Die 92-jährige Mutter der Angeklagten lebt mitten in Uzwil – und zwar in erbärmlichen Verhältnissen, wenn man den Schilderungen ihrer Tochter glauben darf. Die betagte Dame hat sich mit den Nachbarn zerstritten, schottet sich ab und geht kaum noch nach draussen. Eine funktionierende Heizung hat sie nicht. Denn Techniker lässt sie nicht ins Haus, da sie diesen misstraut. Die Seniorin isst auch nicht mehr richtig und macht sich Aufbackgipfeli auf einem kleinen Radiator. Sie lebt mit der Vorstellung, Masseneinwanderer könnten kommen, ihr Haus besetzen und nicht wieder gehen. Das Telefon nimmt sie nicht mehr ab aus der Überzeugung, der Geheimdienst würde das Gespräch abhören. Gesundheitlich ist es auch nicht zum Besten gestellt und sie hört schlecht. Arzttermine lehnt sie aber ebenfalls ab.

Die Situation ist belastend – auch für die Tochter. An einem Samstag Ende September des vergangenen Jahres, als der traditionelle Uzwiler Herbstmarkt lief, wollte sie zum Rechten sehen, da ihre Mutter zuvor mal wieder umgefallen und dann telefonisch nicht erreichbar war. Also fuhr sie mit dem Auto vom Wohnort im Bündnerland nach Uzwil. Dort angekommen, war das Haus aber verschlossen und ein Zutritt nicht möglich. Also entfernte sie sich wieder. Jedoch liess ihr die Situation keine Ruhe, weshalb sie kurze Zeit später zurückkehrte. Denn ihr Ziel war, der Mutter klarzumachen, endlich einen Notfall-Knopf auf sich zu tragen, um sich im Falle eines Problems melden zu können. Doch das Haus war weiterhin verbarrikadiert.

«Es ist der Horror»

Um aufzuzeigen, dass die Abschottung nicht der richtige Weg ist, wollte die jüngere der beiden Frauen ihrer Mutter eine Lektion erteilten. Es war ihr Ziel, auf einer Steinplatte vor deren Haus einen Russfleck zu hinterlassen. Sie goss nach eigenen Angaben einen «Gutsch» Benzin aus einem Kanister und entzündete die Flüssigkeit mit einem Streichholz. Es kam zu einem lauten Knall mit schwarzem Rauch und einem offenen Feuer. Unter Schock stehend, entfernte sie sich, kehrte später aber nochmals zurück. Da zu jenem Zeitpunkt die Polizei aber bereits eingetroffen war, machte sie sich definitiv auf die Heimreise. Ihre Mutter wurde schlafend im Haus vorgefunden und konnte dieses unverletzt verlassen. Die Polizei löschte das Feuer. Der Sachschaden belief sich auf gut 10'000 Franken.

«Es tut mir leid, was passierte ist. Aber ich habe ohne Absicht gehandelt. Es ist der Horror, wenn man nicht weiss, ob die eigene Mutter irgendwo verletzt am Boden liegt», sagte die Frau am Freitagnachmittag bei der Verhandlung vor dem Kreisgericht Wil in Flawil. Angeklagt war sie wegen Brandstiftung. Während der Staatsanwalt eine zweijährige Freiheitsstrafe forderte, die aufzuschieben sei, plädierte der Verteidiger auf Freispruch. Die Tat sei nicht vorsätzlich geschehen und die Handlung nicht fahrlässig gewesen. Hintergrund: Am Tattag regnete es in Strömen, was die Angeklagte glauben liesss, es sei kein Feuer möglich.

Nicht ins Gefängnis

Der Richter sah es anders und verurteilte die Frau zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten. Da diese aufgeschoben wird, muss die Frau nicht hinter schwedische Gardinen. Zwar anerkannte das Gericht, dass die Frau nicht ihre eigene Mutter gefährden wollte, eine Brandstiftung blieb aber doch übrig. «Wenn man ein Streichholz in Benzin gibt, dann ergibt das eine Feuer. Das ist Brandstiftung», sagte der Richter.