Im Jahr 1818 taucht erstmals der Wiler Brauch zur Laternenkontrolle am Silvesterabend in einem Protokoll auf. Bei ihr wurde das Vorhandensein einer Beleuchtung bei jedem Haus kontrolliert, damit die Feuerwehr im Falle eines Brandes sicher den Weg finden würde. In jener Zeit war es in Wil in den Nächten finster, eine Strassenbeleuchtung kannte man noch nicht. Längst ist aus der behördlichen Kontrolle ein feierlicher Umzug vor allem für Kinder geworden. Es wird vermutet, dass ursprünglich die offiziellen feuerpolizeilichen Kontrolleure eine Kinderschar in ihrem Schlepptau hatten. Als im Zuge der Elektrifizierung diese Lichtkontrontrollen überflüssig wurden, wandelte sich der Laternenbrauch zum Kindervergnügen.

Seit einigen Jahren stellt das Infocenter der Stadt Wil Laternen-Bausätze gegen Entgelt zur Verfügung. Gemäss Sachbearbeiter Ruedi Schär sind sie sehr begehrt. Auch Migranten im Quartiertreff Lindenhof würden mit grossem Eifer Laternen basteln. 


Wildes Heer unterwegs

Es erstaunt, dass die Laternenkontrolle von den Behörden ausgerechnet auf den letzten Tag des Jahres angesetzt wurde. Die Historikerin Magdalen Bless-Grabherr vermutete an einem Vortrag vorchristliche Ursprünge dieses Brauchs. In der Mythologie verschiedener so genannt heidnischer Völker haben die Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigstag eine ganz besondere Bedeutung. In einzelnen Sagen heisst es, dass in diesen Nächten die Nutztiere in den Ställen sprechen können.

In ihnen tobt gemäss den Legenden zudem das wilde Heer des Gottes Wotan, auch Wodan sowie Odin genannt umher. Ihr Anführer gilt unter anderem als Totengott. Die furchterregende Horde soll aus Verstorbenen bestehen. Sie kann viel Unheil stiften, aber auch Gaben mit sich bringen. Gelegentlich gilt sie auch als Vorbote von Unheil.

Geweihter Rauch

Sagen und Mythen um diese unheimliche Truppe sind in vielen Regionen der Schweiz sowie auch in verschiedenen Gegenden Europas bekannt. Beispielweise kennt man sie im Luzernischen als «Woutisheer». Die Menschen in der Zeit vor der Ausbreitung des Christentums unternahmen einiges, um diesen Geister- und Dämonenzug auf Distanz zu halten. Auch heute noch ziehen in diesen besonderen Nächten einzelne Bauern im Appenzellischen mit Pfannen mit qualmenden geweihten Palmzweigen durch die Ställe und sprechen dazu Gebete. «Räuchlen» nennt sich dieser traditionelle Umgang.

Abwehr der finsteren Mächte

Bei allen Bräuchen die mit diesen magischen Nächten in Zusammenhang stehen, fällt auf, dass Feuer und Licht eine wichtige Rolle spielt. In manchen Gegenden der Schweiz wurde streng darauf geachtet, dass in der Neujahrsnacht Feuer im Herd brannte. Es hielt angeblich das fürchterliche Heer fern. Für Magdalen Bless-Graberr ist denkbar, dass der Wiler Laternenumzug ursprünglich auf diese Abwehr der destruktiven Mächte zurückgeht. In einem Vortragsmanuskript schreibt sie: «Möglicherweise gab man dem Brauch erst, als man seinen ursprünglichen Sinn nicht mehr verstand, eine neue Bedeutung mit der Visitation.» Zum Jahreswechsel wird auch Feuerwerk abgebrannt. In einigen Regionen der Welt ist man noch heute überzeugt, dass Lärmen und Knallen schädliche Wesen in die Flucht treibt.

Ganz allgemein haben sich in der Winterzeit unterschiedlichste alte Riten miteinander vermengt. So feierten die vorchristlichen Religionen am 21.Dezember die Wintersonnenwende. Dabei wurde der Sonnengott geehrt. Allerdings waren die damaligen Kalender noch nicht so eindeutig und dauerhaft wie heute, der Zeitpunkt der Feiertage verschob sich zum Teil. Insbesondere der Wechsel vom Übergang julianischen zum gregorianischen Kalender veränderte die Feiertagstermine.

Üppige Gelage und Geschenke

Die antiken Römer beeinflussten bekanntlich ihrerseits grosse Gebiete mit ihrer Kultur. Sie kannten unter anderem die Feierlichkeiten der «Saturnalien». Diese hatten sie ihrerseits von den Griechen übernommen. Dabei wurde das Ende der Winteraussaat gefeiert und dem Gott Saturn gehuldigt.

An ihnen wurde üppig getafelt und getrunken, und die Standesunterschiede wurden aufgehoben. Sklaven und Herren waren vorübergehend gleichgestellt. Und man beschenkte sich gegenseitig. Die Feierlichkeiten dauerten vom 17. Dezember bis 23., später sogar bis 30.Dezember. Zum Teil waren sie sehr wild und ausgelassen.

Doch nicht nur im alten Rom gerieten zum Jahresende manche Menschen ausser Rand und Band. In einem Ratsprotokoll wurden gemäss Magdalen Bless-Grabherr in Wil viele Burschen vom Rat zur Rede gestellt, weil sie in der Neujahrsnacht Karren in die Brunnen geworfen, Fässer in den Weg gestellt und mit Seilen und mit Wagen die Strasse versperrt hatten.

Post inside
Gemäss alten Sagen soll um die Feiertage der Gott Wotan mit seinem lärmenden und unheimlichen Heer aus Verstorbenen durch die Lüfte jagen und Unheil mit sich bringen.