Es war ein ziemlich trüber Samstagmorgen im Frühherbst, als die Zeitungen Verhängnisvolles verkündeten: «Weihnachtsmann spurlos verschwunden – Was geschieht mit den Elfen in der Geschenkabteilung?», «Fällt Weihnachten dieses Jahr aus?», «Tannengrün und Zuckerstangen – Die Hintergründe zum Verschwinden des Weihnachtsmannes!» Die etwas gehobeneren Blätter titelten etwa «Quo vadis, o‘ Weihnachtsmann?»

Jana wachte gerade auf, als ihre Eltern vom samstäglichen Einkauf nach Hause kamen. Als sie vor wenigen Wochen ihren zehnten Geburtstag feierte, hatte ihr Vater feierlich verkündet, dass sie nun alt genug war und am Samstagmorgen alleine zu Hause bleiben durfte. Jana streckte sich und hielt mitten in der Bewegung inne, als sie ihre Mutter aufgeregt erzählen hörte: «Und dann hat mir Frau Kaufmann vom Supermarkt erzählt, dass sie doch tatsächlich jetzt schon die Osterbestellungen vorbereiten musste. Dabei ist doch noch nicht mal Weihnachten durch...»

«Na», hörte Jana ihren Vater sagen, «da wundert es mich gar nicht, dass er verschwunden ist!» Jana horchte auf. Wer mochte wohl verschwunden sein, dass ihre Eltern sich so aufregten? Sie schlich leise zur Tür, hielt den Atem an und lauschte angestrengt. «Was kommt wohl als nächstes?» hörte sie ihren Vater seufzen, bevor er sich an der Garderobe zu schaffen machte. Jana konnte die Kleiderbügel klappern hören, als ihr Vater energisch seinen Mantel aufhängte und brummte: «Ob wohl bald der Bundestrainer seinen Job mit dem Osterhasen tauscht?» Jana hörte ihre Mutter kichern und sagen: «Lass uns frühstücken. Holst du Jana?»

Während Jana und ihre Mutter nach dem Frühstück die übliche Partie Mensch ärgere dich nicht vorbereiteten, warf ihr Vater kopfschüttelnd einen Blick in die Zeitung, faltete sie dann zusammen und schob sie beiseite. Als er sich zu ihnen gesetzt hatte, warf Jana den Würfel auf den Tisch. Eine Sechs! Das würde ein gutes Spiel werden, dachte Jana, als sie ihre Figur verrückte. Der Gewinner musste nicht beim Abwasch helfen. Eine Runde später war Jana Nummer Eins und verschränkte triumphierend die Arme vor der Brust. «Viel Spass beim Abwasch!» rief sie fröhlich und strahlte ihre Eltern an. «Ich räume dafür das Spielbrett weg.»

«Zu grosszügig…» murrte ihr Vater, bevor er sich in die Küche aufmachte. Mutter sah ihm milde lächelnd nach und erhob sich ebenfalls. Jana grinste. Ihr Vater konnte nicht verlieren. Aber Mensch ärgere dich nicht hiess nun mal so, weil man sich nicht ärgern sollte. Während Jana das Spielbrett zusammenräumte, fiel ihr das Gespräch ihrer Eltern vom Morgen wieder ein. Wer wohl verschwunden sein mochte? Janas Blick fiel auf die Zeitung. Als sie danach griff, lachte ihr der Weihnachtsmann entgegen. Eine gekonnte Zeichnung von ihm bedeckte fast die ganze Titelseite. Jana strich das Papier behutsam glatt und las die Schlagzeile: «Wo ist der Weihnachtsmann?» Erst neugierig, dann erschrocken las Jana weiter: «Ein Sprecher der Zuckerfabrik gab Freitagabend bekannt, dass der Weihnachtsmann seit einiger Zeit vermisst wird. Wo er sich derzeit aufhält und was die Hintergründe seines Verschwindens sind, hat Die Zeitung recherchiert. Herr N., Vorstandsmitglied der Zuckerfabrik am Nordpol, berichtet exklusiv über die Hintergründe des Verschwindens und des langen Schweigens.» Jana las mit grossen Augen weiter: «…soll er sich zwischenzeitlich gar im Dschungel aufgehalten haben, wie der Sprecher erzählte. Es gibt allerdings klare Hinweise darauf, dass er sich an der See befindet. So berichtet etwa Frau Z. aus K., dass sie eines Morgens beim Spaziergang mit ihrem Hund zu einem kleinen, runden Leuchtturm ausserhalb von K. einen Mann gesehen hätte, der ausser einer roten Zipfelmütze und rot-weissen Badehosen nichts anhatte. Er soll sich unbekümmert auf der Plattform des Leuchtturms gesonnt haben…» Jana dachte nach. Konnte das Frau Zappenmeier gewesen sein? Die hatte einen grossen Hund, mit dem sie oft lange Wanderungen unternahm. Frau Zappenmeier war ausserdem bekannt dafür, dass sie über alles und jeden im Dorf Bescheid wusste. Jana zupfte nachdenklich an ihrer Unterlippe, langte gedankenverloren in die Tasche ihres Bademantels und drehte eine goldene Münze in ihrer Hand hin und her, die sie seit einigen Tagen bei sich trug. Sie erinnerte sich an die Begegnung mit dem alten Mann, der ihr die Münze geschenkt hatte – und dem die Zeichnung des Weihnachtsmannes verblüffend ähnelte.

«Ich danke dir für die ausführliche Wegbeschreibung, ich hätte nicht mehr lange suchen mögen. Weisst du, mein Kind», hatte er gesagt, «manchmal, da wird man müde. Und wenn man dann sehr, sehr müde ist, dann will man nicht mal mehr schlafen. Dann will man einfach nur seine Ruhe. Und die finde ich hier. Ich kenne den Dicken noch aus meiner Jugend.» Der alte Mann atmete tief die kühle Seeluft ein und seine Augen funkelten, während er nach dem Dicken Ausschau hielt. Jana sah an dem Mann hoch. Sein schlohweisser Bart reichte ihm bis zum Bauch, der so rund war, dass er mit der knallroten Regenjacke wie ein grosser Ballon aussah. Der alte Mann trug einen, wollenen weissen Schal um seinen Hals, auf dem sein runder Kopf mit den roten Backen und der schiefen, roten Zipfelmütze wie eine Kugel ruhte.

Jana nickte und fragte dann: «Aber warum wollen Sie unbedingt zum Leuchtturm laufen, wenn sie so müde sind? Sie könnten sich doch ein Taxi nehmen. Ich kenne sogar einen sehr guten Taxifahrer aus dem Dorf! Er ist nämlich der Cousin meiner besten Freundin!» Doch der alte Mann schüttelte lachend seinen Kopf: «Nein, mein Kind. Man muss weitergehen, auch wenn man müde ist. Dann ganz besonders. Dann wird man nämlich wieder wach!» Er griff in seine Manteltasche und zog eine goldene Münze hervor. «Jana, nimm dies als Geschenk von mir. Ich habe nämlich sagen hören, dass du dich für alte Münzen interessierst.» Er zwinkerte ihr zu, überreichte ihr das Goldstück feierlich, rückte seine Zipfelmütze zurecht und machte sich mit festen Schritten in Richtung Leuchtturm auf und davon. Noch bevor Jana sich Gedanken über die seltsame Begegnung machen konnte, waren ihre Freunde gekommen, mit denen sie sich auf den Weg zur Eisdiele machte und schon bald nicht mehr über den alten Mann nachdachte.

Sie musste rauskriegen, ob der Weihnachtsmann wirklich auf dem Leuchtturm war und wenn ja: Warum. Vorsichtig riss sie die erste Seite aus der Zeitung und sprang auf. Sie lief zum Telefon und tippte hastig die Nummer ihres besten Freundes ein.

«Klevenberg?» meldete sich eine Stimme am anderen Ende.
«Thomas? Hier ist Jana. Ist Tim da?» fragte Jana und versuchte dabei ihre Stimme so ruhig wie möglich klingen zu lassen.
«Oh, hallo, Jana. Ja, Tim ist hier. Bleib dran, ich ruf ihn. Tschüssi!» Jana hörte wie Thomas nach seinem Bruder rief, der sie kurz darauf fröhlich begrüsste.
«Was machst du heute?» unterbrach ihn Jana, bevor er losplappern konnte. «Kommst du mit mir zum Leuchtturm?»
«Was willst du denn am Dicken?» fragte Tim neugierig.
«Erklär ich dir später! Kommst du?»
«Ja klar. Wann treffen wir uns?»
«Sagen wir in einer Stunde am Hafen? Bei der Pommesbude?»
«Ich werde da sein! Bis denn dann!»
«Bis denn dann!» rief Jana und legte auf.

Ihre Eltern waren in ein ernstes Gespräch vertieft, als Jana in die Küche stürmte und bettelte: «Mama, Papa! Tim und ich wollen heute zum Leuchtturm, dürfen wir? Bitte, bitte!»
«Was wollt ihr denn heute auf dem Leuchtturm?» fragte ihre Mutter und blickte Jana überrascht an. Das Mädchen zuckte unschuldig mit den Schultern. «Ach, nur so… Wir waren schon lange nicht mehr da und heute ist der perfekte Tag dafür…»

Vater warf stirnrunzelnd einen Blick auf den grauen Himmel, bevor er schmunzelnd sagte: «Na, wenn du meinst…Aber ich will kein Gejammer hören, wenn ihr nass werdet! Es sei denn, Mama hat etwas dagegen einzuwenden.» Ihre Mutter aber schüttelte den Kopf, stand auf und lächelte Jana an. «Na, dann sieh zu, dass du dich anziehst, und denk an dein Unterhemd! Ich streich euch in der Zwischenzeit ein paar Butterbrote und mach dir eine Kanne Tee fertig.» Jana fiel ihrer Mutter glücklich um den Hals.

Eine Stunde später radelte sie zur Pommesbude am Hafen, wo Tim sie schon ungeduldig erwartete. Er tippte vorwurfsvoll auf seine neue Armbanduhr und tadelte: «Fünf Minuten zu spät, Jana…» Das machte er seit er die Uhr geschenkt bekommen hatte.
«Nun erzähl schon, was gibt’s?» drängelte er dann.
«Hast du die Zeitung gelesen?»
Tim sah Jana verständnislos an. «Wieso sollte ich die Zeitung gelesen haben? Ich lese die Zeitung nie!» verkündete er. Jana schüttelte den Kopf, zog die herausgerissene Zeitungsseite hervor und hielt sie Tim unter die Nase. Ihr Freund las den Artikel aufmerksam durch und bekam dabei immer grössere Augen. Dann liess er die Arme sinken und meinte leise: «Das kann doch nicht wahr sein! Stell dir mal vor, was jetzt in der Zuckerfabrik los ist. Nämlich nichts! Dann fällt Weihnachten aus!» Tim schauderte. Ein Winter ohne Weihnachten. Das wollte er sich lieber nicht vorstellen. «Was tun wir also?» fragte er.
«Wir fahren zum Dicken!» trumpfte Jana auf.
«Und was wollen wir da?» fragte Tim mit hochgezogenen Augenbrauen und vor der Brust verschränkten Armen.
«Wir werden den Weihnachtsmann dazu bewegen, wieder zu arbeiten! Und zuvor besuchen wir Frau Zappenmeier», antwortete Jana, verschränkte ihrerseits die Arme vor der Brust und reckte ihrem Freund keck das Kinn entgegen.

«Guten Tag, Frau Zappenmeier», sagte Tim höflich, als die Frau ihre Haustür öffnete und ihren Hund am Halsband festhielt. Frau Zappenmeier nickte und musterte die Kinder mit zusammengekniffenen Augen.
«Wir wollten mal fragen, ob wir Sie… Ähm… Etwas fragen dürfen», stammelte Tim.
«Worum gehts?» erwiderte Frau Zappenmeier knapp.
«Wir wollten wissen, ob Sie den Weihnachtsmann gesehen haben», antwortete Jana hastig. Frau Zappenmeier sah sich um, bevor sie die Kinder bat, einzutreten. «Was wisst ihr darüber?» flüsterte sie.
«Nur das, was in den Zeitungen steht», gab Jana zur Antwort.
«Und wie kommt ihr darauf, dass ich mehr wüsste?» Frau Zappenmeier sah Jana misstrauisch an. «In der Zeitung stand, Frau Z. aus K. ging mit ihrem Hund», Jana räusperte sich und warf einen Blick auf den grossen Hund, der es sich inzwischen auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte und laut schnarchte, «am Leuchtturm spazieren. Und da dachte ich, dass Sie das sein könnten. Aber wenn Sie es nicht waren, dann wollen wir Sie auch gar nicht weiter stören.» Jana sah Frau Zappenmeier erwartungsvoll an.
«Na, setzt euch erst mal. Wie wärs mit einer Tasse heisser Schokolade?» lächelte Frau Zappenmeier und verschwand in der Küche. Jana und Tim setzten sich nebeneinander aufs Sofa, wo Jana ihren Freund in die Seite knuffte. «Siehst du!» flüsterte sie, bevor Frau Zappenmeier zurückkam.
«Es ist schon wahr, dass ich Frau Z. aus K. bin. Und ich bin mir auch sicher, dass ich den Weihnachtsmann gesehen hab. Aber ich bin mir in der Zwischenzeit nicht mehr so sicher, ob es richtig war, zur Zeitung zu gehen.» Frau Zappenmeier seufzte. Jana und Tim sahen sie erstaunt an. «Der Weihnachtsmann hat mir einen Brief geschickt. Stellt euch vor, eine Seemöwe hat ihn überbracht!» Frau Zappenmeier hielt einen Moment lang inne und holte tief Luft, bevor sie fortfuhr: «Er hat mir jedenfalls einen Brief geschickt, in dem er mich bat, ihn auf dem Dicken zu besuchen. Was ich natürlich tat. Dort las er mir aus der Zeitung vor und murmelte betrübt, dass es mit seiner Ruhe nun vorbei sei. Ich versuchte ihn zu beschwichtigen, doch er machte Andeutungen, dass er den Leuchtturm noch in den nächsten Tagen verlassen wolle.» Frau Zappenmeier seufzte abermals und pustete in ihre Tasse mit heisser Schokolade. Jana und Tim sahen sich erschrocken an, stellten hastig ihre Tassen ab, bedankten sich bei der verdutzten Frau Zappenmeier und eilten zu ihren Fahrrädern. Sie traten so fest in die Pedalen, wie sie es vermochten und schon bald blies ihnen der raue Seewind ins Gesicht, so dass sie fast nicht vom Fleck kamen. Der Dicke war schon lange zu sehen, aber er schien nicht näher zu kommen. Jana und Tim beschlossen, die Räder zwischen den Felsen zu verstecken und zu Fuss weiterzugehen. Sie nahmen die Abkürzung über die steile Klippe und passierten den schmalen Pfad vorsichtig. Als sie oben ankamen, waren sie nur noch wenige Meter vom Leuchtturm entfernt. Die Plattform befand sich kaum drei Meter über dem Boden und sein rundes Fundament liess ihn wie einen grossen rot-weiss gestreiften Pilz erscheinen. Irgendwie passte der Dicke zum Weihnachtsmann und umgekehrt, dachte Jana, als sie hinter Tim den schmalen Weg zum Leuchtturm entlang ging.

Als sie die Tür erreichten, öffnete der alte Mann bereits die Türe und empfing die Kinder freundlich: «So eine Überraschung! Was wollt ihr denn hier? Ist doch gar nicht das Wetter für einen Spaziergang!»
«Nein, aber für ein Picknick!» entgegnete Jana grinsend und klopfte auf ihren Rucksack. Der alte Mann lachte und schob die Kinder durch die Tür. «Na, dann kommt mal rein! Hab grad Feuer gemacht.»

Jana setzte sich auf einen Stuhl, auf dem ein weiches Kissen lag, während Tim sich auf die lange Bank setzte. «Nun erzählt mal, was führt euch hierher?» fragte der Weihnachtsmann, als er ein Tablett mit dampfenden Tassen und Keksen brachte. Jana grinste und zog die Butterstullen ihrer Mutter hervor. «Ein Picknick, sag ich doch.» Der alte Mann lachte und liess sich auf einen Stuhl fallen. Tim zwinkerte Jana zu und deutete unauffällig auf einen flauschigen, roten Mantel, der zusammengelegt neben ihm auf der Bank lag. Der Mantel hatte einen dicken, weissen Kragen und ähnelte verblüffend jenem Mantel, den der Weihnachtsmann normalerweise trug. Der alte Mann beobachtete die Kinder unbemerkt und folgte grübelnd ihrem Blick.

«Und du, natürlich…» fügte Jana schliesslich zögernd hinzu, senkte rasch ihren Blick und griff nach einem Butterbrot.
«So, so…» Der Mann sah die Kinder nachdenklich an, bevor auch er nach einem Brot griff und herzhaft zubiss. «Kinder, ich glaube, euch kann man nichts vormachen! Ihr seid mir ganz schön schnell auf die Schliche gekommen!» Dabei deutete er fröhlich auf den roten Mantel, bevor er mit ernster Stimme fortfuhr: «Wisst ihr, manchmal wird man müde, ob dem, was man tut. Ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht, als Weihnachtsmann zu sein. Meine Frau und ich waren das letzte Mal in Ferien, als… Ach, ich weiss schon gar nicht mehr…» Er seufzte. «Und da war ich dann plötzlich viel zu müde. Ich konnte auf ein Mal nur noch das Gejammer der Leute hören, dass es zu kalt sei, dass die Ernte dieses Jahr wieder verfaulen würde, dass im Winter zu wenig Schnee fallen würde. Ich ertrug es einfach nicht mehr. Und als ich dann auch noch vernahm, dass bereits die ersten Osterbestellungen fertiggestellt wurden, da ist mir der Kragen geplatzt. Als ich mich plötzlich an den Dicken erinnerte, wusste ich, wohin ich zu gehen hatte.» Der alte Mann zwinkerte ihnen fröhlich zu. Er zupfte sein rot-weiss gestreiftes T-Shirt zurecht und schenkte Tee nach. «Sag deiner Mutter, dass sie hervorragende belegte Brötchen macht!» sagte er beiläufig. Jana nickte und murmelte dann: «Aber, was ist mit Weihnachten dieses Jahr?» In den Augen des Weihnachtsmannes blitzte es auf. «Wir werden sehen», brummte er. So schwiegen sie eine Weile, bis Tim schliesslich sagte: «Manchmal, muss man Dinge tun, die man nicht gerne tut, sagt mein Vater immer. Ich zum Beispiel muss meine Hausaufgaben machen, bevor ich zum Spielen nach draussen darf. Als meine Eltern letztes Jahr in Ferien waren, ist meine Tante bei uns gewesen und hat auf Thomas und mich aufgepasst. Da musste ich fast keine Hausaufgaben machen. Das hat mir natürlich Spass gemacht. Aber als wir die Woche darauf unsere Prüfungen schrieben, da war ich schlecht und musste sogar zwei Prüfungen nachschreiben. Und das alles nur, weil ich die Woche davor keine Aufgaben gemacht hatte. Jetzt mache ich meine Hausaufgaben fast immer ganz von alleine!» Der Weihnachtsmann lobte: «Das ist sehr klug von dir, mein Junge.»

«Siehst du!» rief Jana aus, noch bevor er weiterreden konnte. «Wir tun alle Dinge, die wir nicht tun wollen, und die meisten davon sind weniger wichtig, als das, was du tust! Du machst die Menschen glücklich! An Weihnachten sitzt unsere ganze Familie zusammen und noch nicht einmal Mama und Oma streiten. Die streiten sonst fast immer. Und mein Onkel Sebas sitzt immer ganz anständig am Tisch und legt sogar seinen Hut ab, bevor Opa ihn zurechtweisen kann. Das ist sonst auch immer ganz anders. Und ich bin auch immer ganz brav.»

«Bist du das wirklich?» wollte der Weihnachtsmann schmunzelnd wissen. Jana nickte heftig und fuhr dann fort: «Was ich meine ist, dass du wichtig bist, und zwar für uns alle! Wenn du nicht mehr Weihnachtsmann sein willst, dann werden wir kein Weihnachten mehr feiern können.» Sie knetete ihre Unterlippe und sah den Weihnachtsmann trotzig an, bevor sie düster hinzufügte: «Und das werden traurige Winter werden …» Der Weihnachtsmann sah von Jana zu Tim und dann wieder zu Jana. Er seufzte und sagte milde: «Ich danke euch, dass ihr mich hier besucht habt. Ich stand vor der Entscheidung, weiterzuziehen oder zurückzugehen. Aber ihr habt ganz Recht, meine Kinder, wir alle müssen manchmal Dinge tun, die uns manchmal so erscheinen, als wollten wir sie nicht wirklich tun. Ausserdem liebe ich es, wenn Kinderaugen leuchten und frostige Erwachsenenherzen warm werden. Es würden trübe Winter werden, ohne Weihnachten. Das stimmt schon, meine Kinder. Ich weiss also, wie ich zu entscheiden habe …» Er lächelte zufrieden und füllte zwei kleine Jutesäckchen mit Schokotalern, Nüssen und Plätzchen, bevor er den beiden nochmal Tee nachgoss.

Ein paar Wochen später sass Janas Familie im Haus der Grosseltern zusammen und machte es sich gerade unterm Weihnachtsbaum gemütlich, als es draussen an die Tür klopfte. Die Familie sah sich an, Onkel Sebas stand schulterzuckend auf, schlurfte zur Tür und kam verwundert zurück. «Jana», sagte er, «das hier ist für dich.» Er überreichte Jana ein Kästchen, das in rot-weisses Geschenkpapier eingehüllt war. «Der Bote meinte, ich solle dir ausserdem ein dickes Dankeschön ausrichten.» Onkel Sebas schüttelte verwirrt den Kopf und schenkte sich ein grosszügiges Glas Eiercognac nach. Mutter und Vater sahen sich halb verwirrt, halb neugierig an und fragten: «Von wem ist es denn, Jana? Was hat das zu bedeuten?» Jana grinste vielsagend, zuckte mit den Schultern und packte das Geschenk vorsichtig aus. Es kam ein kleines, handgeschnitztes Holzkästchen zum Vorschein, in dem sieben goldene Münzen lagen. Jana zog die achte Münze aus ihrer Hosentasche und legte sie zufrieden dazu. Dann stellte sie das Kästchen neben die anderen Geschenke, murmelte leise Danke! und rief dann laut und fröhlich: «Und jetzt, lasst uns singen!»

Die Vorlesegeschichte hat den 1. Jury-Preis gewonnen und ist zuerst erschienen in der Anthologie «Günther Grün wartet auf Weihnachten», Triboox, 2011, ISBN 978-3-942384-36-0