Gewohnt bissig ist seine Gesellschaftskritik, gewohnt mitreissend die Musik, ungewohnt der weisse Bart: Endo Anaconda, Frontmann der Band Stiller Has. Am Samstag machte die Band Halt im Gare de Lion und begeistert das Publikum, das nicht nur aus Wil angereist war. Das letzte Konzert «vom Has» sei ein Muss, erzählte denn auch ein Zuhörer in der Pause, der eigens aus dem Appenzellischen angereist war.

«Tanzmusik für die reifere Jugend» sei Stiller Has, so wird jedenfalls Gitarrist und Banjospieler Boris Klečić zitiert, und zwar im Booklet zum neuen – und letzten – Album «Pfadfinder». Mit Liedern aus ebendiesem Album und einer neuen Formation hat sich Endo Anaconda auf Abschiedstournee gemacht. Eigentlich hätte sie schon letztes Jahr stattfinden sollen, sie wurde allerdings coronabedingt abgesagt. Auch dieses Jahr gab es Einschränkungen, Zertifikats- und Maskenpflicht etwa, was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tat. Gut gelaunt waren selbst jene, die nach Konzertbeginn und direkt vom FC-Wil-Match in den Gare de Lion gekommen waren (Wil verlor mit 3:5).

Bühnenpräsenz und Energie

Der Hase sei auf dem neuen Album «in philosophischer Grösse gealtert», heisst es im dazugehörigen Medientext. Ob das mit dem «Altern» so stimmt, soll an dieser Stelle ein bisschen in Frage gestellt werden. Denn seine doch beeindruckende Bühnenpräsenz und überhaupt die Energie, mit der er seine Geschichten vorträgt, lassen Gegenteiliges vermuten. Aber man kann ja bekanntermassen niemandem in den Kopf schauen und muss glauben, was einem erzählt wird. Das mit der «philosophischen Grösse» hingegen, das lässt sich leichter überprüfen und das stimmt. Bissig, kritisch und immer wieder witzig sind die Sprüche, Lieder und Geschichten, die das Publikum an diesem letzten Wiler Konzert von Stiller Has zu hören bekommen. So echauffiert er sich etwa über die Black Fridays, die Covid-Ansteckungen, überhaupt über «das ganze Gerümpel, wo niemert bruucht». LED für Weihnachtsbeleuchtungen zum Beispiel, «für beschisseni Santas u so huere doofi Rentier», die bis in den Frühling blinkten und man drum nie genau wisse, ob es nicht doch ein «Flatrate-Puff» sei. Neben den neuen Liedern vom Album Pfadfinder wird auch Altbekanntes wie «Walliselle», «Venedig» oder «Schifahre» gespielt.

Nachtzug nach Italien

Die neue Formation mit Roman Wyss am Klavier, Boris Klečić an Gitarre(n) und Banjo und Multi-Instrumentalist Bruno Dietrich sorgt für neue, musikalische Impulse, wobei gerade die Veränderung eine Konstante in der Bandgeschichte ist. So ist etwa einzig Frontmann Endo Anaconda von Anfang an mit dabei, und zwar seit 1989. Seither ist aus dem Duo ein Quartett in verschiedener Besetzung geworden. Nach der Abschiedstournee soll nun aber Schluss sein, der Hase will sich in einen Nachtzug setzen. Vielleicht nach Italien, sagte er in der SRF-Sendung «Swissmade». So lange es ihm dabei nur nicht so geht, wie im Lied «Venedig»:

Zum Schluss git's chalte Fisch für mi
Du ladisch mi i – i nes Ristorante
S'isch quasi gratis gsi
I hane Fischvergiftig druuf
I ha ja müessä probiere
Dini Carbonara isch super
Aber mi Fisch chasch nid studiere
Tintefischtinte stosst mir uf
Mach s'Fänschter uf
I ha ke Schnuuf

Nach einer Zugabe und unter grossem Applaus verabschiedet sich die Band Stiller Has im Dezember 2021 zum letzten Mal von einer Wiler Bühne. (jme)

___________________________________________________________________________________________________________________________

So hat hallowil.ch bisher berichtet (28.11.21)

Stiller Has auf Abschiedstournee - zum letzten Mal in Wil

Stiller Has sind eine der beliebtesten und einflussreichsten Schweizer Mundartgruppen, wurden 1989 gegründet, veröffentlichten seither 12 Studio- und 3 Konzert-Alben, spielten über 1700 Konzerte und erhielten Preise wie z.B. 1995 den Salzburger Stier sowie den Deutschen Kleinkunstpreis oder 2017 den Schweizer Musikpreis.

Die Band Stiller Has klang, beeinflusst von Blues, Chanson, Folk, Rock und Balkanmusik, im Verlauf der über 30 Jahre immer wieder anders. Das Prägendste jedoch sind die grossartigen Texte von Endo Anaconda – ob anarchischer Witz, beissende Gesellschaftskritik oder wunderbare Poesie. Endo Anaconda beschreibt und besingt die Befindlichkeit in der Schweiz wie niemand sonst, etwa in Liedern wie Znüni näh, Walliselle oder Märli.

Stiller Has war im Verlauf der letzten Jahrzehnte immer wieder Gast in Wil – in der Remise, im Stadtsaal oder wie letztes Mal im 2017 in der Tonhalle. Nun ist die Band in neuer Besetzung auf Abschiedstournee.

Die Neubesetzung

  • Endo Anaconda – Stimme & Texte
  • Boris Klečić - Akustische & Elektrische Gitarren, Banjo
  • Roman Wyss - Klavier, Orgel, Posaune
  • Bruno Dietrich - Schlagzeug, Perkussion, Bass, Handorgel, Ukulele, Klavier, Orgel, Gesang

Im Gepäck das letzte Album Pfadfinder. Wenn die Krähen aufs Auto scheissen und die Liebe sich gen Süden verzogen hat, wenn die Pfadfinder im Vorgarten stehen und die schönen Momente nur noch Sekundenbruchteile dauern, dann wird es Zeit, dass der Hase wieder Haken schlägt. Die Welt wird komplexer und unverständlicher. Absurder und bedrohlicher. Das einzige, was uns als Hoffnung bleibt, ist der Mann, der der Welt seine überlebensgrosse Poesie entgegenhält. Auf dass wir lachen können, wo eigentlich alles nur noch zum Heulen ist. Endo Anaconda lässt uns nicht hängen.

Post inside
Auf dieser Bühne erklingt am 11. Dezember die unverkennbare rauchige Stimme von Endo Anaconda. (Foto: Adrian Zeller)

Wenn der leere Akku des Handys unsere Selbstinszenierungen unterbricht, dann bleibt uns nur noch unser Leben und das Sterben. Endo altert auf Pfadfinder, dem 12. Studioalbum von Stiller Has, mit philosophischer Grösse und umgibt sich mit einem neuen musikalischen Gewand, auf dass ihn auch jene endlich hören mögen, die bislang seinen weisen Worten noch nicht lauschten. In finsteren wie guten Zeiten braucht es einen wie ihn, um uns durch die existenzialistischen Sümpfe der Gegenwart zu lotsen. Und wenn er am Ende «füdliblutt» auf dem Dach Trompete spielt und dazu lapidar meint: «Es chönnti Kunscht si u nid nume Krach», wissen wir definitiv, dass der Hase das Hoppeln noch nicht verlernt hat.

Und der Troubadour bleibt unbeugsam: «Man muss glauben, dass es etwas Gutes im Menschen gibt. Man muss.», und pocht bar jeder Ironie auf das Argument des Herzens: «Die Liebe ist der einzige Ausweg». (aze / pd)

Stiller Has am Samstag, 11. Dezember ab 20.30 Uhr im Gare de Lion