Für das Treffen wählt Santiago Gabriel Vollmar einen «Ort mit der schönsten Aussicht auf Wil». Denn in seiner Freizeit sei er oft beim Wiler Turm. Die Natur sei ein guter Ausgleich zu seinem beruflichen Alltag. Aktuell absolviert er sein letztes Lehrjahr als Informatiker in Zürich – mit Schwerpunkt Applikationsentwicklung. Und weil er den ganzen Tag am PC sitzt, «ist Bewegung an der frischen Luft auch extrem wichtig, um den Kopf frei zu kriegen». Ausserdem sei es beim Wiler Turm immer so idyllisch. Deshalb komme er oft hierher. Dann erzählt der junge Mann mit der Brille und den dunkelbraunen Haarwellen, dass er mittlerweile Pfadileiter ist und bereits als Kind viel Zeit in der Natur verbracht hat. «Es tut nun einmal gut, auch in der Offline-Welt zu sein», führt er weiter aus. Er sitzt auf dem roten Bänkli, dass sich nur wenige Meter vom Wiler Turm befindet und die beste Sicht auf die Äbtestadt bietet.

Mit Jahrgang 2002 ist Vollmar parteiübergreifend der jüngste Wiler Kandidat für die diesjährigen Gesamterneuerungswahlen, die am 27. September stattfinden. Seine Wahlchancen erachtet der 18-Jährige, der auf der Liste der Juso und Jungen Linken steht, nicht als die Besten. In Hinsicht auf die gesamte Liste sei er aber optimistisch. Für ihn sei die Stadtparlaments-Kandidatur eine bereichernde Erfahrung. Es sei für ihn etwas Neues. «Wer etwas verändern möchte, der muss auch etwas wagen», sagt der junge Erwachsene. Überhaupt findet er, dass es im Wiler Stadtparlament eine Durchmischung der verschiedenen Altersklassen brauche. Schliesslich repräsentiere das Stadtparlament das Volk. «Und wir Jungen gehören auch dazu», so Vollmar. 

Das Dilemma mit den sozialen Medien

Ein Thema, dass Vollmar als ausgebildeten Informatiker in spe besonders beschäftigt, sind die Auswirkungen von sozialen Medien und Online-Dienste wie Amazon oder Google. Denn er ist der Überzeugung, dass die Gesellschaft heute in einem Dilemma mit diesen stecke. «Facebook, Instagram, Tik Tok und Co. sind kostenfreie Produkte, die so viele Menschen nutzen», erklärt Vollmar, «dabei sollte man wissen, dass man bei einem Gratis-Produkt oft selbst das Produkt ist». Er selbst nutze aus diesem Grund diese Plattformen so wenig wie möglich. «Fakt ist, so ziemlich alles, was man online tut, gesammelt, permanent gespeichert und missbraucht wird», so der 18-Jährige. Die grösste Gefahr sieht der junge Stadtparlaments-Kandidat darin, dass durch die Nutzung von sozialen Medien, die Meinungsbildung der Menschen stark beeinflusst wird und dass wenige Technologie-Giganten immer mehr Kontrolle über das Leben der Menschen erlangen.

 
Video: Magdalena Ceak

Als Informatiker wolle er in Zukunft dieser Entwicklung entgegenwirken. «Gerade in der Applikationsentwicklung hat man durch die Entwicklung von Alternativen die Möglichkeit, dies zu ändern», ist Vollmar überzeugt. Als Beispiel nennt er ein Projekt, das ihn im Moment beschäftigt: Monero. Bei Monero handelt es sich um eine dezentrale Kryptowährung, die mit dem Bitcoin vergleichbar ist. «Im Gegensatz zu Bitcoin und den Banken, die stark überwacht sind, setzt Monero einen stärkeren Fokus auf die Privatsphäre und Anonymität seiner Nutzer», erklärt Vollmar. Für ihn sei Monero eine ideale Alternative. Bei Monero handle es sich um eine Software, die niemandem gehöre und öffentlich von Freiwilligen entwickelt werde. Das ganze Projekt sei politisch. Schliesslich werde hier mit Hochdruck an einer Alternative zum aktuellen Finanzsystem gearbeitet. Monero könne man aber bereits jetzt nutzen.

Sonnen- und Schattenseiten der Stadt Wil

Für Vollmar ist Wil ein wunderschöner Wohnort, «der aber auch seine Schattenseiten hat». So kritisiert der jüngste Stadtparlaments-Kandidat das Angebot für junge Menschen. Dieses müsse besser und vielfältiger werden. «Und damit meine ich nicht Cafés, in denen wir fünf Franken für einen Kaffee bezahlen müssen.» Ein weiteres Thema, dass dem 18-Jährigen am Herzen liegt: das Klima. In Wil habe man den Klimanotstand ausgerufen, also müsse man jetzt auch aktiv daran arbeiten. «Gerade weil wir jungen Menschen noch eine Weile auf diesem Planeten leben wollen und werden», so Vollmar. Diese Herausforderung sei nicht bewältigt, indem man hofft, dass es irgendwann auf nationaler Ebene gelöst wird. Er meint, dass jede Schweizer Gemeinde und Stadt dieses Problem mitanpacken muss. In Wil müsse man in erster Linie den öffentlichen Verkehr stärken und den Autoverkehr minimieren. Auch mehr Begrünung und öffentliche Gärten würde er gerne sehen.

Hier ist das Porträt des ältesten Kandidaten für das Wiler Stadtparlament.