Der 32-jährige Mann musste sich am Donnerstag vor dem Bezirksgericht Münchwilen wegen der mehrfachen Vergewaltigung, der Schändung, der sexuellen Nötigung, der mehrfachen Gefährdung des Lebens (teilweise als Versuch) und der mehrfachen versuchten schweren Körperverletzung – alles begangen an seiner Ex-Freundin –verantworten. Die Anklage forderte eine zusätzliche Haftstrafe von 2,5 Jahren, die Opferanwältin für ihre Mandantin eine Genugtuungssumme von 40 000 Franken. Die Verteidigung forderte einen vollumfänglichen Freispruch.

Der Richter machte den Medien die Auflage weder über das genaue Alter des Opfers (die Frau ist zwischen 25 und 35 Jahre alt), noch über den genauen Wohnort (sie lebt ausserkantonal) zu berichten. Zwar sitzt ihr Ex-Freund schon seit fünfeinhalb Jahren wegen ähnlicher Vergehen an weiteren vier Frauen eine Haftstrafe von acht Jahren in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ab, doch das nun verhandelte Verfahren gegen ihn wurde erst viel später, Ende 2017, vom Opfer zur Anzeige gebracht. Vorher, so berichtete sie in Abwesenheit des Angeklagten, sei sie genug damit beschäftigt gewesen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Und sie habe sich geängstigt, dass der Mann ihr und ihrer Familie etwas antäte, falls sie ihn anzeigte.

18 Monate zusätzliche Haft

Das Gericht folgte im Urteil der Anklage in grossen Teilen und verurteilte den Mann in fast allen Punkten teilweise oder ganz zu 18 Monaten zusätzlicher Haft; er muss nun insgesamt 9,5 Jahre absitzen. Ebenso muss er über 88 800 Franken aufbringen, welche für die Bezahlung der Untersuchungs- und Verfahrenskosten (16 300), den Honorarkosten für den Strafverteidiger (39 000) und die Opferanwältin (8500) und für die Genugtuung des Opfers (25 000) anfallen. Auch am Grundsatz der Schadenersatzpflicht hielt das Gericht fest. Lediglich die sexuelle Nötigung wurde wegen Verjährung fallengelassen. Auch wurde er dazu verurteilt, die Therapie fortzusetzen.

Dass das Gericht unter dem geforderten Strafmass blieb, hatte mit der hohen Komplexität der Beweisführung zu tun, was der Richter einräumte: «Wir haben uns in einer ausserordentlich schwierigen Ausgangslage befunden, denn objektive Beweismittel gibt es nicht». Er machte jedoch klar, dass «wir von der Glaubhaftigkeit des Opfers ausgehen», da dessen Darlegungen in sich detailliert und schlüssig gewesen seien. Allerdings habe man den Täter wiederum in Teilbereichen freisprechen müssen, weil der Schaden für das Opfer geringer ausgefallen sei und deshalb gewisse Punkte nicht gegeben gewesen seien.

Mit der Chromstahlstange verprügelt?

Die Beziehung («Er kam mir vor wie ein Märchenprinz») begann an einem Openair und dauerte nur einen Sommer. Was die Frau jedoch in der kurzen Zeit erleiden musste, nachdem sie von zu Hause aus- und beim Täter einzog, verschlug jedoch auch dem Staatsanwalt fast die Sprache: «Von aussen betrachtet, ist es kaum nachvollziehbar, wie sich der siebte Himmel auf Erden innert drei Monaten in die Hölle verwandeln konnte», so der Ankläger. Was war geschehen? Unbestritten war, dass der kampfsporterprobte Täter sein Opfer mehrfach mit der flachen Hand oder mit der Faust schlug, es gegen seinen Willen festhielt, an den Haaren zog oder würgte. Doch das war bei Weitem noch nicht das Schlimmste, was dem ehedem Eifersüchtigen vorgeworfen wurde. Vielmehr habe er seine damalige Freundin mehrfach vergewaltigt, sie einmal sogar im bewusstlosen Zustand geschändet und sie am Abend vor ihrer Flucht mit einer Chromstahlstange verprügelt. Gerade Letzteres zeigte die Schwierigkeiten auf, mit denen das Gericht zu kämpfen hatte. Die ausgeübte Gewalt sei zwar durch Fotos und Arztzeugnisse gesichert dokumentiert, aber «das mit der Chromstahlstange konnten wir so aufgrund der Verletzungen nicht nachvollziehen», so der Richter – womit es auch hier einen Teilfreispruch geben musste. Zuvor hatte schon der Verteidiger Zweifel an der Chromstahlstangen-Geschichte gehegt, denn «wenn er wirklich mit einer Stange zugeschlagen hätte, wären die Verletzungen viel gravierender gewesen».

Ebenso habe das Opfer in der Befragung ausgesagt, dass es auch einvernehmlich Sex mit dem Angeklagten gehabt habe, weshalb von einer Vergewaltigung nicht die Rede sein könne. Das Opfer habe dem Täter nie klar gesagt, dass es keinen Sex haben wolle. Vielmehr gelte es die Opferaussagen zu hinterfragen, denn «nur weil mein Mandant Fehler gemacht hat, heisst das nicht, dass man ihr ungefragt alles glauben darf und ihm gar nichts», forderte der Strafverteidiger das Gericht auf, bei der Urteilsfindung genau auf die Details zu schauen.

Opfer: «Momentan psychisch nicht zwäg»

Das Opfer schilderte in der Befragung, warum es nicht schon früher flüchtete: «Er gab mir das Gefühl, dass ich mich falsch verhalten hätte und er deshalb wütend wäre. Ich wollte das wiedergutmachen und hatte auch irgendwie ein Helfersyndrom». Am Abend mit der Chromstahlstange sei sie jedoch so weit gewesen, dass sie gedacht habe, dass «jetzt gleich alles endgültig vorbei sein wird». Dies war es zwar nicht, aber die Rückkehr ins normale Leben gestaltet(e) sich für die Frau als dornenreich: «Mal geht es besser, mal schlechter, aber psychisch bin ich zurzeit nicht zwäg, auch habe ich Schlafstörungen, Albträume und Phantomschmerzen, wenn die Erinnerungen wiederkommen».

Täter: «Ich möchte mich bei ihr entschuldigen»

Ihr Ex-Freund räumte ein, sich früher nicht unter Kontrolle gehabt zu haben, betonte aber, dass er «nicht von Natur aus grausam» sei. «Ich war vor dem Gefängnis ein unreifer Mensch, und bin, wenn ich keine Lösung für ein Problem sah, halt explodiert», schilderte er. Vehement stellte er in Abrede, seine Ex-Freundin je vergewaltigt oder geschändet zu haben. «Wenn eine Frau kein Sex will, dann will ich auch keinen». Die im Knast verbrachten Jahre hätten ihm aber, so komisch dies auch töne, gutgetan. Er habe die Zeit gebraucht, um die eigenen Gefühle und Gedanken zu ordnen. Auch mache er eine Therapie, die gut anschlage, weshalb er diese unbedingt fortsetzen wolle, denn «ich möchte nie mehr im Leben ausrasten». Die Entschuldigung beim Opfer hob er sich fürs Schlusswort auf: «Ich möchte mich für das, was ich ihr getan habe, entschuldigen».