Patrick Hinder springt auf. Gerade eben sass er an diesem Donnerstagvormittag noch völlig entspannt auf der Festbank im Mitarbeiterzelt. «Ich habe den Fahrern klar kommuniziert, dass sie eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft anrufen sollen», ruft er aus. Dann eilt er aus dem Zelt und holt sein Smartphone aus der Hosentasche. Der Lastwagen mit der Abfallmulde darf noch nicht auf das Gelände des Wiler Stadtweiers fahren. «Das wird sonst zu eng und dann kann der hier nirgends kehren», sagt er zu zwei freiwilligen Helfern, die gerade weitere Festbänke und -tische aufstellen. Nun muss innerhalb von wenigen Minuten entschieden und vor allem reagiert werden.

Seit dem vierten Wiler Openair «Rock am Weier» ist Hinder als freiwilliger Helfer dabei. «Manchmal kommt bei den Aufbauarbeiten mein spanisches Temperament zum Vorschein», sagt der Infrastruktur-Chef des «Rock am Weier» und lacht. Denn er ist als OK-Mitglied für einen ausgeklügelten Logistik- und Infrastrukturplan zuständig. «Ab Dienstagabend bis Freitagabend, wenn es um 17 Uhr losgeht, wird das ganze Festgelände aufgebaut», erzählt er «da kann es schon mal stressig und laut werden». Absperrungen, Abfalleimer, Energieversorgung, Verpflegungsmöglichkeiten, Notambulanz, Lichttechnik, Bühnenbau, Sicherheit – auf der Weierwiese in Wil wird an diesen Tagen nichts dem Zufall überlassen. Also ein perfekt abgestimmtes Organisationswerk, das Jahr für Jahr den reibungslosen Ablauf garantiert? «Wir können garantieren, dass alles ohne grosse Probleme ablaufen wird», so Hinder. Dass es sich hier um eine perfekt abgestimmte Organisation handelt – das winkt Hinder ab. «Weil es jedes Jahr immer ein bisschen anders abläuft.» Aber professionell sei das schweizweit grösste Gratis-Openair, das von 240 freiwilligen Helfern auf die Beine gestellt wird, alle mal.

Zehn Tonnen für zwei Dutzend Männer

Hinder beisst in einen Getreideriegel mit Schokolade. Er steht am Rand der Weierwiese und wirft in alle Richtungen einen Kontrollblick. Die «Znüni»-Pause hat er verpasst. Die unzählige Fragen der Helfer, das Verteilen der einzelnen Aufgaben, das Kontrollieren des Zeitplans – das geht für den gebürtigen Wiler vor. Wieder klingelt sein Smartphone. Dieses Mal geht es um die sogenannte RAW-Bar, das grosse rot-gelbe Zirkuszelt, das zentral auf der Weierwiese liegt. Hinder, der für das «Rock am Weier» jedes Jahr eine Woche Ferien nimmt, rennt über die Wiese zum Zirkuszelt. Zwei Helfer kreuzen seinen Weg. «Im Container neben dem Zelt gibt es noch T-Shirts mit unserem Logo. Bitte anziehen», sagt Hinder. Die beiden Männer nicken. 

Es ist immer das eine Juni-Wochenende. Sie kommen wie jedes Jahr: Rund 17'000 Besucher aus Wil, der Region und der ganzen Schweiz. «Viele Wiler sind weggezogen. Aber fürs 'Rock am Weier' kommen sie und übernachten bei ihren Eltern», weiss Hinder. Das mache das Gratis-Openair so vertraut und einzigartig. Heuer spielen während zwei Tagen 18 Bands auf zwei Bühnen und ein DJ auf dem Mischpult mitten auf der Weierwiese. «Während das technische Equipment in de Anfängen des Openairs noch auf einen Wagen passte, ist das 'Rock am Weier' zu einer technischen Grossveranstaltung mit vielen logistischen Herausforderungen geworden», erzählt Hinder. Mittlerweile werden 20 Lastwägen für den ganzen Materialtransport benötigt. Allein für die Geländeabsperrung braucht das «Rock am Weier» 1,5 Kilometer Absperrgitter. Der Aufbau der beiden Bühnen erfordert einen immensen Material- und Zeitaufwand. Zehn Tonnen Bühnenmaterial  braucht es nur schon für die Hauptbühne, die innerhalb zweier Tage von etwa zwei Dutzend Männern aufgebaut wird.

 
In der Video-Reportage sieht man, wie das Festgelände des «Rock am Weier» aufgebaut wird und Infrastruktur-Chef Patrick Hinder sagt, worauf man beim Aufbau achten muss. (Video: Magdalena Ceak)

Hinder stellt seine Drohne auf die trockene Wiese an diesem sonnigen Sommertag. In der Sonne fällt auf, dass sein schwarzes Helfer-T-Shirt mit dem Festival-Logo in hellblauer Farbe perfekt gebügelt ist. Kein Fältchen ist zu sehen. Vielleicht gehört er zu den Menschen, die alles perfektionalisieren und kontrollieren müssen? Hinder grinst. «Ich habe eine Verantwortung. Am Schluss muss alles einwandfrei laufen» sagt er. Er lässt die Drohne in eine Höhe, in der er eine gute Übersicht über das Festgelände hat. «Diese Aufnahmen mache ich auch, um mir die Arbeit nächstes Jahr zu erleichtern», erklärt Hinder. Er wechselt mehrere Male die Flugrichtung der Drohne – bis er alle Zelte, Bühnen und Container aufgenommen hat. 

«Ob wir, die freiwilligen Helfer, den ganzen Aufwand nur für uns betreiben?», wiederholt Hinder die Frage. Natürlich nicht, antwortet er anschliessend nach nur wenigen Sekunden. «Dieses Openair ist für das kulturelle Angebot, für die Altstadt, für die Wiler und all die Besucher, die gerne nach Wil kommen», führt er weiter aus. Die Helfer setzen sich so unermüdlich ein, weil die meisten mit dem Wiler Openair aufgewachsen sind. Aber auch, weil sie möchten, dass das Festival auch in Zukunft erhalten bleibt. «Das Rock am Weier» sei Leidenschaft und Freude pur. «Wir geniessen den Event auf unsere Art und Weise», so Hinder. Denn die Helfer müssen vor allem Samstagabend alles geben. «Weil die Besucher dann am meisten konsumieren», weiss Hinder. Vergangenes Jahr seien 1800 Liter Wasser und Softgetränke über die Bartheken gegangen. Und: Die Besucher hätten über 10 000 Liter Bier getrunken. Dass die freiwilligen Helfer beim Ausschenken in Schwitzen kommen, sei doch verständlich. «Jedes Jahr sitzen wir am Sonntagmorgen auf der Weierwiese und fragen uns: Warum machen wir das alles hier?», verrät Hinder. Er lacht. «Weil wir Wiler einfach 'coole Sieche' sind.»

Weitere Informationen unter www.rockamweier.ch

Warum ist das «Rock am Weier» kostenlos? OK-Präsident Daniel Stieger nennt den wichtigsten Grund.