Für den Richter war der Sachverhalt klar: Der Hauptangeklagte hatte einen Mann beim Hof Lochermoos in Ganterschwil aus nächster Nähe mit mehreren Schüssen richtiggehend hingerichtet – und danach «zur Sicherheit» auch noch mit einem Messer brutal zugestochen. Damit schaffte er in einer komplizierten Dreiecks-Beziehung seinen Nebenbuhler aus der Welt. Während des Prozesses hatte der Mann allerdings via Anwalt stets bestritten, der Täter zu sein (siehe Artikel unten). Er verdächtigte seinen Komplizen, welcher vom Kreisgericht Toggenburg wegen Beihilfe zu Mordes – er hatte den Haupt-Angeklagten nach Ganterschwil gefahren – zu vier Jahren Haft verurteilt worden war.

Doch das letzte Wort ist in diesem Fall noch nicht gesprochen. Denn beide Verurteilten zogen den Fall an die nächsthöhere Instanz, das Kantonsgericht, weiter. Dies berichtet das St. Galler Tagblatt am Dienstagnachmittag in seiner Online-Ausgabe. Somit muss der Fall noch einmal neu aufgerollt werden.

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Das Urteil das Kreisgerichts Toggenburg (23.3.20)

Für das Kreisgericht Toggenburg ist klar, dass sich der Sachverhalt so abgespielt hat, wie er angeklagt war. Will heissen: Ein 34-jähriger Nord-Mazedonier hat im Früherbst 2015 auf dem Hof Lochermoos bei Ganterschwil im Rahmen einer komplizierten Dreiecks-Beziehung seinen «Nebenbuhler» eiskalt erschossen – und zwar aus nächster Nähe. Das Gericht stützt sich auf Aussagen des Mitbeschuldigten, der Privatklägerin und von weiteren Personen. Der Nord-Mazedonier hatte im Vorverfahren eine andere Version präsentiert und wollte den Mit-Angeklagten zum Täter machen. Dies bezeichnet das Gericht in der Urteilsbegründung als «haltlose und absurde Lügengeschichten». Die Tat zeuge von einer «aussergewöhnlichen Kaltblütigkeit und Grausamkeit», da der Mann nach der Schussabgabe auch noch ein Messer aus dem Auto geholt und auf das am Boden liegende Opfer eingestochen habe.

Der Nord-Mazedonier wird zu einer Freiheitsstrafe von 19 Jahren verurteilt. Zudem muss er der Privatklägerin eine Genugtuung von 40'000 Franken und knapp 12'000 Franken Schadenersatz bezahlen. Davon entfallen allerdings «nur» vier Fünftel auf ihn. Den letzten Fünftel muss der Mit-Angeklagte berappen, der ebenfalls an der Tat beteiligt war und vom Kreisgericht Toggenburg auch verurteilt worden ist. Und zwar wegen Gehilfenschaft zu Mord. Er chauffierte den Haupt-Täter nach Ganterschwil, obwohl dieser den Mord angekündigt hatte. Der Mit-Täter, ein Schweizer, wird zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren verurteilt sowie zu einer bedingten Geldstrafe von 7200 Franken.

Die beiden Urteile sind nicht rechtskräftig, da die Berufungsfrist noch nicht verstrichen ist.

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Zweiter Verhandlungstag vor Kreisgericht (5.3.20)

Nachdem am Dienstag im Kantonsgericht St. Gallen unter grossen Sicherheitsvorkehrungen die Verhandlung des Kreisgericht Toggenburg im Ganterschwiler Mordfall begann, wurde der Prozess nun am Donnerstag mit dem Plädoyer des Staatsanwaltes fortgesetzt. Die Staatsanwaltschaft, welche für den Hauptangeklagten, einen 34jährigen Mazedonier, 20 Jahre und für dessen Schweizer Gehilfen 7 Jahre Haft forderte, bezeichnete den Hauptangeklagten als Mann, der im September 2015 den Mord «kaltblütig geplant» und «besonders skrupellos schnell durchgezogen» habe. Ohne ein Wort zu sagen, sei er aus dem Auto gestiegen und habe rasch und unvermittelt aufs Opfer geschossen. «Das Ganze passierte innert Sekunden. Das Opfer hatte keine Chance zu fliehen. Das Vorgehen glich dem einer Hinrichtung und war ein reiner Vergeltungs- und Beseitigungsakt», fasste der Staatsanwalt zusammen.

Die Anklage schilderte den Haupttäter als einen «Lügner», der «empathielos» sei, habe er doch gegenüber Mitgefangenen damit geblufft, dass er noch mehr Schüsse abgegeben hätte, wenn das Magazin nicht bereits leer gewesen wäre. Auch habe der Haupt-Angeklagte der Untersuchungsbehörde Lügen und eine abenteuerliche Tatkomplott-Theorie aufgetischt, die nur darauf abgezielt habe, seinen Mitttäter und seine Ex-Geliebte zu belasten und ihnen den Mord in die Schuhe zu schieben.

Ins Bordell statt zur Polizei

Aber auch der Schweizer Mit-Täter, der sich am ersten Prozesstag selbst als Opfer des Haupt-Angeklagten bezeichnete, kam bei der Anklage schlecht weg. Der Staatsanwalt führte zahlreiche Zeugenaussagen an, welche darauf hinwiesen, dass zwischen dem Mazedonier und dem Schweizer kein Abhängigkeitsverhältnis bestanden habe, sondern dass sie zumindest «gute Kollegen», wenn nicht «sogar Freunde» gewesen seien. Dafür spreche auch das Verhalten des Schweizers nach der Tat. Denn auf der Flucht sei er, nachdem der Mazedonier mit seinem Bodyguard zu zweit wegfuhr, nicht zur Polizei gefahren, um den Mord zur Anzeige zu bringen. Vielmehr habe er sich später mit dem Mörder in einem Club getroffen, wo sie gemeinsam die Dienste von Liebesdienerinnen beansprucht hätten und auch zusammen verhaftet wurden. Hier, so der Staatsanwalt, habe der Schweizer die Chance verpasst, «sich aus dem ganzen rauszunehmen. Er hätte «einfach zur Polizei gehen und die Aussage machen müssen.»

«Die Akte ist völlig einseitig konstruiert»

Dies sah dessen Verteidiger völlig anders. Sein Mandant sei ein «willenloses Werkzeug» des Haupt-Angeklagten gewesen – und deshalb freizusprechen. Tatsächlich sei sein leicht zu beeinflussender Mandant vom Haupt-Angeklagten abwechslungsweise mit Schlägen, der Rückzahlung der 150‘000 Franken «Schulden» und sogar mit dem Tod bedroht worden. Nebst einem Freispruch verlangte der Verteidiger für den Schweizer noch eine Entschädigung von 18‘600 Franken für die 93 Tage U-Haft.

Die Verteidigung des Haupt-Angeklagten hielt an den Anträgen – Freispruch und Schadenersatz von 500‘000 Franken – fest, und erneuerte den Vorwurf, dass der Mandant von der ersten Verteidigerin völlig unzureichend vertreten worden sei. «Die Akte wurde völlig einseitig konstruiert», ärgerte sich der Verteidiger des Hauptangeklagten und fragte: «Was wäre gewesen, wenn mein Mandant von Anfang an so gut verteidigt worden wäre wie der Mit-Angeklagte?» Das Verfahren sei aufgrund von verschiedenen, gravierenden Versäumnissen der ersten Verteidigerin sofort einzustellen.

Klägerin fürs Leben traumatisiert?

Der Anwalt der Lebenspartnerin des Opfers forderte für die Klägerin eine Genugtuung von 45‘000 Franken sowie 188‘000 Franken Schadenersatz. «Wer so etwas nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie traumatisch es ist, wenn der Lebenspartner einfach hingerichtet wird. Und dass sich die beiden nachher im Bordell vergnügten, ist an Zynismus nicht zu überbieten. Die Frau wird ihr Leben lang traumatisiert bleiben. Heute geht es ihr nicht gut, aber den Umständen entsprechend versucht sie sich im Leben zu halten», so der Anwalt.

Der Richter erklärte am Ende der Verhandlungstages, dass das Gericht den Parteien bis Mitte März mitteilen werde, ob es aufgrund der diversen Zweifel der Verteidigung zu einer Wiederaufnahme des Beweisverfahrens komme oder ob es zeitnah ein Urteil fällen werde. Auch wurde offengelassen, ob ein allfälliges Urteil öffentlich oder schriftlich eröffnet werden wird.

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Erster Verhandlungstag vor Kreisgericht (3.3.20)

Wer erschoss den Mann in Ganterschwil, bei dem es sich laut Anklageschrift um den Nebenbuhler des Hauptanklagten handelte? Mit dieser Frage beschäftigt sich dieser Tage das Kreisgericht Toggenburg. Aus Sicherheitsgründen findet der unter hohen Sicherheitsvorkehrungen geführte Prozess jedoch nicht in Lichtensteig, sondern am Kantonsgericht in St Gallen statt. Der Staatsanwalt fordert für die beiden Angeklagten wegen Mord, bzw. Gehilfenschaft dazu 20 bzw. 7 Jahre Haft. Der Prozess wird am Donnerstag mit dem Plädoyer des Staatsanwaltes fortgesetzt werden.

Am Dienstag beanspruchten vor allem die Verteidiger des Hauptanklagten Mazedoniers die «Bühne» im Gerichtssaal für sich. Gleich zu Prozessbeginn stellten sie doch nebst zehn Beweiseinträgen, die vom Gericht am Nachmittag nach eingehender Beratung abgelehnt wurden, den Antrag, das Verfahren einzustellen. Ihr Mandant sei freizusprechen und ihm eine Genugtuung von einer halben Million Franken plus Zinsen zu bezahlen. Die hohe Summe berechne sich aus dem Tagessatz von 300 Franken und der Tatsache, dass der Angeklagte seit dem 10. September 2015 in Haft sitze. Der Verteidiger erklärte, dass im Grunde genommen beide Angeklagten sich gegenseitig beschuldigten. Man habe beim Mittäter, einem Schweizer, auch Schmauchspuren, wie sie nach einem Schuss vorkämen, an der Kleidung vorgefunden. Ins Gefängnis habe jedoch nur der Hauptangeklagte müssen. Der Staatsanwalt konterte etliche der Aussagen.

«Er hat öfters gesagt, dass er mich umbringt»

Reden wollte der Hauptangeklagte auch vor den Schranken des Gerichts nicht. Ganz anders der Mit-Angeklagte, welcher nach 93 Tagen aus der U-Haft entlassen wurde und seitdem wieder als Taxifahrer arbeitet. Er sei vom Haupt-Angeklagten massiv unter Druck gesetzt worden. Die beiden hatten sich im Juli 2015 bei einem dubiosen Diamantengeschäft kennengelernt. Als dieses fehlschlug – es wechselten fast wertlose Steine gegen Falschgeld die Besitzer –, verlangte der Mazedonier vom arbeits- und mittellosen Schweizer jedoch 150‘000 Franken Schadenersatz. Geld, dass dieser nicht aufbringen konnte. Der Hauptangeklagte habe diese «Schulden» dazu benutzt, ihn fortwährend einzuschüchtern. «Er hat öfters gesagt, dass er mich umbringt», so der Schweizer, «und ich hatte grosse Angst vor ihm». Der Schweizer erledigte für den Mazedonier, welcher selbst keinen Führerausweis besitzt, deshalb diverse Chauffeurdienste und verkaufte ihm seine Militärpistole. «Er sagte mir, dass ich mit dem Verkauf einen Teil meiner Schulden bezahlen könnte. Ich wusste nicht, dass er sie benutzen möchte, um jemanden zu erschiessen», sagte der Mit-Angeklagte vor Gericht.

«Er leerte das Magazin ohne Vorwarnung»

Was er jedoch wusste: Der Haupt-Angeklagte hatte eine grosse Wut auf jenen Mann, den er später erschiessen sollte. Beim späteren Opfer handelte es sich um den alten und neuen Geliebten der ehemaligen Freundin des Mazedoniers. Der mutmassliche spätere Todesschütze habe die Frau heiraten wollen, um in der Schweiz bleiben zu können, so die Anklage. Doch der Mazedonier habe seine Felle davonschwimmen sehen, nachdem er aus dem Haus in Ganterschwil rausgeschmissen worden sei.

Er sei am 9. September 2015 am frühen Nachmittag dazu genötigt worden, den Haupt-Angeklagten nach Ganterschwil zu fahren, sagte der Schweizer. «Ich wollte nicht, aber ich hatte Angst, dass er mich erschiessen könnte. Er sah ihn, stieg aus und leerte das Magazin ohne Vorwarnung. Es war eine Hinrichtung auf offenem Feld», so der Mitangeklagte. Anschliessend habe dieser ein Messer aus dem Auto geholt und dem noch Zuckenden zweimal in die Brust gestochen. Dann flohen beide nach Staad, wo sie sie spätnachts, nach einem Besuch im Bordell, verhaftet wurden. Doch warum hat er sich nicht gegen den Mazedonier gewehrt, als dieser ihn befahl vom Tatort zu flüchten? «Ich war total baff und hatte Angst vor ihm.»

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Vorschau auf die Verhandlung:

Die Anklageschrift erstreckt sich über 21 Seiten und liest sich wie ein Krimi. Es käme jedoch nicht überraschend, wenn viel zu viel davon wahr wäre. Es geht um jenes Tötungsdelikt auf einem Hof im Ganterschwil im Sommer 2015, welches während Tagen für Schlagezeilen im nationalen Blätterwald gesorgt hatte. Glaubt man der Anklageschrift, so hat der Täter – ein Mazedonier – äusserst brutal gehandelt. Zuerst schoss er aus einer Distanz von nur gerade rund drei bis fünf Metern neunmal auf sein Opfer und somit ein ganzes Magazin leer. Weil er danach nicht sicher war, ob der Man wirklich tot ist, holte er ein Messer aus dem Auto und rammte dieses dem Mann in die Brust. Das Opfer verstarb kurze Zeit später noch vor Ort. Der nun Angeklagte konnte gemäss Anklageschrift einige Stunden später festgenommen werden.

Doch warum kam es zu dieser blutigen Tat? Laut der Staatsanwaltschaft steckt ein Beziehungsstreit dahinter. Der Mazedonier, der sich zu jenem Zeitpunkt wegen ausgelaufener Aufenthaltsbewilligung nicht mehr in der Schweiz hätte aufhalten dürfen, ertrug es nicht, von einer in Ganterschwil lebenden Frau abgewiesen zu werden. Denn er wollte sie heiraten, um damit in der Schweiz bleiben zu können. Doch die Frau entschied sich für ihren vormaligen Liebhaber. Als die beiden an einem Juli-Mittag des Jahres 2015 gemeinsam spazierten, ereignete sich die Tat.

Vorwurf: Auch Tankstelle überfallen

Noch weitere Delikte werden dem Mazedonier zur Last gelegt: Zum Beispiel ein versuchter Raub und Körperverletzung in Goldach. Dort soll er vermummt einen Tankstellenshop betreten und Geld gefordert haben. Den Verkäufer schlug er zweimal mit einem mitgebrachten Geissfuss, ehe er das Unterfangen «Gelderbeutung» abbrach. Zudem soll er während den Ermittlungen seinen Mittäter bezichtigt haben, Haupttäter zu sein. Dies alles ist freilich die Sicht der Staatsanwaltschaft, welche für den Mazedonier eine Haftstrafe von 20 Jahren fordert. Wie es wirklich war, hat des Kreisgericht Toggenburg zu klären.

Bei der Verhandlung muss sich noch eine zweite Person verantworten. Es handelt sich um einen Schweizer, der Mittäter gewesen sein soll. Er habe den Mazedonier nach Ganterschwil gefahren. Und zwar im Wissen, dass dieser eine Person umzubringen gedenkt. Für den Mittäter fordert die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren. Für die beiden Angeklagten gilt bis zu einem allfälligen rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung.