Christa Keller, was war für Sie damals der Anlass nach Australien auszuwandern?

Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages auswandere – und schon gar nicht, dass ich 20 Jahre in Australien bleibe. Klaus, mein Ehemann, hat mir eine Türe zu einem komplett neuen Leben geöffnet und ich habe die Herausforderung angenommen. Immer mit dem Wissen, dass ich jederzeit wieder nach Hause zurückkehren könnte.Ich war in Wil immer glücklich und zufrieden, hatte einen interessanten Job und viele Freunde und trotzdem war für mich der Zeitpunkt für einen Szenenwechsel optimal.

Wie und wo leben Sie in Australien?

Wir leben auf einer kleinen Hobby Farm, einem Grundstück von rund 16 Hektaren, etwa eine Autostunde ausserhalb Melbourne City. Bis zur Pensionierung führte mein Ehemann eine kleine mechanische Werkstatt und ich war dabei der ewige Lehrling, Gang-Go und Buchhalter. Auf unserer Farm sind wir praktisch Selbstversorger, dies dank einem grossen Gemüsegarten, einem speziellen Kräutergarten und verschiedensten Obst- und Zitrusbäumen. In unserem Klima wächst praktisch alles! Und für Fleisch haben wir unsere eigenen Rinder und zwischendurch einen wilden Hirsch. Wir machen unsere eigenen Trockenwürste und Klaus‘ Spezialität ist sein «Bündnerfleisch», allerdings ohne die Bündner Bergluft! Bis vor einigen Jahren haben wir auch unseren eigenen Wein hergestellt. Übrigens, Klaus ist ein toller Koch – und auch auf diesem Gebiet habe ich viel gelernt.

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Christa Keller betitelt dieses Foto mit: Frühling in unserem Garten. 

Wie sieht Ihr Alltag aus?

Ich glaube, der grösste Unterschied ist, dass ich die Wörter «Stress» und «Termindruck» nicht mehr kenne und dass ich bewusst mit und in der Natur lebe! Ich bin zu einer Farmers- und Handwerksfrau geworden, die mit den Händen arbeitet und versucht, Probleme praktisch zu lösen. Fit halte ich mich mit Arbeiten auf der Farm, mit ausgedehnten Spaziergängen oder Wanderungen, mit Tennis und Pilates.

Was gefällt Ihnen an Australien?

Australien ist ein riesiges Land und bietet sämtliche verschiedene Klimaregionen, von unseren drei Jahreszeiten, Herbst, Frühling und Sommer in Victoria (Melbourne), zum tropischen Klima in Queensland und Northern Terrioty (Brisbane, Cairns, Darwin) oder den heissen Tagen und kalten Nächten in der Wüste und im Zentrum (Alice Springs). Wir haben die wohl schönsten Strände der Welt, einzigartige Regenwälder und eine unvergleichliche Tierwelt. Das Reisen in und um Australien ist unvergleichlich. Auch wir sind oft mit unserem Wohnwagen unterwegs – und versuchen in den kalten Monaten die Sonne zu finden! Australien hat allerdings auch seine klimatischen Herausforderungen, wie die extremen Waldbrände, lang anhaltende Trockenheit und Wassermangel aber auch die Zyklon-Stürme im Norden mit heftigen Regenfällen und oft mit Überschwemmungen.

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Christa Keller schwärmt von der einzigartigen Natur Australiens. 

Worin bestehen die grössten Unterschiede zur Schweiz, abgesehen von den Grössenverhältnissen?

Ich habe das grosse Glück, dass ich zwei friedliche und demokratische Länder meine Heimat nennen darf! Man darf in einem anderen Land nicht immer Vergleiche mit Zuhause machen. Es ist wichtig, die Traditionen und Lebensweise eines Landes zu akzeptieren. Ich bin oft mit der Politik oder gewissen Entscheiden nicht einverstanden, aber das war wohl schon in der Schweiz der Fall. Der Schweizer generell gilt als zuverlässiger und pünktlicher, hier in Australien lebt man eher nach dem Motto «das genügt» und «wird schon werden».

Was verbindet Sie heute noch mit Wil?

Wil ist und bleibt meine Heimat, die Wurzeln vergisst man nie! Ich habe heute noch viele Freunde in Wil und Umgebung, und immer ein freies Zimmer bereit. Keine Reise in die Schweiz ohne einen Besuch in Wil!

Was vermissen Sie aus Wil oder aus der Schweiz?

Ganz klar, meine Freunde und Familie! Ich habe zwar auch hier einen guten Freundeskreis, aber Freunde aus der Jugend kann man nicht ersetzen!! Ich hatte in Wil ein sehr aktives Leben. Als Journalistin war ich immer unterwegs, an praktisch jedem Anlass dabei. Ich hatte Kontakt zu Politikern aller Parteien, zu Sport- Kultur und Kunstvereinen, zu Geschäfts-- und Wirtschaftskreisen, ich war an unzähligen interessanten und grossartigen Anlässen dabei, immer mit meiner Kamera und einem Block Papier. Manchmal vermisse ich diese Herausforderungen. Aber ich weiss auch, dass sich die Medienlandschaft und die Arbeiten darin in den letzten 20 Jahren massiv verändert haben.

Könnten Sie sich vorstellen, wieder mal für immer nach Wil zurückzukehren?

Ganz klar, ja! Mein heutiges Leben auf unserer Farm könnte ich alleine, ohne meinen Mann, auf keinen Fall weiterführen. Und wie gesagt, Wil ist immer noch meine Heimat! Ganz liebe Grüsse aus dem Land der KKK, Kangurus, Kakadus und Koalas!