Wahlkampf auf dem Stadtmarkt hätte Andreas Breitenmoser in den vergangenen Jahren nicht führen können. Der Geschäftsführer und Inhaber des Finnshops, der am 30. Juni seine Tore schliesst, stand am Samstagmorgen, zur wichtigsten Verkaufszeit der Woche, stets im Laden in der Altstadt. «Auch wenn ich am Freitag im Ausgang war.»

Andreas Breitenmoser sitzt an einem grossen Holztisch im ersten Stock des Finnshops und spricht über seine Kandidatur für den Stadtrat. An der Wand hängen stimmungsvolle Fotografien, die Einrichtung ist minimalistisch und geschmackvoll. Ganz so, wie man es von einem Büro im Finnshop erwartet. Breitenmoser ist bereits der zehnte Kandidat für die fünfköpfige Stadt-Exekutive, die Kandidaten für das Stadtpräsidium eingerechnet. 

Schulraumplaung, Verkehr, Liegenschaften

Ein politischer Rookie sei er, gibt Breitenmoser unumwunden zu. Der Ur-Wiler möchte die ersten Schritte gleich auf hohem Parkett machen – im Stadtrat. Er sagt aber auch, dass er eine politische Natur sei. «In Diskussionen bin gut im Gegenposition einnehmen», sagt Breitenmoser über seine Lust an der Debatte. «Wenn alle am Tisch die gleiche Meinung haben, wird mir langweilig.»

Ihm sei aber auch bewusst, dass es in einem Exekutivamt in nicht geringem Mass auf Konsensfähigkeit ankommt. «Der Stadtrat muss entscheidungsfreudiger werden, um die Stadt Wil dort voranzubringen, wo es nicht vorwärts geht», sagt der studierte Betriebsökonom. Er nennt die Schulraumplanung, die Verkehrsführung und Liegenschaften, die nicht bewirtschaftet werden, als Beispiele für Baustellen, die er sieht.

Im Video: Hier ordnet sich Andreas Breitenmoser politisch ein

 

«Wil etwas zurückgeben»

Als Unternehmer liege ihm das lokale Gewerbe am Herzen. Bei der Vergabe von Aufträgen durch die Stadt könnte das lokale Unternehmen stärker berücksichtigt werden, findet er. Einen Ressort-Wunsch habe er nicht, auch die schwierigen Ressorts Bau und Bildung würde er nehmen. Breitenmoser hat in seiner beruflichen Laufbahn auch für grosse Detailhändler im Ausland gearbeitet. «Da habe ich gelernt, mich in neuen Situationen zurechtzufinden und Themen analytisch anzugehen», so der Polit-Neuling.

Er wolle der Stadt Wil etwas zurückgeben, sagt Breitenmoser über seine Motivation. Der Stadt, in der er schon seine Lehre absolvierte, der auch das Dorf nicht fehle, in der man einfach auf ein Bier rausgehen könne und immer jemanden treffe. «Wir haben das Städtische, aber in zehn Minuten bin ich auch auf dem Nieselberg im Wald», sagt Breitenmoser in bestem Tourismus-Deutsch.

Gesellschaftspolitisch links, wirtschaftspolitisch rechts

«Ein Wiler für Wil», lautet Breitenmosers Motto für den Wahlkampf. Mal abgesehen von der Herkunft: Was ist sein Programm? Wo ist Andreas Breitenmoser, der Parteilose, im politischen Spektrum anzusiedeln? «Klar in der Mitte, vielleicht ein Hauch links davon», sagt er. Besonders in gesellschaftspolitischen Fragen habe er viele Gemeinsamkeiten mit der politischen Linken, auch Klimaschutz sei ihm ein Anliegen «solange die Kosten-Nutzen-Rechnung stimmt». Als Unternehmer habe er diese immer im Hinterkopf. In Wirtschaftsfragen stehe er hingegen für einen klar bürgerlichen Kurs.

In den kommenden Wochen dürfte der Wahlkampf Fahrt aufnehmen, nächste Woche macht der Finnshop zu. Nicht weil er Konkurs ging, das ist Breitenmoser wichtig zu betonen. Die Liquidation erfolge aus freien Stücken, nachdem der Laden ein paar Jahre in Folge rote Zahlen schrieb. «Es tat weh, war aber der richtige Zeitpunkt», sagt Breitenmoser, der mit 47 nur zwei Jahre älter ist als das nun schliessende Familienunternehmen. «Nicht alle realisieren rechtzeitig, wenn es Zeit ist, aufzuhören».

«Da gäbe es einfachere Beschäftigungen»

Trotzdem: Befürchtet er nicht, dass die Leute seine Kandidatur als Flucht in eine neue Beschäftigung auffassen könnten? Dass «auf der Strasse» so geredet werden könnte, sei ihm bewusst, sagt Breitenmoser. Leute hätten ihn aber schon gefragt, ob er nicht kandidieren wolle, als die Schliessung des Finnshops noch kein Thema gewesen sei. «Wenn ich einfach eine Beschäftigung suche würde, gäbe es sicher Einfacheres als eine Stadtrats-Kandidatur als Parteiloser», sagt Breitenmoser. Zudem habe er sich schon länger mit dem Gedanken an eine Kandidatur getragen. Doch erst jetzt, wo seine Kinder 7, 11 und 13 Jahre alt sind, fühlt er sich reif dafür. Und wie stuft er seine Wahlchancen ein, ohne Partei im Rücken? «Ich würde nicht kandidieren, wenn ich mir keine Hoffnungen machen würde.»