In diesem Zusammenhang wurde an einem der Sonntagnachmittage auch Beatrice Sandberg-Braun, Jahrgang 1942, per Video zugeschaltet. Die Frau ist im Weidegg-Quartier in Flawil aufgewachsen und forschte und lehrte später als Hochschuldozentin an der Universität Bergen in Norwegen. Ihr Werdegang war in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts für eine Frau noch keineswegs üblich. Umso spannender ist er für heutige Generationen nachzulesen. In einem schriftlichen Interview erzählte Beatrice Sandberg-Braun aus ihrem Leben.

Kindheit

In den Vierzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde in der Primarschule – vor allem in den unteren Klassen – noch mit einem Griffel auf Schiefertafeln geschrieben. Papier war eine richtige Kostbarkeit. Man kann sich das Gekratze in einem vollbesetzten Schulzimmer gut vorstellen! Später kam die Feder mit dem eingelassenen Tintenfass zum Zug. Mancher Tintenklecks schmückte da oft eine Heftseite, da half auch das beste Löschblatt nicht mehr. Und wer weiss denn noch, wie so eine feuchte Schwammbüchse roch, dass sich diese aber wunderbar für biologische Versuche wie «Bohnen keimen lassen» eignete?

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2. Klasse im Schulhaus Hinterer Grund in Flawil mit Lehrer Alois Kobler – die kleine Beatrice Braun sitzt in der ersten Mädchenreihe als vierte von links. 

Geschwisterreihe

Eigentlich wäre die kleine Beatrice erst das dritte Kind der Familie Braun gewesen. Doch damals war die Medizin noch nicht so weit wie heute, man entdeckte die doppelte Lungenentzündung nicht, die Schwester starb mit eineinhalb Jahren. Doch Beatrice hatte das grosse Glück, einen zwölf Jahre älteren Bruder zu haben, der ihr – nachdem sie sich das Lesen selber neben der Mutter kniend beigebracht hatte – immer neuen Lesestoff besorgte. Er war sehr kultur-, literatur- und kunstinteressiert. So konnte das junge Mädchen schon früh an den Freuden gepflegter Literatur teilhaben. Zum grossen Leidwesen der kleinen Schwester trat er mit neunzehn Jahren in ein Kloster ein, studierte dort Theologie und später auch Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Dies erwies sich im Nachhinein jedoch als Glücksfall, denn der Bruder wurde ihr in späteren Jahren zum geschätzten Fachkollegen, was ihre Beziehung noch mehr vertiefte.


Berufswunsch Lehrerin

Das Lernen fiel Beatrice Braun leicht. Sie bewunderte die Lehrer – eine Lehrerin hatte sie nie – und liebte den Unterricht, nicht aber manch brutale Abstrafung, welche einzelne «Gspänli» erdulden mussten wie an den Ohren ziehen oder schmerzende Kopfnüsse. Sie litt mit Kindern mit, welche nachsitzen mussten, weil sie etwas nicht kapiert hatten oder eine Aufgabe nicht innert der vorgegebenen hatten lösen können. Wegen einer Sehschwäche musste das Mädchen zwei Mal pro Woche die Sehschule St. Gallen besuchen, dies zusammen mit dem liechtensteinischen Prinz Adam. Sie meisterte die Reise per Zug und Tram schon in der dritten Klasse ganz allein – heute scheint dies fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wegen ihrer Brille wurde sie zum Glück nie gemobbt, wie das andere Kinder zu dieser Zeit oft erleben mussten, war man doch mit so einem «Nasenvelo» damals noch eine Art Exot oder Exotin.

Doch da man auch mit Brille lesen kann, waren der Eröffnung neuer Horizonte keine Grenzen gesetzt. In der 2. Sekundarklasse gab es dann ein paar Mädchen, die es gar nicht goutierten, dass Beatrice keinen Hauswirtschaftsunterricht besuchen musste, weil sie in dieser Zeit andere wichtige Fächer belegte. Für die Kantonsschule am Burgraben, Typus B, musste Beatrice Braun Latein nachbüffeln, was einen ziemlichen Kraftakt erforderte.

Wissenschaftliche Ausbildung

Von 1961 bis 1968 studierte die junge Frau Germanistik im Hauptfach, dazu Anglistik und Altnordisch als Nebenfächer an der Uni Zürich. 1965-1966 bekam sie ein Staatsstipendium an der Uni Bergen in Norwegen (UiB). Sie hatte nämlich 1965 den norwegischen Professor Hans-Joachim Sandberg geheiratet und hiess von da an Sandberg-Braun. Danach studierte sie wieder an der Uni Zürich und reichte 1968 ihre Dissertation unter dem Titel «GC.F. Meyer. Wege zum Symbolismus.» 1969» beim renommierten Germanistik-Professor Emil Staiger ein.

Fiel das Auswandern leicht?

Nein, die junge Frau tat sich schwer mit dem Aufbruch in eine fremde Welt, wie sie schreibt. Nach der Hochzeit lebte sie erst einmal mit dem bereits genannten Staatsstipendium ein Jahr in Bergen an der Universität, aber es erleichterte ihr diesen Aufenthalt, weil sie wusste, dass sie danach wieder in Zürich an der dortigen Uni weiterstudieren könne. Schliesslich war ein abgeschlossenes Studium für sie sehr wichtig. Zu oft hatte sie erfahren müssen, dass Frauen viele Semester – gerade etwa in Deutschland – studiert hatten, aber vor dem Abschluss heirateten und deshalb keinerlei Ausweispapiere bekamen, selbst wenn sie beispielsweise zehn Semester Germanistik belegt hatten. Welch eine Verschwendung an Wissen und Talent!

Bologna-Prozess

Erst mit dem Bologna-Prozess, der einheitliche Regeln für alle europäischen Studiengänge vorschrieb, änderte sich das. Die Einführung von Modulen mit ECTS-Punkten und der Möglichkeit eines Bachelor- oder Master-Abschlusses waren nun die Norm. Norwegen führte als eines der ersten Länder überhaupt im Jahr 2005 dieses System ein. Beatrice Sandberg-Braun sass für die Universität Bergen dafür in den internationalen Arbeitsgremien. Für die Schweiz mit ihrem föderalistischen System war dies eine rechte Herausforderung, darum dauerte es bis 2015, bis die Richtlinien ausgearbeitet waren. Seit 2020 gelten diese Vorgaben nun aber für alle Schweizer Hochschulen, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen.

Skandinavische Familienunterstützung

Frauen wurden in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts in den skandinavischen Ländern bereits offiziell gefördert. Als Beatrice Sandberg-Braun nach Bergen kam, war in Norwegen bereits eine Art Quotenregelung – allerdings nicht so bezeichnet – bei der Wahl in wissenschaftliche Gremien Brauch. Von drei Mitgliedern musste zwingend eines eine Frau sein. Davon konnte auch die Flawilerin profitieren. Sie beschreibt im Interview, wie sie als Frau richtiggehend aufgebaut und in viele Räte – internationaler Ausschuss, nationaler Forschungsrat, im Senat – hineingewählt worden sei. Auch ihr Mann unterstützte sie, wo er nur konnte.

Zwar fühlte sie sich als Nichtnorwegerin anfänglich etwas unsicher, doch man liess sie nie spüren, dass sie keine «Hiesige» sei, im Gegenteil. Nach fünf Jahren bekam sie als Ausländerin bereits das kommunale Stimm- und Wahlrecht, dies wie alle aus andern Ländern Zugezogenen, was die Integration verständlicherweise sehr fördert. Für die Schweizer Männer, die ihren Frauen lange, lange einfach kein Stimmrecht geben wollten und dies zähneknirschend erst 1971 endlich zuliessen, hatte man damals in Norwegen nur ein müdes Lächeln übrig. So rückständig!

Patriotische norwegische Gesellschaft

Laut Sandberg-Braun gibt es auch in Norwegen eine Art Stadt-Land-Graben. Dennoch haben praktisch alle Bürgerinnen und Bürger eine sehr positive Einstellung zu ihrem Vaterland, dessen Institutionen und der sozialen Ordnung. Man ist sich einig, im besten Land der Welt mit dem besten Gesundheits- und Bildungswesen zu leben. Doch auch viele Menschen aus anderen Ländern – vor allem aus Pakistan – haben nach einer Ausbildung einen Platz als Sprecherin oder Sprecher bei Radio oder TV gefunden, viele sind auch in der Politik. Und man kritisiert viel weniger als in der Schweiz, so gibt es über das Aussehen, die Frisur oder den Kleidungsstil von Politikern oder Akademikerinnen in den Medien keinerlei Bewertungen. Man lernt sogar schon in der Schule, dass man nicht über solche Äusserlichkeiten diskutieren soll. Man lebt und lässt leben.

Ausserfamiliäre Kinderbetreuung

Norwegen bietet wie alle skandinavischen Ländern seit langer Zeit eine gut ausgebaute ausserhäusliche Kinderbetreuungsmöglichkeit an. Für Männer ist es selbstverständlich, sich ebenfalls partnerschaftlich einzubringen. Doch nach dem dritten Kind zog es Familie Sandberg vor, Jahr für Jahr – auch einmal für zwei Jahre – ein schweizerisches Au-Pair-Mädchen anzustellen, per Inserat in der katholischen Mädchenzeitschrift «Ancilla» angeworben. Für junge Männer war diese Möglichkeit damals noch ausserhalb der gesellschaftlichen Akzeptanz. Mit einigen dieser Frauen bestehen bis heute gute Beziehungen. Beatrice Sandberg-Braun hat auch sonst ganz viele Beziehungen in die Schweiz aufrecht erhalten. Ihren Kindern hat sie die typischen Schweizer Tugenden wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Genauigkeit weitergegeben, das sei ihr wichtig.

Wäre diese Karriere damals auch in der Schweiz möglich gewesen?

Beatrice Sandberg-Braun verneint das ganz entschieden. Sie hat sich denn auch gar nie für eine Stelle an einer Schweizer Uni beworben. Sie hätte dies ja auf jeden Fall mit ihrem ebenfalls als Germanist ausgebildeten Mann – wenn auch mit anderem Fachschwerpunkt – tun wollen, was vermutlich erfolglos gewesen wäre. Und in Norwegen hatten sie ja beide schon eine Stelle am gleichen Institut. Erleichtert hat ihr den Schritt weg von der Schweiz und der deutschen Alltagssprache die Tatsache, dass in skandinavischen Ländern schon damals die Familie mit dem Beruf sehr gut vereinbar war. Und selbstverständlich die richtige Partnerwahl!

Wissenschaftliches Arbeiten

Natürlich kam die Professorin in der Zeit der Kleinkinderphase wenig zum wissenschaftlichen Schreiben, aber da sind die Nordländer grosszügig. Als die Kinder grösser wurden, bekam dieser Teil ihres Lebens jedoch einen immer grösseren Stellenwert. In Skandinavien sind die Hierarchien viel flacher, was die Zusammenarbeit sehr erleichtert. Den Doktortitel braucht man praktisch nie, höchstens noch für akademische Publikationen. Es würde den Rahmen dieses Artikels absolut sprengen, wenn alle wissenschaftlichen Arbeiten, alle fachspezifischen Tätigkeiten und alle Einsitze in Gremien von wissenschaftlichen Räten hier aufgelistet werden müssten. Die Liste ist äusserst beeindruckend und lang. Wer mehr erfahren möchte, findet hier den ganzen Katalog aller wichtigen Daten.

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Immer wieder kam und kommt noch immer Beatrice Sandberg-Braun in einschlägigen Fachmagazinen zu Wort. 

Schwerpunkte

Lange war der Dichter Franz Kafka ihr Hauptschwerpunkt, dazu hat sie auch Verschiedenes publiziert. Die Aufarbeitung der Zeit der Nazi-Besatzung in Norwegen dokumentierte sie in drei Bänden. Im Grenzgebiet von Autobiografie und Fiktion hat sie ein weiteres Betätigungsfeld gefunden. Dabei soll eine solche Geschichte als Roman gelesen werden können. Dazu gibt es in der Schweiz auch verschiedene Autoren. So etwa Thomas Hürlimann, Urs Widmer oder auch Ruth Schweikert oder Erica Pedretti. Es gibt zudem eine sehr anregende Gruppe von Schweiz-Spezialisten aus 14 europäischen Ländern, die sich seit über 20 Jahren regelmässig zu Konferenzen treffen und Arbeiten publizieren, dazu auch eine digitale Literaturzeitschrift herausgeben.

Auch wenn die Professorin nun schon länger emeritiert ist, arbeitet sie weiterhin unermüdlich an verschiedenen Themen. Schwerpunkte sind noch immer Schweizer Autoren und Autorinnen. Auch die geistige Landesverteidigung und Fragen der nationalen und kulturellen Identität gehören zu Sandberg-Brauns Vorlieben. Das autobiografische Schreiben beschäftigt sie ebenfall weiterhin, wobei sie betonte, sie habe vor, langsam nun doch mehr den bisher eher zu kurzgekommenen Leidenschaften wie Lesen oder bis jetzt Liegengebliebenem Raum zu geben.