Wie bringt man Literatur und Wanderungen thematisch unter einen Hut? Ganze einfach: Man folgt der Spur von Schrifstellern und deren Geschichten und verbindet sie zu einer Wanderroute. Der Weg führt unter anderem nach Wil.Interessierte die allen 15 Wanderrouten im Buch „Sonnenlüfte atmen“ folgen, begegnen im Geist über 50 Autorinnen und Autoren und deren Romanen. Bestimmt wird die Route dabei durch die Orte mit literarischer Bedeutung.

Eingeladen zur Buchvernissage hatte das Bibliothek-Team um die Leiterin Irène Häne, die im Herbst 2015 auf das Projekt aufmerksam wurde, als Christa und Emil Zopfi auf einer ihrer literarischen Wanderungen bei ihr vorbeischauten. Diese Gelegenheit liess sie sich nicht entgehen und lud sie ein ihre Buchvernissage in Wil durchzuführen. Das lockte etwa 20 Zuhörerinnen und Zuhörer an.

Hoher Gast aus Deutschland
Die Geschichte Nummer fünf trägt den Titel „Kriegerische Kaiser und gottesfürchtige Menschen“. Die Wanderung führt von Bazenheid über Kirchberg nach Wil. Spektakulärer Auftakt ist die Geschichte der Kaiserlinde in Kirchberg, wo der letzte deutsche Kaiser Wilhelm II. ein Manöver der Schweizer Armee verfolgt und weil man vom Hügel eine gute Übersicht hat, wurde daraus der „Feldherrenhügel“. Das war im September 1912. Daran erinnert Meinrad Inglin im Roman Schweizerspiegel. Den Autor inspierte die eindrückliche Linde zum direkten Vergleich mit dem Kaiser, weil diese ebenfalls eine mächtige Krone hat.

Erinnerung an „Die Gottfriedkinder“
Erinnert wird mit der literarischen Wanderung nach Wil auch an Max Peter Ammann. Der Regisseur, Dramaturg und Schöpfer von bekannten Fernsehformaten wie „Teleboy“ wurde in Wil geboren und ist hier aufgewachsen. Er verfasste „Die Gottfriedkinder“, ein generationenübergreifender Roman aus kleinstädtischer Provinz.

Die Geschichte spielt 1917. Unter den Jungen, die zur militärischen Aushebung anstehen, sind auch Jonas und Gottfried, zwei Freunde aus Dietschwil bei Kirchberg - „dem gottgefälligsten Dorf der ganzen Diozöse“.

Altstadt als Zentrum der Geschichte
Den historischen Kern von Wil haben Christa und Emil Zopfi in die Wanderung intergriert. Die Altstadt ist nämlich der Hauptschauplatz der Gottfriedkinder. In der Marktgasse führten diese ihr Geschäft, im Haus 54 eröffneten sie 1922 ihren ersten Laden, gegenüber dem Freischütz – dem Stammlokal von Jonas.

Im „Erdgeschoss des schmalsten Hauses oben im Altstadtring mieten sie sich ein, die Sonne schien nur mittags in die enge Gasse, die Arkaden schluckten das Licht“, beschreibt Max Peter Ammann die damalige Szenerie.

Vor allem Eintagesrouten
Abwechslungsweise führen die Autorin und der Autor die Zuhörer durch die Ostschweiz, von Amden aus bis nach Wil und Wolfhalden. Selbstverständlich ist auch der Säntis Teil eine Route, übrigens der einzigen Route bei der sie auf dem Säntis übernachtet haben. Alle allen Routen sind in einen Tag zu schaffen, mit An- und Abreise durch den öffentlichen Verkehr. Darauf legen sie Wert. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit Eintagestouren zu verbinden.

Thurgau bleibt unentdeckt
Vier Jahre arbeiteten Christa und Emil Zopfi am Buch. Ein weiteres, gemeinsames, literarisches Projekt ist derzeit nicht geplant. Manchmal müsse man schreiberisch auch etwas alleine machen, sagt sie und er ergänzt: „Die Schweiz ist mit literarischen Wanderungen abgedeckt und der Thurgau ist uns zu flach, um zu wandern. Uns ist es lieber wenn der Weg aufwärts und abwärts führt.“ So bleibt ein Stück Ostschweiz literarisch unbeachtet, obwohl auch der Thurgau sicher Ansätze für spannende Geschichten bieten würde.