Regierungsrat Fredy Fässler ist seit dem 1. Juni 2017 für ein Jahr Präsident des Ratsgremiums. Mit vielen Fragen zu Themen, die den Leuten unter den Nägel brennen, ist er im Kanton unterwegs. In Oberuzwil war er zu Gast in der Moschee. Drei junge Leute muslimischen Glaubens liessen sich auf dem Podium auf seine Fragen ein. Viele Gäste verfolgten die Diskussion und konnten im Anschluss selber Fragen stellen. Der ganze Anlass war von einer grossen Ernsthaftigkeit und einem klaren Willen geprägt, etwas von sich preiszugeben zugunsten grösserer Sichtbarkeit in der Region. Motto für das Präsidialjahr
„Was macht das Fremde mit mir?“ Zu dieser Frage sind bereits verschiedene Anlässe im Kanton über die Bühne gegangen. Regierungspräsident Fässler wollte mehr zum aktuellen Thema „Leihmutterschaft“ erfahren, traf sich mit Menschen, die sich in ihrem offensichtlichen Geschlecht nicht wohlfühlen - sogenannte Trans- oder Intersexmenschen - oder stellte sich dem drängenden Problem „Demenz – wenn die Liebsten zu Fremden werden“. Ihm war es wichtig, die Anliegen von jungen Asylsuchenden aus Eritrea zu erfahren und er wollte mehr wissen über das Thema „Künstliche Intelligenz – Mensch versus Maschine“. Auch das Thema „Islam“ liegt – gerade auch durch die in der Region laufende Aktion gegen die Einbürgerung eines seit 20 Jahren in der Ostschweiz lebenden Imans – vielen schwer auf. Der Mann wurde unterdessen nun durch das Wiler Parlament eingebürgert.

Begrüssung
Regierungspräsident Fredy Fässler griff in seinen Begrüssungsworten drei Ereignisse auf, die ihn sprachlos gemacht hätten. Das habe ihn auch dazu bewogen, sich diesen Problemkreisen zu stellen. In Amden erlebte er eine hasserfüllte Diskussion rund um eine geplante Asylbewerberunterkunft. Dass man ihn beschimpft habe, gehe ja noch, er sei schliesslich Politiker, und die müssten so etwas halt aushalten. Dass aber auch die Nonnen, welche das Haus vermieten wollten, derart rüde behandelt worden seien, das habe ihm schon zu denken gegeben. Auch das heimlich organisierte Rockkonzert in Unterwasser mit rund 5000 Neonazis habe ihn aufgewühlt. Und schliesslich habe ihm ein langjähriger Freund offenbart, dass er sich seit Langem als Frau fühle und nun auch als solche leben wolle. Fässlers grosse Frage: „Wie geht man mit solchen Situationen um?“

Gang durch die Moschee
Vor dem Podiumsgespräch mit anschliessender Diskussion richtete Önder Günes, Vize-Präsident der Schweizerischen Islamischen Gemeinschaft, einige Worte an die Gästeschar und lud sie auf einen kurzen Rundgang durch das Haus ein. Von aussen ist das Gebäude nicht als religiöses Zentrum erkennbar. Innen gibt es auf zwei Stockwerken verschiedene grössere und kleinere Räume, so mit wunderschönen Teppichen ausgelegte Gebetsräume, dazu Unterrichtszimmer und auch eine Art Mensa mit einer kleinen Küche. Im Kellergeschoss ist nebst der üblichen Infrastruktur für Heizung und dergleichen auch eine Parkgarage für acht Fahrzeuge eingebaut. Die Moschee wird regelmässig von 80 – 90 Menschen muslimischen Glaubens besucht. In Oberuzwil wird hauptsächlich Türkisch gesprochen, daneben natürlich auch viel Deutsch. Da der Koran ursprünglich in Arabisch geschrieben wurde, wird auch diese Sprache gelehrt, in Wort und Schrift.

Religiöser, aber auch gesellschaftlicher Treffpunkt
In der Moschee werden auch Kinder aller Altersstufen in religiösen Belangen unterrichtet, es gibt zudem deutsche Sprachkurse und Bazaare mit türkischen Spezialitäten. Dazu sind auch Aussenstehende herzlich eingeladen. Jede Person muslimischen Glaubens kann in jeder Moschee auf der Welt ein- und ausgehen. Auch zum Thema Reklamationen nahmen die Moschee-Verantwortlichen Stellung. Es gebe bei ihnen, wie in jeder Gemeinschaft, leider immer auch solche, welche sich nicht an die Regeln bezüglich Lärm ausserhalb des Gebäudes, Parkieren usw. halten würden. Da könne man noch so oft darauf hinweisen…

Podiumsgespräch
Der Präsident der Islamischen Gemeinschaft Oberuzwil, Osman Koçac, hatte die Mitwirkenden des Podiumsgesprächs sorgfältig ausgelesen. Zwei junge Frauen - mit Kopftuch - sowie ein junger Mann standen Red und Antwort. Alle drei sind sehr gut ausgebildet. Lejla Medii hat an der HSG einen Master erworben und arbeitet bei der KESB Rheintal als Juristin. Sie kam erst mit 17 Jahren aus Mazedonien in die Schweiz.

Hicret Osma ist erst in der Türkei, später in Niederuzwil aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Sie arbeitet heute als Biotechnologin in einer Firma mit tibetischen Heilmitteln. Ihre Mutter gehört zu einem Dutzend Frauen, die sich regelmässig um die Kinder kümmern und lehrt aus dem Koran. Aus Weinfelden kommt Adem Kujovic, ein Lebensmitteltechniker HF und Mitglied der Moschee Bürglen. Seine Familie lebt bereits in dritter Generation hier in der Schweiz. Alle drei Personen sprechen ausgezeichnet Schweizerdeutsch und fühlen sich der hiesigen Gesellschaft zugehörig.

Kopftuch als Zeichen der eigenen Identität
Natürlich konnte die Frage nach dem Kopftuch nicht ausbleiben, nach diesem sichtbaren Zeichen der Religionszugehörigkeit. Die beiden Frauen verwahrten sich dagegen, dass dies einfach ein Symbol sei. Es gehöre zu ihrer Identität. Und es sei sehr mühsam, wenn man ihnen deshalb das persönliche Denken ungefragt abspreche. Juristin Medii hat sogar erlebt, dass ihr ein Anwalt einmal den in der Schweiz üblichen Handschlag verweigert hat – eine Art Umkehr der Diskussion um solches Verhalten durch muslimische Schüler. Das Anfreunden mit dem Kopftuch war bei ihr ein jahrelanger Prozess.

Erst nur kulturelles Accessoire…
Für Hicret Osma war das Kopftuch in frühen Jahren einfach ein kulturelles „Accessoire“ und wurde erst später zum religiösen Kleidungsstück. Ursprünglich hatte sie Lehrerin werden wollen, erkannte aber schon früh, dass dies mit dem Kopftuch schwierig werden könnte. An ihrem jetzigen Arbeitsplatz ist dies kein Problem. In der Kantonsschule habe eine Lehrerin jedoch geargwöhnt, sie müsse das Kopftuch wegen ihrer Eltern tragen.

Einbringen in die Gesellschaft
Adem Kujovic betonte, wie wichtig ihm der Glauben sei, dass dies aber nicht ihn als ganzen Menschen ausmache. Er engagiert sich sehr stark in der Jugendarbeit. Auf die Frage, ob die Gebetszeiten nie ein Thema seien während der Arbeit, verneinte er. Er könne das sehr gut vereinbaren. Kollegen machten eine Rauchpause, er verrichte sein Gebet. Zudem könne er das erste Gebet meist noch zuhause sprechen. Doch habe er sich bei der Stellensuche schon auch hie und da überlegt, ob er seine Religionszugehörigkeit offenlegen wolle. Jeder Mensch sei ein Individuum und habe verschiedene Facetten. Gespräche „über“ eine Menschengruppe wirkten wie eine Entmündigung. Am wichtigsten sei der Dialog.

Reizthemen „Klassenlager“ und „Schwimmunterricht“
Wie es denn mit Klassenlagern stehe, wollte Fredy Fässler wissen. Hicret Osma findet, das sei eine tolle Sache und unbedingt mitzumachen. Nirgends sonst könne man so viele lustige und schöne Erinnerungen mit ins Erwachsenenleben mitnehmen. Auf eine Frage aus dem Publikum nach dem Umgang mit dem Schwimmunterricht meinten die jungen Leute: Auch Schwimmen gehöre ganz selbstverständlich zum Schulunterricht, sei sogar im Koran als erstrebenswerte Fähigkeit aufgeführt. Und für Mädchen gebe es ja bei Bedarf auch eine spezielle Badebekleidung, ein sogenanntes Burkini.

Umgang mit Anfeindungen
Fässler fragte die Podiumsteilnehmenden weiter nach schwierigen Begegnungen im öffentlichen Raum. Die zwei Frauen haben einen persönlichen Umgang mit Anfeindungen gefunden. So sei es doch ganz praktisch, im Zug oftmals ein ganzes Abteil nur für sich allein zu haben, meinte Hicret Osma. Aber dumme Bemerkungen und schräge Blicke gebe es doch immer mal. Die Strategie laute da: Ignorieren und nicht persönlich nehmen. Es kränke einzig, wenn die fachliche Kompetenz wegen des Kopftuchs in Frage gestellt werde. Insgesamt fanden aber alle drei auf dem Podest, dass sie sich besser akzeptiert fühlen würden als vor einigen Jahren. Immerhin leben um 400‘000 Menschen mit muslimischen Wurzeln in der Schweiz, wobei lange nicht alle diesen Glauben auch wirklich praktizieren, nicht anders als auch in andern Religionsgemeinschaften.

Gastfreundschaft als Gebot
Der Koran verlangt – genau wie auch die Bibel – von den Gläubigen, gastfreundlich zu sein und Fremde zu verköstigen. So durften nach dem interessanten Podiumsgespräch und der Fragerunde aus dem Plenum sich alle an Getränken und feinen türkischen Spezialitäten erfreuen. Noch lange blieben viele Gäste im Gang stehen und unterhielten sich mit Mitgliedern der Islamischen Gemeinschaft. Mit solchen Anlässen werden Vorurteile und Ängste abgebaut. Im besten Fall hilft das Fremde zum Überdenken eigener Lebensentwürfe.

Ehrenamtlichkeit wird grossgeschrieben
Viele Menschen engagieren sich in der Moschee ehrenamtlich. Die von Zeit zu Zeit angebotenen Bazaare für die Öffentlichkeit, an denen man gegen Bezahlung essen kann, bringen jedoch etwas Geld in die Kasse. Der Unterhalt des Gebäudes kostet. Alle Mitglieder packen deshalb bei anfallenden Arbeiten mit an und stärken so den Zusammenhalt.


Hier gibt es Angaben zur „Kantonstour“ von Regierungspräsident Fredy Fässler.

Veranstaltungen mit Regierungspräsident Fredy Fässler

Zum Auftakt der ganzen Gesprächsreihe sprach Regierungspräsident Fredy Fässler mit der bekannten Psychologin Verena Kast über das, was „das Fremde“ mit uns macht. Das spannende Gespräch können Sie unter folgendem Link nachhören.

Gespräch mit Verena Kast

Wer mehr zu den Glaubensinhalten des Islams erfahren möchte, kann sich auf den beiden folgenden Links informieren.

Information über den islamischen Glauben

Dachverband islamischer Gemeinschaften Ostschweiz