Hinter einer dicken und dunklen Metalltüre verbirgt sich ein Berg an Schätzen. Schätze, die für die Stadt Wil und speziell auch für die Ortsgemeinde Wil von grosser historischer Bedeutung sind. Pergament-Urkunden, Ratsprotokolle, Steuerbücher, alte Zeichnungen, Fotografien. Die ersten Dokumente stammen aus dem 13. Jahrhundert. Es ist das alte, historische Archiv von Wil, wie der Mann, der für sie verantwortlich ist, erklärt. Ein Blick hinter die dicke Türe - und man taucht in eine Welt, in der man Tage verbringen könnte und immer wieder etwas Neues lernt. Denn in diesem gewölbten, kühlen Raum sind über 600 Pergamenturkunden ab dem Jahr 1289 von Äbten, Päpsten und Kaisern sicher verstaut. Der Mann nimmt ein Ratsprotokoll heraus, das mit dem Jahr 1529 datiert sind. Das Pergament ist gut erhalten. Und obwohl das Stück Wiler Geschichte über 490 Jahre alt ist, kann man die Tintenschrift perfekt lesen.

Seit 25 Jahren arbeitet Werner Warth in einem Teilzeitpensum von je 30 Prozent für die Stadt und die Ortsgemeinde. Dabei hat der Archivar jede Menge zu tun. «Ich liebe meinen Beruf», sagt Warth. Dabei versucht er zu erklären, dass die Arbeit eines Stadtarchivars gar nicht so langweilig und trocken ist, wie viele vielleicht denken würden. «Natürlich lese ich viel und kenne die Geschichte von Wil ziemlich gut», sagt Warth, «aber in meinem Alltag gehört noch viel mehr dazu». Dabei liegt es dem Mann, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Volkskunde und historische Hilfswissenschaften studiert hatte, am Herzen, den Unterschied zwischen dem Archiv der Ortsgemeinde und dem Archiv der politischen Gemeinde zu erklären. Das Archiv der Ortsgemeinde ist das ältere und historische Archiv. Seit der Gründung des Kantons St. Gallen um 1803 gibt es auch politische Gemeinden als Vertreter der Einwohner im Gegensatz zur Ortsgemeinde als Vertreterin der Einwohner mit dem jeweiligen Ortsbürgerrecht. Laut Warth findet man im Stadtarchiv ab 1519 bis 1803 sämtliche Stadtsratsprotokolle. Da sie noch wichtige Aufgaben wahrnimmt, produziert die Ortsgemeinde noch heute Material für das Archiv», erklärt Warth. Dabei handle es sich vor allem um die Pflege der Wälder um Wil, des Rebberges und um kulturelle Aufgaben wie beispielsweise den Unterhalt des Museums, der Tonhalle oder des Baronenhauses.

 

Im Video zeigt Stadtarchivar Werner Warth bedeutende historische Dokumente und Gegenstände der Ortsgemeinde und Stadt Wil. (Video Magdalena Ceak)

Stadtarchivar tappt im Dunkeln

Sein Büro ist im Baronenhaus in der Wiler Altstadt, angrenzend zum Archivgewölbe der Ortsgemeinde. Auf dem grossen Schreibtisch und einem langen Beistelltisch von Warth stapeln sich grosse Berge an Unterlagen, Zeitungen, Büchern, Fotobüchern und Akten. Es herrscht aber keine Unordnung. Ecke auf Ecke sind die Dokumente Millimeter genau aufeinandergereiht. «Ich habe eben meine ganz eigene Ordnung», sagt Warth und richtet seine Brille. Er habe ein System - und so wisse er, wo sich welche Unterlagen befinden. Denn sämtliche Dokumente müssen im Computer erfasst werden. Er nimmt ein paar Fotobücher von einem Stapel und öffnet sie vorsichtig.

«Viele Dokumente und Fotos werden uns von Einwohnern der Stadt Will geschenkt», erzählt Warth. So würden Lücken in der Geschichte gefüllt. Aber eben, das Sammeln und Archivieren von historischen Unterlagen ist nicht seine einzige Aufgabe. «Ich bekomme täglich Anfragen von Bewohnern, die etwas historisches über ein Gebäude oder eine Person erfahren möchten», schildert Warth seine Aufgaben. Und genau das sei das Herausfordernde an seinem beruflichen Alltag. Denn manchmal tappt auch der Stadtarchivar im Dunkeln. «Ich kenne bei weitem nicht die ganze Wiler Geschichte – und da muss ich immer wieder nachforschen», sagt er. Dabei hat Warth einen eigenen Namen für sich: «Archivratte».

Eine ganz eigene Sprache und Schrift

Noch immer steht Warth im Gewölbe, wo sich das ganze Archiv der Ortgemeinde Will befindet. Gerichtsbücher, die ab Ende des 15. Jahrhunderts gesammelt wurden, reihen sich aneinander. Dann liest Warth einen Textabschnitt aus einem Mandatbuch aus dem Jahr 1427 vor – mit einer Verordnung zu Recht und Sitte. Warth zeigt einige schwar-weiss Fotos. Zu jedem hat er eine Geschichte, die er stundenlang erzählen könnte. Und die Fotosammlung umfasst über 35'000 Bilder, Dias und Negative. Erste Steuerbücher stammen aus dem Jahr 1403, Bauamtsrechnungen aus dem Jahr 1557. Dazu kommen Gewerbeordnungen für Bäcker, Wirte und Metzger. Besonders stolz ist Warth, als er erzählt, dass sich sämtliche Tageszeitungen komplett im Archiv befinden.

«Die Schrift und Sprache aus früheren Jahrhunderten ist ganz eigen», sagt der 60-jährige Stadtarchivar. Diese beherrscht Warth seit seinem Studium. «Aus den Archiven der Ortsgemeinde und der Stadt kann man sehen, wie sich Wil und die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt haben. Das sei spannend und aufregend – und das, was ihn in den vergangenen 25 Jahren angespornt hat und es immer noch tut, um den Beruf des Stadtarchivars auszuüben. Ein Problem sieht Warth jedoch bei der Archivierung der Dokumente, Bilder und Unterlagen der Gegenwart und Zukunft. «Denn heute wird nicht mehr alles auf Papier festgehalten», sagt er. Für ihn als Stadtarchivar sei dies eine grosse Herausforderung. «Es ist einfach, eine Printzeitung zu sammeln und das Papier zu schützen», erklärt Warth. «Aber was machen wir mit News-Plattformen wie beispielsweise hallowil.ch?» Das sei schier unmöglich, alle bedeutenden Artikel digital aufzubewahren. Das seien Unmengen an Daten, aber vor allem die Frage nach Aufbewahrungsmedien, die Jahrhunderte überdauern können. Um dieses Thema zu veranschaulichen, nennt er ein weiteres Beispiel: «Die Tweets von US-Präsident Donald Trump sind, historisch gesehen, bedeutend.» Aber heute habe man noch kein sinnvolles Verfahren, um diese zu fachgerecht zu archivieren und zu bewahren.