung könne nur erfolgreich gestaltet werden, wenn alle involvierten Akteure das gleiche Ziel verfolgen. Der Kanton St. Gallen hält fest: «Aufgrund der fehlenden Unterstützung des Gemeinderates Wattwil haben sich die Regierung des Kantons St.Gallen und Solviva deshalb entschieden, das Projekt nicht mehr weiterzuverfolgen».

Kanton unterstützt niedergelassene Ärzteschaft in der Notfallversorgung

Die Regierung erwartet nun, dass der Gemeinderat Wattwil eine Nachfolgelösung zur Nutzung der Spitalimmobilie präsentiert. Die Regierung werde keinen alternativen Vorschlag unterbreiten. Sie komme dem Wunsch des Gemeinderats Wattwil aber nach, die Spitalimmobilie an die Gemeinde zu verkaufen und wird hierfür zeitnah mit dem Gemeinderat in Verhandlungen treten, so dass dieser mit der Erarbeitung der Nachfolgelösung beginnen kann. Der Kanton werde bei der Nachfolgelösung Hand bieten, wo er gesetzlich dazu verpflichtet ist. Klar sei, dass die Notfallversorgung im Toggenburg jederzeit gewährleistet bleiben muss. Entsprechend werde der Kanton nach den Sommerferien auch die Gespräche mit der niedergelassenen Ärzteschaft wiederaufnehmen, um eine neue Lösung für die Notfallversorgung zu finden.

Auswirkungen auf den Spitalbetrieb

Die Planung für die Zukunft des Standortes Wattwil hatte auf dem Projekt GNP basiert. Dieses sah vor, Teile des stationären Angebotes im Herbst 2023 nach Wil zu verlagern und den Standort Wattwil bis 2024 in das Kompetenzzentrum für Gesundheit, Notfall und spezialisierte Pflege umzuwandeln. In diesem Fall wäre für viele Mitarbeitende eine weitere Anstellung in Wattwil möglich gewesen. Inwiefern dies auch bei einer allfälligen Nachfolgelösung der Gemeinde möglich sein wird, kann der Kanton nicht abschätzen. Wie lange im Spital Wattwil eine qualitativ genügende und sichere Patientenbehandlung betrieben werden kann, ist stark abhängig von der weiteren Entwicklung der Personalsituation. Diese ist aufgrund der anhaltenden Unsicherheiten bereits seit Anfang Jahr durch eine hohe Fluktuation geprägt. Eine frühere Verschiebung des Spitalbetriebs 3/3 nach Wil ist aus heutiger Sicht wahrscheinlich. Die Spitalregion Fürstenland Toggenburg plant in diesem Fall, möglichst vielen Mitarbeitenden eine berufliche Perspektive am Standort Wil oder in einem anderen Spitalverbund anzubieten.

Berit Klinik Gruppe als zusätzlicher Partner

Die Gemeinde Wattwil hat unterdessen in einer Medienmitteilung Stellung bezogen. Dort heisst es, der Gemeinderat habe letzten Freitag der Regierung seine zustimmende Haltung zum Nachfolgekonzept und explizit auch zur Solviva AG schriftlich bestätigt. «Der nun erfolgte plötzliche Rückzug der Solviva AG und die damit einhergehende Einstellung des Projektes seitens der Regierung sind für den Gemeinderat unverständlich. Der Gemeinderat Wattwil war bisher weder bei der Erarbeitung des Nachfolgekonzeptes noch in die Verhandlungen mit der Firma Solviva AG einbezogen, und auch das Eigentum an der Liegenschaft ist aktuell nicht bei der Gemeinde.» In den Gesprächen habe sich die Ausgangslage zwischenzeitlich geändert. Dem Gemeinderat Wattwil sei von der Regierung die Rückübertragung der Liegenschaft zu den gleichen Konditionen, wie diese an die Firma Solviva AG vorgesehen war, zugesichert worden. Neu seien zusätzlich zu den bislang involvierten Partnern die Berit Klinik Gruppe als weitere und anerkannte Leistungserbringerin im Gesundheitswesen sowie die Gemeinde Wattwil als künftige Liegenschaftseigentümerin mit an Bord. Weitere Partner des Gesundheitswesens sollen einbezogen werden.

In ihrem Statement hebt die Gemeinde das Ziel hervor, ein Medizinisches Zentrum mit ambulanter Tagesklinik und allenfalls weiteren Leistungselementen für die regionale Bevölkerung wohnortnah anbieten zu können. Deshalb habe der Gemeinderat mit der Berit Klinik Gruppe eine Absichtserklärung abgeschlossen. Weiter heisst es: «Die Berit Klinik ist in der Ostschweiz stark verankert, ist bereit und sieht sich in der Lage, einerseits ein breites Leistungsspektrum abzudecken und anderseits für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Standort Wattwil attraktive Perspektiven zu eröffnen. Der Gemeinderat Wattwil hat in den letzten Monaten mehrfach öffentlich kommuniziert, dass die ambulant-medizinische Versorgung des Toggenburgs mit dem Nachfolgekonzept nicht ausreichend gelöst ist.»

Gestärktes Nachfolgekonzept weiterentwickeln

Laut Medienmitteilung der Gemeinde Wattwil sind sowohl der Gemeinderat als auch die Berit Klinik offen für die Zusammenarbeit mit den im Nachfolgekonzept des Kantons St.Gallen vorgesehenen Leistungserbringern. Eine Fortführung des etablierten Angebots der Psychiatrie St.Gallen Nord mit der stationären PSAAlkoholkurzzeittherapie sowie des Ambulatoriums werde ausdrücklich gewünscht. Ebenfalls werde als weiteres stationäres Angebot eine bedarfsgerechte Spezialpflege (Akut- und Übergangspflege, psychiatrische Langzeitpflege) begrüsst. Im weiteren Verlauf sollen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte sowie die Spitex direkt einbezogen werden, nachdem sie bisher punktuell oder gar nicht begrüsst wurden. Die Stellungnahme der Gemeinde Wattwil endet mit einer klaren Botschaft: «Der Gemeinderat erwartet von der Regierung, dass das Nachfolgekonzept auch ohne Solviva AG gemeinsam weiterentwickelt und rasch finalisiert wird. Mit einem ganzheitlichen Lösungsansatz kann den Trends der Ambulantisierung und integrierter Versorgungsmodelle sowie den politischen Vorgaben vorbildlich nachgelebt werden. Der Gemeinderat geht davon aus, dass die Schliessung des Spitals Wattwil wie angekündigt nicht vor 2023 erfolgt und damit genügend Zeit bleibt, auch eine notwendige Übergangslösung optimal zu gestalten.»

Projekt in Flawil auf Kurs

Der Kanton und Solviva arbeiten auch bei der Nachfolgelösung für das Spital Flawil zusammen. Der Spitalstandort Flawil soll bis 2024 zu einem Kompetenzzentrum für Gesundheit, Therapie und spezialisierte Langzeitpflege (GTP) weiterentwickelt werden. Anstelle der heutigen Immobilie entsteht unter der Federführung von Solviva ein auf die künftige Nutzung ausgerichtetes Neubauprojekt mit rund 70 Betten für die spezialisierte Langzeitpflege. Neben ambulanten Dienstleistungen des Schweizer ParaplegikerZentrums (SPZ) und des Kantonsspitals St.Gallen (KSSG) werden auch weitere spezialärztliche Praxen sowie paramedizinische Angebote im GTP Flawil Platz finden. Das Projekt schreitet planmässig voran.