Sie leiten seit über 25 Jahren das Theater Jetzt – eine sehr lange Zeit. Wurde es Ihnen nie langweilig?

Theater Jetzt arbeitet ja projektbezogen. Immer wieder an neuen Orten. Immer wieder mit neuen Leuten. Wo man immer wieder neu reagieren muss. Langeweile kommt da ganz selten auf, weil null Routine.

Die Ostschweiz ist relativ beschaulich. Hätte es Sie nie gereizt, in einer Grossstadt ein Theater zu leiten?

Die Frage impliziert so eine Grundhaltung von «da ist Theatermachen toll, hier nicht so». Das ist falsch. Gerade im der Ostschweiz ist eine recht tolle Off-Kultur am werkeln, die sich aber in der «offiziellen» Ostschweiz nicht recht positionieren kann und vielleiht auch nicht immer will. Ausserdem ist das Theater Jetzt nicht «nur» in der Ostschweiz. Wenn wir beispielsweise im Puschlav oder Tessin Theater machen in der touristischen Hochsaison, kommen ganz viele Gäste aus der Stadt gucken, die wahrscheinlich in Zürich nie Theater Jetzt gucken würden. Ausserdem: Ich bin ein Kind der 80er und war sehr beeindruckt von der aufkommenden Off-Szene wie M.A.R.I.E, dem Zirkus Rigolo oder auch dem Momoll-Theater. Die wiederum entstanden wohl alle so unter dem Eindruck der «Roten Grütze» aus Berlin. Das atmete schon eine unverschämte Freiheit, die es an den Stadttheatern so nicht immer gibt.

Sie haben einmal gesagt, dass zuallererst der Inhalt für ein neues Stück interessieren muss. Wenn Sie zurückblicken: Was war die wohl spannendste oder aussergewöhnlichste Erfahrung, die Sie erlebt haben?

Im Heizungs-Keller vom Hotel Le Prese spielten wir einmal eine Szene, die zeigte, wie die Bevölkerung bei den Wasser-Nutzungsrechte des Lago di Poschiave zwecks Energiegewinnung sehr arrogant über den Tisch gezogen wurde. Eine Frau im Publikum, die die damaligen Verhandlungen noch selbst erlebt hatte, beschimpfte den Protagonisten auf der Bühne lautstark und aggressiv. Ihre Kollegin hat sie dann beruhigt und ihr erklärt, dass das «nur» Theater ist.

Nun ist mit der Corona-Krise sicher eine Erfahrung präsent, die Sie so noch nie gemacht haben. Was denken Sie, wie geht es mit der Kulturbranche weiter?

Die Krise geht vorbei und dann geht’s weiter.

Wie geht es dem Theater Jetzt?

Wir hatten mit der aktuellen Produktion «Trainingslager» bis jetzt Glück. Nun müssen wir bei den zuständigen Ämtern vorstellig werden, um die Finanzierung zu klären. Ansonsten sind wir in der Planung für die nächsten zwei Jahre. 2021 sollte der Spuk ja vorbei sein.

Was würden Sie sich wünschen? Wo müssten die Hebel angesetzt werden, damit Ihnen und dem Theater geholfen werden kann?

Wir werden jetzt zum ersten Mal «Corona-Entschädigung» beantragen. Sollte das klappen, ist ja alles gut. Ich verstehe das auch nicht als Hilfe. Sondern als Entschädigung. Was mit der Gastro-Szene diesbezüglich passiert, finde ich viel heikler. Das sind echt arme «Hagle».

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Mit welchen Gefühlen tun Sie das?

Bezüglich Theater Jetzt freu ich mich auf alles, was kommt. Ich mag diesen Betrieb. Bezüglich Corona hoffe ich, dass diese aufkommenden Gehässigkeiten im Volk keine Spuren hinterlassen.

Sehen wir von der Corona-Krise einmal ab – Was wollen Sie beim Theater unbedingt noch erreichen?

Theater Jetzt war immer ein etwas planloses Unternehmen. Vieles aus dem Bauch heraus. Es kommt, wie’s kommt. Was mich aber schon reizt, ist – und damit schliesst sich auch schön unser Gespräch – dass wir mehr in Kontakt kommen mit der Euregio Bodensee. Das gibt’s meines Erachtens schon noch tolle Sachen zu entdecken.