Am amtierenden Präsidenten des Wiler Stadtparlaments hätte Aloisius Scheiwiller keine Freude gehabt, Christof Kälin gehört der Sozialdemokratischen Partei an. «Eindringlich warnte der St. Galler Bischof die Gläubigen in den 1930er-Jahren davor, die SP zu wählen», schreiben Verena Rothenbühler und Oliver Schneider in der neuen Wiler Stadtchronik.

Als Reaktion auf die priesterliche Warnung rief die SP damals zu einer ungültigen Stimmabgabe auf, um so gegen diese «Wahldiktatur» zu protestieren. Gemäss den beiden Historikern war die Macht der Katholiken seinerzeit so gross, dass die SP in Wil lange von der Gemeindepolitik ausgeschlossen blieb. Zum Vergleich: Im heutigen Stadtparlament sitzen sieben SP-Mitglieder, ein SP-Mann ist Vize-Stadtpräsident.

Bei der Gründung des Stadtparlaments, 1985, hatte die CVP (die Mitte) nahezu die Hälfte aller Sitze inne. Und auch im Stadtrat war sie die dominierende Kraft. Seither hat sie deutlich an Einfluss eingebüsst. Mittlerweile nimmt sie acht Parlamentssitze ein. Damit ist sie gleich stark wie die FDP.

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Die Wiler Bürgerversammlung wurde ehemals nach dem Gottesdienst in der Kirche St. Nikolaus abgehalten. (Foto: wilnet)


Weniger Katholiken

Die Bevölkerungsstruktur hat sich seit der Anfangszeit des Stadtparlaments deutlich verändert. Bei seiner Gründung bezeichneten sich von den damals 15 345 Einwohnern 10 390 als römisch-katholisch; zwanzig Jahre später war die Bevölkerung auf 16 995 Personen angestiegen, davon waren lediglich noch 8650 Katholiken. 2020 lebten 23 935 Personen im mit Bronschhofen fusionierten Wil, davon bezeichneten sich 9392 als römisch-katholisch.

Die Abnahme des Gewichtes der katholischen Kirche dürfte eine Erklärung für den Rückgang der Mitte-Wählenden sein. Die Wurzeln der Mitte-Partei finden sich ab 1912 bei der Katholisch-Konservativen Partei und seit 1970 in der Christlichdemokratischen Partei der Schweiz.

«In der Nachkriegszeit begannen sich die vom katholischen Milieu geprägten und gesellschaftlichen Werte schrittweise aufzulösen», schreiben Rothenbühler und Schneider. Die Hochkonjunktur liess gemäss den Historikern Gruppen mit unterschiedlichen Lebensstilen entstehen. Zudem förderte sie das Verlangen nach individueller Selbstentfaltung. «Die traditionellen Hierarchien und Milieus brachen auf und kulturelle Leitbilder gerieten in Wanken», stellen die Historiker fest.


Wachsendes Wil

Im Weiteren veränderter das Bevölkerungswachstum jenen Jahren Wil. Zum Vergleich: Am Ende des 2. Weltkriegs wohnten rund 7000 Menschen in Wil, 1970 waren es bereits 13 000. Mit der Einführung des Frauenstimmrechtes 1971 stieg die Wahl der Stimmberechtigten zusätzlich an. Der Ruf nach Veränderungen der politischen Strukturen wurde laut. Mit über 10 000 Einwohnenden schien eine Gemeindeversammlung nicht mehr zeitgemäss.

Die Zeit schien in den achtziger Jahre für ein Stadtparlament reif. Dessen Einführung fiel in eine Phase der gesellschaftlichen Umbrüche. In jenen Jahren forderten junge Menschen in einigen Schweizer Städten hartnäckig selbstverwaltete Freiräume zur kreativen Entfaltung.

Beispielweise gerieten in Zürich unter dem Slogan «Züri brännt» Protestierende immer wieder gewalttätig mit der Polizei aneinander. Autos und Abfallcontainer brannten, Pflastersteine und Gummischrot flogen hin und her. Auslöser war eine städtische Absage von finanziellen Beiträgen an ein autonomes Jugendzentrum, während zugleich 60 Millionen Franken für das Zürcher Opernhaus gesprochen wurden.

Forderung nach Freiräumen

Der rebellische Aufbruchgeist vieler Jugendlicher polarisierte auch in Wil. In der Altstadt organisierte Musikfestivals füllten die Lokalzeitungen mit gehässigen Pro-und Contra-Leserbriefen. Und auch die Forderungen des Vereins «Kulturlöwe» nach einem selbstverwalteten Kulturhaus brachte die Gemüter in Wallung. Die Künstlergruppe Ohm 41 machte sich ihrerseits mit provozierenden Aktionen über das – nach ihrer Meinung – kaum vorhandene Wiler Kulturleben lustig.


Neue politische Akteurin

Damit noch nicht genug, für viele Wilerinnen und Wiler war damals eine fünfzehnköpfige Gruppe ein permanentes Ärgernis. Sie stellten sich immer wieder quer zur Politik der dominierenden bürgerlichen Parteien.

Bei den ersten Wahlen ins Stadtparlament errang die Partei Prowil auf Anhieb drei Sitze. Bürgerlich Politisierende hatten für sie Chancen für maximal einen Sitz vorausgesagt. Das überraschend gute Wahlergebnis wurde damals auch als Missbehagen mit den Machtstrukturen in Wil gewertet. Mittlerweile halten die Grüne prowil sechs Sitze im Stadtparlament.

Elektronische Medien

Zum Erfolg der Gruppe trug auch das damalige Lokalfernsehen bei, vermutete Fraktionschef Guido Wick in einem Interview.

Von 1980 bis 1997 konnten sich die Wilerinnen und Wiler am Bildschirm über regionale Ereignisse informieren. Das Internet war damals noch kaum verbreitet, Online-Medien nahmen erst Jahre später ihren Betrieb auf. Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts standen die Zeichen auf Veränderung in der Schweizer Medienlandschaft. In diesem Zeitgeist erhielt Wil vom Bundesamt für Kommunikation eine befristete Konzession für einen experimentellen Lokalfernsehbetrieb.

Mehr Nähe zur Lokalpolitik

Lokalpolitikerinnen und –politiker erschienen in Wil in kontroversen Studiodiskussionen auf der Mattscheibe. Während sich die Stimmberechtigten zuvor von den Kandidierenden vor allem aus den lokalen Printmedien ein Bild machen konnte, erlebten sie sie nun mit Gestik, Mimik und Argumenten am Bildschirm. Damit wurden politische Kontroversen viel direkter erlebbar. 

Nicht nur die Grüne prowil haben das politische Gefüge in Wil verändert, als Bischof Aloisus Scheiwiller vor bald hundert Jahren vor der Wahl der SP warnte, konnte er nicht ahnen, dass die in jenen Jahren gegründete Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (seit 1971 SVP) eines Tages die wählerstärkste Organisation in Wil sein wird. 2002 wurde in Wil eine SVP-Sektion gegründet. Mittlerweile hält sie mit neun Personen im Stadtparlament am meisten Sitze. Und sie stellt eine Stadträtin.