«In Bezug auf die Frauenrechte hat sich in den letzten Jahrzehnten zwar einiges getan», sagte Barbara Gysi, Nationalrätin und Vize-Präsidentin der SP Schweiz, während der Podiumsdiskussion, die im Rahmen des Wiler Tags der Frau organisiert wurde. «Aber die Liste ist noch lang», betonte Gysi. Wie lange diese Liste wirklich ist, zeigten die Erfahrungen der fünf Teilnehmerinnen des Podiums, das von der Wiler Schriftstellerin Bettina Scheiflinger moderiert wurde, deutlich auf. So erklärte Susanne Alfermann, leitende Bankangestellte und Mutter, warum eine Frauenquote in Führungspositionen eingeführt werden muss: «Es muss Vorbilder geben, die Frauen ermutigen und stärken».

Dieser Ansicht ist auch Nationalrätin Gysi. «Wir Frauen müssen uns gegenseitig unterstützen und uns den Rücken stärken», sagte sie, «das können wir aber nur, wenn es an der Spitze auch genügend Frauen hat». Als Einzelkämpferin habe man wenig Chancen. Und da sprach Gysi besonders aus ihren Erfahrungen: «Ich habe es an politischen Diskussionsrunden selbst erfahren. Männer kommen meistens länger zu Wort reden und wir Frauen werden deutlich mehr unterbrochen».

Junge Väter wollen Teilzeit arbeiten

Ein grosses Thema des Abends: die Lohngleichheit. Und da waren sich alle Teilnehmerinnen einig: Die gleiche Arbeit soll, – unabhängig vom Geschlecht – gleich entlöhnt werden. Davon sei man aber noch weit entfernt, meinten alle Podiums-Teilnehmerinnen. «Erst wenn die Frauen angemessen entlöhnt werden, besteht für ihre Partner die Möglichkeit, dass sie Teilzeit arbeiten und sich so mehr in den Haushalt sowie die Kindererziehung einbringen können», sagte Gysi. Und das sei wichtig. «Die jungen Männer heute zeigen dieses Interesse und wollen ihre Partnerin auch im Haushalt sowie in der Erziehung der Kinder unterstützen», sagte Gysi. 

Dass Männer besser verdienen als Frauen, hat Cinzia Zehnder, die in einer richtigen Männerdomäne zu Hause ist, am eigenen Leib erfahren. Die Fussballerin, die in der deutschen Bundesliga gespielt hat und mittlerweile Medizin in Zürich studiert, hat bedeutend weniger als ihre Kollegen verdient. «Mein Monatslohn war teilweise der Tagessatz meiner männlichen Kollegen», sagte Zehnder offen und ehrlich. Sie sei sich durchaus bewusst, dass viel mehr Leute den Fussball der Männer verfolgen. Diese Tatsache sehe sie zwar nicht als deprimierend. «Aber es ist ernüchternd», führte sie weiter aus. Während Fussballstars wie Cristiano Ronaldo etwa 30 Millionen Franken pro Jahr verdient, kommen weibliche Kolleginnen, die sich auf dem gleichen sportlichen Niveau befinden, finanziell kaum nach. 

Neben der Podiumsdiskussion gab es am Abend des Weltfrauentags auch eine Ausstellung des Wiler Stadtarchivs. Auch da wurde der Fokus auf die Frauen gelegt – stand die Ausstellung doch unter dem Titel «Wiler Frauen im Laufe der Zeit». Im Video von hallowil.ch gibt es einige Impressionen von der Ausstellung und Besucher äusserten sich über die Wichtigkeit des Weltfrauentags – darunter auch auch zwei Männer:

 
Die Ausstellung «Wiler Frauen im Wandel der Zeit» im Wiler Stadtsaal. (Video Magdalena Ceak)

Die Vernetzung ist das A und O

Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das ist ein Thema, das viele Frauen und deren Familien betrifft und schon in den letzten Jahrzehnten für viel Diskussionsstoff gesorgt hat. Eine Situation, die Isabel Dionisio, Wirtin und Mutter, in den letzten Jahren intensiv begleitet hatte. «Ich habe schon immer gearbeitet, weil ich es einerseits wollte und andererseits aus finanziellen Gründen musste», gab sie offen während der Podiumsdiskussion zu. Hinzukam, dass die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder früher begrenzt gewesen seien. Und die, die vorhanden waren, seien viel zu teuer gewesen. «Ich habe mich dann mit mehreren Nachbarinnen zusammengeschlossen und wir haben uns gegenseitig geholfen, die Kinder zu betreuen», erzählte Dionisio, die mittlerweile selbständig ist und mit ihrem Ehemann ein eigenes Restaurant in Wil führt. Dionisio forderte mit klaren Worten: «Es braucht mehr bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten».

Alfermann hat als berufstätige Frau jahrelang gedacht, dass alle gleichberechtigt sind und die gleiche Möglichkeiten haben. «Nach der Schwangerschaft wurde ich eines Besseren belehrt», erzählte Alfermann weiter. Sie sei diskriminiert worden. «Viele Frauen setzen sich mit ihren Rechten erst auseinander, wenn sie Kinder haben und plötzlich mit solchen Themen konfrontiert werden», sagte Alfermann. Doch was kann man tun, um die Situation von berufstätigen Müttern zu verbessern? Eine Frage, die Moderatorin Scheiflinger bewusst in die Runde geworfen hatte. «In erster Linie müssen sich die jungen Frauen besser informieren», meinte Alfermann. Über ihre Rechte. Über ihre Möglichkeiten. Über ihre Chancen. Über ihre Fähigkeiten. Ein weiterer Lösungsansatz ist die Vernetzung. «Frauen müssen sich eindeutig besser vernetzen», meinte Gysi. Männer seien da viel weiter, «denn sie haben ein natürliches Netzwerk». Diese Tatsache habe ein Stück weit auch damit zu tun, dass Männer nicht so viele Hüte tragen würden wie eine Frau, die kaum Zeit für das Netzwerken hat. «Natürlich ist es wichtig, dass wir zusammen mit den Männern vorankommen. Aber trotzdem müssen wir Frauen auch einmal alleine unter uns sein, um unsere Rechte bewusst einfordern zu können», ging Gysi noch weiter ins Detail. 

«Frauen und Männer sollen sich die Aufgaben teilen»

Dass Frauen neben dem Familienalltag auch einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen, ist heute keine Seltenheit. Darüber freute sich Renata Ruggli, pensionierte Lehrerin und Grossmutter, während der Podiumsdiskussion. «Das ist doch schön, wenn sich Frauen und Männer die Aufgaben teilen können», meinte Ruggli, die zusammen mit ihrem Ehemann vor Jahrzehnten nicht das klassische Familienmodell vorgelebt hatte. Während Ruggli ihrer Arbeit als Lehrerin zu 100 Prozent nachging, hatte sich ihr Ehemann rund sieben Jahre um den Haushalt und die Kindererziehung gekümmert. Die Pensionierte betonte aber, dass man nicht gegen das klassische Familienmodell ankämpfen muss. «Es muss einfach für die ganze Familie stimmen», erklärte Ruggli. 

Auch 2020 wird der Frauentag in Wil gefeiert

«Wir sind überwältigt», sagte Marianne Mettler, Mitglied des Organisationskomitees des Wiler Frauentags, noch vor der Podiumsdiskussion. Damit sprach sie den Erfolg der gesamten Veranstaltung an. «Das OK hat mit etwa 40 Besuchern gerechnet», sagte Mettler weiter. Aber mit «einem Andrang in dieser Grösse» hat niemand gerechnet. Ein Grund warum das OK noch am selben Abend verkündet, dass auch nächstes Jahr eine Veranstaltung zum Tag der Frau organisiert wird. Hierfür motiviert Mettler die anwesenden Frauen: «Wir müssen weiter unsere Rechte einfordern und der Tag der Frau ist eine gute Gelegenheit».