Herr Bosshart, wir wissen, dass Sie schon seit 20 Jahren in Dussnang- Oberwangen wohnen. Aber wo sind Sie geboren und aufgewachsen?

René Bosshart: Ich bin gemeinsam mit meinem Bruder in Münchwilen aufgewachsen und habe dort meine ersten 24 Lebensjahre verbracht.

Herr Schneider, Sie hingegen sind in Fischingen geboren. Warum haben Sie das Dorf verlassen – wo haben Sie gelebt?

Arthur Schneider: Nach der Lehre habe ich meine erste Arbeitsstelle in Herrliberg, oberhalb vom Zürichsee gefunden und bin dorthin gezogen. Später habe ich in Affeltrangen, England und Tägerschen gelebt. Zeitweise war ich aber fast wöchentlich auf unserem Hof in Fischingen und half meiner Mutter beim Heuen und Holzhacken.

Sie beide sind Dorfmenschen. Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben?

Arthur Schneider: Wer in sehr einfachen Verhältnissen aufwächst, muss arbeiten, wenn er Erfolg haben will. Das habe ich sehr früh gelernt. Mein Vater ist gestorben, als ich gerade Mal sieben Jahre alt war. So habe schon als Junge gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Meine Mutter lehrte mich, unsere Grundwerte zu schätzen und dass die Familie etwas Wichtiges ist.

René Bosshart: Meine Eltern haben mir Zuverlässigkeit und Bescheidenheit vorgelebt, was mich bis heute prägt.

Welche Grundausbildung haben Sie gemacht? Und wie sahen Ihre weiteren beruflichen Schritte aus?

René Bosshart: Meine KV-Lehre absolvierte ich bei der Filzfabrik AG in Wil/SG. Auf dem Grundbuchamt Fischingen machte ich meine ersten Erfahrungen als ausgebildeter Kaufmann. Danach folgten 15 Jahre als Gemeindeschreiber in den beiden Gemeinden Eschlikon und Fischingen sowie weitere Jahre Verwaltungserfahrung in zwei Funktionen beim Kanton Thurgau. In den letzten vier Jahren erhielt ich bei der Mäder AG die Chance, in einem KMU mitarbeiten zu können.

Man konnte lesen, dass sich Ihr beruflicher Weg nicht im erhofften Mass entwickelt hat. Wäre das Gemeindepräsidium sozusagen eine zweite Wahl und eine Notlösung?

René Bosshart: Während der letzten vier Jahre betreute ich als Geschäftsleitungs- mitglied bei der Mäder AG die Finanzen und brachte verschiedene In- frastrukturprojekte zum Abschluss. Im Rahmen der Nachfolgeplanung diskutierten wir auch über meine zukünftige Rolle. Eine Übernahme der Geschäftsführung war für mich dabei keine Option, weshalb wir vereinbarten, dass ich mich neu orientiere, sobald erste Weichen gestellt sind. Letzten Sommer war es dann soweit und ich konnte eine neue Herausforderung antreten. Leider entsprachen die angetroffenen Aufgaben nicht meinen Vorstellungen. Meine Fähigkeiten und Stärken konnte ich nicht wunschgemäss einbringen und leider fehlten auch Gestaltungsmöglichkeiten. Also machte ich mir Gedanken über meine berufliche Zukunft. Auf der Suche nach einer neuen Aufgabe boten sich auch Möglichkeiten für eine Rückkehr auf eine Gemeindeverwaltung an. An diesen Punkt fragte ich mich dann aber ernsthaft: ,Wenn du dir das vorstellen kannst, weshalb prüfst du nicht nochmals die Kandidatur für das vakante Präsidium?’ Schliesslich habe ich mich aus sämtlichen Bewerbungsprozessen zurückgezogen und wagte den Schritt zur Kandidatur als Gemeindepräsident. Das Gemeindepräsidium ist daher ganz klar erste Wahl.

Herr Schneider, Sie kommen aus einer ganz anderen Branche.

Arthur Schneider: Ja. Bei der ehemaligen Garage Schuler habe ich Automechaniker gelernt und war anschliessend in Zürich, St. Gallen und England immer im Autofach tätig. Nach diversen Weiterbildungen konnte ich als Werkstattchef, Betriebs- und Geschäftsleiter Erfahrungen sammeln. Unter anderem war ich verantwortlich für eine Händlernetzentwicklung in Osteuropa – von Österreich bis an die chinesische Grenze. Heute arbeite ich für Bentley im Bereich Sales Marketing, Verkaufskoordination und bin zuständig für die Händlerbetreuung Zentraleuropa mit dem Schwerpunkt Schweiz.

Sie sagten an einem Podiumsgespräch, eine Firma zu führen sei wie eine Gemeinde zu führen. Wie kommen Sie zu dieser Überzeugung?

Arthur Schneider: Mit einer Firma hat man Erfolg, wenn man als Team auftreten kann und wenn die Kunden mit den Produkten und Dienstleistungen zufrieden sind. Aus meiner Sicht muss das bei einer Gemeindeverwaltung auch so sein. Man muss die Bedürfnisse der Bewohner kennen und dort anpacken, wo der Schuh drückt. Sollte ich Präsident werden, möchte ich Einwohner-Sprechstunden einführen. Es ist nicht jedermanns Sache, seine Anliegen an einer Gemeindeversammlung vor vielen Leuten auszubreiten. Persönliche Gespräche könnten helfen, dass sich die Menschen, die hier wohnen, gut verstanden und aufgehoben fühlen.

Was sind Ihrer Meinung nach die zukünftigen Herausforderungen – für die Schweiz, den Kanton Thurgau, die Gemeinde Fischingen?

René Bosshart: Ich denke am wichtigsten werden die demographische Entwicklung, die Energiewende oder die Neuerungen rund um die Digitalisierung sein. Für die Schweiz wird es darum gehen, mit ihrer Innovationskraft eine Vorreiterrolle zu spielen. Eine der Herausforderungen für Fischingen wird sein, trotz all der Neuerungen, den heutigen Charakter als Gemeinde im ländlichen Raum zu erhalten. Auch wenn die Richtplanung die zukünftigen Entwicklungsschwerpunkte eher in den Zentren sieht, bieten sich für Fischingen daraus auch Chancen. Wir haben noch Raum für eine vernünftige Bevölkerungsentwicklung. Es wird darum gehen, unsere Gemeinde als attraktiven Wohnort zu präsentieren. Gleichzeitig müssen wir aber dafür sorgen, dass dem einheimischen Gewerbe reale Entwicklungsmöglichkeiten angeboten werden können. Hier geht es auf Gemeindestufe hauptsächlich darum, bestmögliche Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen und bei Anliegen eine effiziente Behandlung zu gewährleisten.

Arthur Schneider: Mir kommen spontan der Finanzplatz und der Wirtschaftsstandort Schweiz in den Sinn. Die Armeereform erachte ich auch als wichtig. Meiner Meinung nach sollte man beim Milizsystem bleiben. Für die Schweiz wird es auch nötig sein, das Asylantenproblem vernünftig zu lösen. Für Fischingen sehe ich «Wil-West» als grosse Chance. Die Schönheiten der Gemeinde Fischingen müssten stärker hervorgehoben werden, um gemeinsam mit anderen Gemeinden Werbung für das fantastische Naherholungsgebiet zu machen. Der Erhalt des örtlichen Gewerbes ist ebenfalls zentral, um weiterhin Arbeitsplätze und Lehrstellen anbieten zu können. Die Bewohner sollten, im eigenen Interesse, motiviert werden, die Dienstleistungs- und Produktangebote des Dorfes zu nutzen. Fischingen könnte prüfen, vermehrt mit Nachbargemeinden zusammenzuarbeiten und sich zu vernetzen. Sehr wichtig scheint mir, speziell für Fischingen, der Erhalt der Landwirtschaft. Unter anderem weil Landwirte auch als Landschaftsgärtner tätig sind.

Wo sehen Sie in Fischingen Handlungsbedarf?

René Bosshart: Für Personen, die altersbedingt ihr Haus verlassen möchten, bestehen trotz erster Schritte in diese Richtung immer noch wenig Möglichkeiten für einen Verbleib in der Gemeinde. Weiter beschäftigen wird uns das Thema «eine Gemeinde ein Werk». Ich persönliche finde es sehr bedauerlich, dass es hier bisher nicht gelungen ist, trotz grundsätzlichem Konsens, einen Schritt vorwärts zu machen. Im Bereich Infrastruktur sehe ich den Bedarf für eine Sportplatzerweiterung als ausgewiesen.

Und wo sehen Sie Handlungsbedarf, Herr Schneider?

Arthur Schneider: Ich habe keine Lösungen im Ärmel. Handlungsbedarf sehe ich ebenfalls beim Thema «Wohnen im Alter». Aber auch beim Gewerbe. Damit das Gewerbe im Dorf bleibt, sollte die Politik irgendwie helfen, aber ohne sich einzumischen, dass jedes KMU rechtzeitig die Nachfolge regelt. Meine Erfahrungen habe ich im Gewerbe gesammelt und viel profitiert. Ein widerstandsfähiges, robustes Gewerbe hilft einer Gemeinde und umgekehrt. Es ist ein Geben und Nehmen. 

By Margrit Keller