«Für die kleinsten baulichen Eingriffe, die einen Nachbarn beeinträchtigen könnten, braucht es heute ein Baubewilligungsverfahren mit Einsprachemöglichkeit», sagt der Wiler Rechtsanwalt Raphael Fisch. «Da kann es nicht sein, dass mein Mandant aus der Zeitung erfahren muss, dass die Gemeinde Uzwil aus einem ruhigen Altersheim ein Asylzentrum schaffen will, und das in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Klinik und innerhalb eines Monats.» Mandant ist der Gynäkologe Hossein Schams, Inhaber der Thurklinik. Sein Anwalt hat noch vor Weihnachten bei der Gemeinde Uzwil eine schriftliche Eingabe gemacht und fordert darin, dass «für die beabsichtigte Umnutzung der Liegenschaft (...) das ordentliche Baubewilligungsverfahren durchzuführen» sei. Bis zum rechtskräftigen Abschluss sei ein Benützungsverbot zu erlassen, wie das in Fällen ohne bestehende Baubewilligung üblich sei.

Begründet wird die Forderung damit, dass mit der Umnutzung eine Verdoppelung der Kapazität erfolgt. Wo bisher maximal 58 betagte Menschen ein beschauliches Leben führten, sollen jetzt bis zu 116 Menschen untergebracht werden, vor allem junge Männer aus Afghanistan. «Das ist eine massive Änderung der Nutzung, was auch bauliche Konsequenzen haben muss, wie etwa die Erweiterung der Infrastruktur oder die Schaffung von Fluchtwegen», sagt der Rechtsanwalt. Dazu komme, dass die Thurklinik als unmittelbare Anstösserin bei so wenig Vorlaufzeit keinerlei Möglichkeit gehabt habe, eigene Massnahmen bezüglich Betriebskonzept, Lärmschutz oder Sicherheit zu ergreifen. «Das ging alles viel zu schnell und ohne vorgängige Absprache», sagt der Anwalt.

«Unsere Einsprache richtet sich nicht gegen die Menschen, die dort einziehen sollen», betont Jasmin Schams, Vertreterin des Inhabers der Thurklinik, und ergänzt: «Mein Vater kommt aus dem Iran, dem Nachbarland von Afghanistan.» Doktor Hossein Schams, der die Klinik schon 1997 übernommen hatte, ist gerade kürzlich wieder in sein Heimatland gereist und hat medizinisches Equipment und Medikamente gebracht: «Wir haben ein grosses Herz für die notleidenden Menschen in Persien», sagt die Tochter.

Wenig Verständnis hat die Familie Schams aber für die Behörde von Uzwil, und da vor allem für den Gemeindepräsidenten Lucas Keel. «Mein Mandant fühlt sich überrumpelt und vor vollendete Tatsachen gestellt», sagt Anwalt Raphael Fisch. «Es ist ein offenes Geheimnis in Uzwil, dass beide Parteien Interesse am ehemaligen Altersheim haben, das früher ja ein Teil der Klinik war.» Die Thurklinik möchte eine Erweiterung ihres medizinischen Angebotes zu einem regionalen Gesundheitszentrum realisieren, die Gemeinde mittelfristig ein Schulhaus. Noch etwas Weiteres erstaunt den Rechtsanwalt in diesem Fall: «Man erlebt es doch selten, dass eine Gemeinde von sich aus auf den Kanton zugeht und diesem ein Asylzentrum anbietet; die meisten wehren sich dagegen.»

Ausserdem beanstandet der Anwalt des Klinikinhabers in seinem Schreiben, dass der Uzwiler Gemeindepräsident in einer Doppelrolle auftritt: «Keel war früher Präsident des Zweckverbandes Seniorenzentrum Uzwil, Grundeigentümer des Altersheims Marienfried. Sein Stellvertreter im Gemeinderat, Ruedi Müller, ist aktuell Präsident des Zweckverbandes.» Da bestehe ein Interessenkonflikt, weshalb in der Eingabe verlangt wird, dass die beiden in ihrer Funktion als Präsident und Vizepräsident der Baukommission in den Ausstand treten.