Nein, für Actionfilm-Liebhaberinnen oder auch Liebhaber war der letzte Anlass der Donnerstags-Gesellschaft im vollbesetzten Singsaal des Oberstufenschulhauses Schützengarten nicht unbedingt das Richtige. Man musste sich einlassen können auf die oft augenscheinlich sehr bedächtigen Gedankenspiele von Joachim Rittmeyer. Er behandelte ein weltbewegendes Thema: Wer nimmt wohl die letzte Süssigkeit vom Teller? Aber eigentlich ging es den ganzen Abend um die Frage: Was ist Kultur?No Signal?
Eine riesige Leinwand mit dem vielsagenden Text „No Signal“ empfing das Publikum. „Wenn das nur kein Omen für den Abend ist!“, wurde hier und dort geraunt. Schliesslich ist genau diese Ansage bei Referierenden an Informationsabenden das absolute Schreckgespenst, heisst doch „No Signal“ auch „No Vortrag“, weil dann weder Powerpoint-Folien gezeigt oder Filmchen abgespielt werden können. Und so fragte sich auch Rittmeyer gleich ziemlich zu Beginn: „War’s das jetzt?“, dabei schritt er immer wieder über die ganze Bühne, die extra mit Elementen vergrössert worden war, mit nachdenklicher Miene.

Schenkelklopfende Comedy ist nicht Rittmeyers Art, sondern es sind die kleinen Dinge des Lebens, die er genauer beleuchtet und die dadurch grösser und wichtiger werden. Man kann darüber lachen, aber dahinter steckt immer eine gesellschaftskritische Botschaft. Was zeichnet sie aus? Ist es das jetzt? Oder ist etwas ganz Anderes gemeint?

Experiment
Zu Beginn gab es wirklich komische Zeichenfolgen und farbige Schachbrettmuster zu sehen. Der Kabarettist erklärte nun den Zweck des Abends. Er habe eine Theorie erstellt, wie lange es gehe, bis nach dem vorletzten Stück das letzte Stück eines Tellers voll Gebäck oder Pralinés wohl verschwunden sei. Ja, sogar, ob sich überhaupt jemand getraue, dieses letzte Stück wegzunehmen. Dafür hatte er sogar eine Formel errechnet. Mit in der Runde waren auch Figuren aus den letzten 19 Programmen, nämlich Hanspeter Brauchle, Theo Metzler und Jovan Nabo.

Dabei verwies er auf seine – unsichtbar bleibenden – amerikanischen Gäste, für welche er manchmal übersetzen müsse, was er auch immer mal wieder im Lauf des Abends machte. Das ganze Experiment zeige er als Live-Übertragung an einem Nachtessen von Freunden, die von der Decke herunter gefilmt würden, und zwar in den USA.

Ist das jetzt schon Kunst?
Das Publikum wurde angewiesen, das Handy auszuschalten. Dann liess sich Rittmeyer über die Seuche der „Lip-Reader“ aus, diese Apparätchen, die auch auf weite Entfernungen erlaubten, Gespräche von Menschen zu verstehen. Und natürlich zeigte er auch gleich, wie das gehe. Allerdings könne manchmal auch etwas völlig Falsches verstanden werden. Wer meine, verstanden zu haben: „Gott ist nah zum Jubel“, habe möglicherweise nur ein „Goht’s no, du Tubel“ abgelesen… Darum würden auch manche Menschen nur noch mit verdecktem Mund durch die Gegend spazieren.

Museumswärter
Museumswärter scheint für manche Menschen ein erstrebenswerter Beruf zu sein, denn da bekommt man eine schmucke Uniform und ist Herr über ganz viel Kulturgut. Scheinbar hat dies auch Rittmeyer einmal ins Auge gefasst, denn er erzählte davon, wie spitzbübisch er sich schon hie und da habe freuen können, wenn jemand meinte, das aus der Wand hängende Kabel gehöre möglicherweise zur Kunstinstallation. Beim Austritt aus dem Amt habe er die Uniform geschenkt bekommen und sei seither für Fragen aller Art empfänglich. Auch im Laufe des Abends gab es immer mal wieder eine Anspielung an seinen Traumberuf „Museumswärter“.

Einbezug verschiedener Medien
Um weniger erklären zu müssen, hätte der Kabarettist gerne Audioguides – diese Kopfhörer in Museen, Schlössern und religiösen Prachtsbauten – auf den Stühlen gesehen. In einer grossen, auf der Bühne wie absichtslos deponierten Kartonschachtel zog er darauf eingepackte Kopfhörer und unmontierte Käbelchen heraus. Dies verleitete ihn zu der Aussage, heute gehöre das zum Konzept. Der Kunde solle immer das letzte Stück noch selber fertigstellen. Irgendwann hörte man auch „per Telefon“ eine der bekannten Figuren Rittmeyers, Theo Metzler, der sich mit Hanspeter Brauchle - dem „Reiseführer“ durch den Abend - austauschte.

Philosophische Fragestellungen
Immer wieder tauchten Tücken des Alltags in Rittmeyers Überlegungen auf. Dabei mutete er seinem Publikum auch einiges zu. Plötzlich wechselte er von einer Figur zu einer andern, sprach als Hanspeter Brauchle, war irgendwann der sehr osteuropäisch angehauchte Jovan Nabo mit slawischem Akzent. Man musste sehr gut aufpassen, dass einem noch klar war, wo in der Geschichte man stehe. Einen Vorteil hatten jene Personen, die schon verschiedene seiner mittlerweile 20 Programme besucht hatten und deshalb die Kollegen Brauchle, Metzler und Nabo bereits erlebt hatten. Sonst stolperte man halt als Mensch im Publikum mit ihm durch die verschiedenen Geschichten, die teilweise so richtig hintergründige Gedanken enthielten.

Film mit wenig „Action“
Eigentlich hätte das Experiment ja beim Dessert anfangen sollen. Aber bei der ersten Schaltung über den Teich – von Rittmeyer argwöhnisch beäugt auf seinem geheimnisvollen Regiemonitor – war die Runde erst beim Salat. Man sah nie ein Gesicht, nur Hände, die Gegenstände verschoben, mal ein Glas aufnahmen, mal Salatblättchen im Teller hin- und herdrehten. Und gespannt wartete man auf den Augenblick, in welchem das Problem des letzten Stücks demonstriert werden sollte.

Doch erst nach der Pause mit Apéro war irgendwann nur noch ein solch einzelnes Praliné zu sehen. Nun starrte man gebannt so lange auf dieses Stück, bis einem das Wasser im Mund zusammenlief. Plötzlich war es jedoch – schwuppdiwupp! – weg, einfach weg! Dabei hatte Rittmeyer – oder war es etwa Brauchle? - doch eine exakte Berechnung angestellt, wie lange es dauere, bis das letzte Stück wirklich weg sei, sogar die Stoppuhr hatte er bemüht.

Ganz praktische Tipps
Rittmeyer erklärte im Laufe der Geschichten ziemlich umständlich, wie man Wanderschuhe kaufen solle, ohne dass die Füsse in einem Blutmassaker enden müssten. Brauchle meine: „Du musst lange genug herumgehen im von dir ausgelesenen Schuh, sonst bezahlst du den Preis dann auf 2‘000 Meter!“ Allerdings hatte da besagter Käufer übertrieben, war so lange in den neuen Schuhen herumgetappt, bis er so müde war, dass er hinfiel und einschlief. Niemand bemerkte dies, das Personal verliess das Haus, das Licht wurde gelöscht.

Dummerweise gab es auf dem WC Probleme – kein Papier. Um die nächsten Benutzer zu warnen, stülpte er irgendwann das leere Kartonröllchen aussen über die Türfalle. Das hätte er besser nicht getan, denn jetzt kam die Drogenfahndung. Man weiss ja nie, was für ein Zeichen mit so einem Röllchen gegeben werden kann. Und schon kam die nächste Katastrophe.

Picture-Delete-Support und „Ufbruchete“
Auch die Unmenge an ungeschauten Fotos auf Handys oder PCs wurde zu einem Ausflug ins Absurde. Bei der Frage eines Kunden nach seinen Qualifikationen als Bilder-Löscher musste er zugeben, dass er keinerlei Ausbildung punkto Fotografie habe.

Rittmeyer gab auch praktische Hinweise, wie zu viel eingekaufte Vorräte sinnvoll verwendet werden könnten. Man könnte eine sogenannte „Ufbruchete“ veranstalten, alle schon aufgetauten oder ablaufenden Lebensmittel zu einem feinen Menü verarbeiten und das Ganze in einer grossen Runde verspeisen. Man könne aber auch „abgelaufene“ Freundschaften entsorgen – „deleten“ -, wenn man beispielsweise zwei Jahre keine Weihnachtskarte bekommen, selber aber eine geschrieben habe.

Im Alltag kann die Zuhörerschaft nun die gehörten Gedanken und Rezepte auf ihre Tauglichkeit prüfen – oder sich einen der alten Sketche unten im Kasten zu Gemüte führen und darüber schmunzeln.


Donnerstags-Gesellschaft Oberuzwil

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