Am 10. Oktober ist der Tag der psychisch Kranken. Anlass genug, um einmal darüber nachzudenken, welche «offenen Baustellen» es in der Psychiatrie noch gibt. Wie sieht es beispielsweise mit den hehren Ansprüchen aus, die sich die moderne Psychiatrie selbst auf die Fahnen geschrieben hat? Forderungen wie «keine medikamentöse Therapie ohne Psychotherapie» oder «der Einbezug von Betroffenen und Angehörigen ist für eine erfolgreiche Behandlung von grosser Bedeutung» machen sich gut in den Prospekten der Psychiatrien. Doch werden diese im Klinikalltag auch gelebt?

«Viel zu wenig. Teilweise gar nicht», betont Bruno Facci aus Ganterschwil. Der Vizepräsident der Vereinigung Angehöriger psychisch Kranker Ostschweiz (VASK Ostschweiz) weiss, wovon er redet, verbrachte er doch sein ganzes Berufsleben in der Psychiatrischen Klinik Nord in Wil SG, wo er sich vom Hilfspfleger bis hin zum Pflegedienstleiter und Qualitätsdienstverantwortlichen für die ganze Klinik hocharbeitete. Er kennt die Situation aber auch als Angehöriger eines betroffenen Bruders. Facci bezog nun vor dem Tag der psychisch Kranken Stellung zu den Dingen, die aus seiner Sicht in der Psychiatrie in die falsche Richtung laufen.

Herr Facci, in der Psychiatrie hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles zum Positiven gewandelt. Wo früher geschlossene Anstalten waren, befinden sich heute (halb-)offene Kliniken, teilstationäre und ambulante Einrichtungen. Auch die medizinische Behandlung ist viel besser. Weshalb sind Sie trotzdem nicht zufrieden?
Ja, es hat sich sicher vieles zum Besseren gewandelt, seit ich 1974 als Hilfspfleger anfing. Aber als Angehöriger eines psychisch kranken Bruders und als Vorstandsmitglied der VASK Ostschweiz und Präsident der VASK Schweiz erfahre ich immerzu, dass zwischen dem, was in den Klinikprospekten steht und sich im Klinikalltag abspielt, oft Welten klaffen. So erfahre ich in meiner Arbeit bei der VASK immer wieder, dass in der Psychiatrie heute die Behandlung in erster Linie mit Medikamenten erfolgt. Offiziell wird aber das Credo verbreitet, dass es keine medikamentöse Therapie ohne Psychotherapie geben darf. Und das stimmt ja auch. Die Psychotherapie sollte immer die Basis der Behandlung sein, während Medikamente darauf aufbauend eine wirksame Unterstützung darstellen können – und nicht umgekehrt, wie es häufig Praxis ist.

Warum ist dem Ihrer Meinung nach so?
Es hat einfach auch zu wenige psychotherapeutisch ausgebildete Fachkräfte – hier muss man sicher ansetzen. In akuten Phasen sind Medikamente zwar die erste Wahl, sollten aber so rasch als möglich mit einer begleiteten Psychotherapie reduziert oder gar abgesetzt werden. Medikamente haben nämlich oft schwere Nebenwirkungen und führen zu Langzeitschäden. Letztere widersprechen dem ärztlichen Prinzip, dem Patienten nicht schaden zu wollen.

Neben den Ärzten und Patienten gibt es auch noch die Angehörigen. Wie lassen sich diese in einer erfolgreichen Behandlung einsetzen?
Sie sprechen da etwas ganz Zentrales an, das aber leider im Argen liegt. Es ist bekannt, dass für eine erfolgreiche Behandlung der Einbezug von Betroffenen und Angehörigen sehr wichtig ist, da die Behandlungen effektiver sind und auch potenziell günstiger werden. Tatsächlich werden die Angehörigen aber viel zu wenig als Partner in die Behandlung integriert. Die Behandlungsteams nehmen den Einbezug der Angehörigen noch viel zu wenig wahr. Manchmal verstecken sie sich auch hinterm Berufsgeheimnis und lassen die Angehörigen mit ihren Sorgen und Nöten allein. Dabei wäre eine professionelle Angehörigenbegleitung auf den Stationen wichtig, denn Angehörige sind selbst viel anfälliger für psychische Erkrankungen. Einige Kliniken verfügen zwar über professionelle Beratungsstellen für Angehörige. Diese erfüllen zwar die wichtige Informationspflicht, sind leider aber nicht in die direkte Behandlung eingebunden.

Bald ist der «Tag der psychisch Kranken». Warum benutzen Organisationen wie die VASK Ostschweiz die Gelegenheit, um auf ihn aufmerksam zu machen?
Um weiter die Bevölkerung fürs Thema zu sensibilisieren. Denn im Gegensatz zu körperlich Kranken leiden psychisch Kranke nach wie vor unter Stigmatisierung, Ablehnung und ungerechtfertigten Schuldzuweisungen. Psychisch krank zu sein, ist immer noch mit Scham behaftet – und das bekommen auch die Angehörigen zu spüren. Dabei müsste es doch das Ziel der heutigen und künftigen Psychiatrie sein, dass kein Patient und kein Angehöriger sich mehr schämt wegen einer psychischen Erkrankung. Daran werden wir als VASK Ostschweiz auch weiterhin mitarbeiten, denn kein Mensch verdient es, wegen einer psychischen Erkrankung ausgegrenzt, stigmatisiert, diskriminiert oder auf irgendeine Art und Weise entwürdigt zu werden. Um das zu erreichen, gilt es sich daran zu machen, was Anna Miller am 9. Juli 2021 in ihrem Kommentar im „Tagblatt“ schrieb: Die Psyche muss Priorität erhalten.

Was will die VASK Ostschweiz eigentlich?

Die Selbsthilfeorganisation VASK Ostschweiz wurde 1988 von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen gegründet. Die Vereinigung zählt heute in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Glarus, beide Appenzell sowie im Fürstentum Liechtenstein rund 170 Mitglieder. Diese sind alle als Angehörige von der schweren psychischen Erkrankung eines Familienmitglieds betroffen und wollen einander durch die Vereinigung sich gegenseitig unterstützen und beraten. Gemeinsam mit der VASK Schweiz strebt sie grundlegende Verbesserungen der Situation der Angehörigen von Menschen mit psychischer Erkrankung an. Sie engagiert sich für die Aufklärung der Bevölkerung über psychische Erkrankungen und deren Auswirkungen auf die Angehörigen und zu trägt bei zur Entstigmatisierung von psychisch Kranken bei.

Christof Lampart